Coronavirus“Infektionsschutz darf nicht auf Kosten der Hausärzte gehen”

Hausärzte sind für die meisten Patienten auch bei SARS-CoV-2 die ersten Ansprechpartner. Doch strukturelle Mängel erschweren ihnen das richtige Vorgehen und den Selbstschutz. Das kritisiert DEGAM-Präsident Prof. Martin Scherer und macht Vorschläge, wie man sich besser vorbereiten, aber auch den aktuellen Ansturm meistern kann.

Viele Hausärzte haben keine oder zu wenige Schutzmaterialien, Desinfektionsmittel wird knapp. Die Finanzierung ist in Teilen ungeklärt und es gibt bisher keine zentrale Koordinationsstelle für die Niedergelassenen: Die KVen oder Gesundheitsämter beantworten Anfragen von Ärzten sehr unterschiedlich. Ihre Befragung von Hausärzten nach EHEC hat bereits 2014 auf genau diese Defizite hingewiesen. Wie wird das derzeit aus Ihrer Sicht in die Pandemiepläne eingearbeitet?

Prof. Martin Scherer: Unsere Studie wurde damals nicht breit rezipiert und daher hat sich einiges leider nicht grundlegend geändert. Zu kritisieren ist zum Beispiel, dass DEGAM und Hausärzteverband bei Abstimmungen in den unterschiedlichen Gremien nicht mit am Tisch sitzen, obwohl Hausarztpraxen bei einer Pandemie und auch jetzt bei Corona diejenigen sind, die die breite Masse der Patienten und besorgten Bürger behandeln und beruhigen müssen.

Und gerade weil sie in vorderster Front stehen, dürfen Schutzmaterialien nicht knapp werden. Das heißt, idealerweise müsste eine zentrale Stelle diese an die Praxen bei Bedarf verteilen. Stattdessen ist es derzeit so, dass die Praxisinhaber selbst die Schutzausrüstung für sich und ihre Angestellten bezahlen müssen und zur Refinanzierung gibt es keine EBM-Ziffer. Meiner Meinung nach darf Infektionsschutz nicht auf Kosten der Hausärzte gehen.

Ab März richtet das Bundesgesundheitsministerium eine neue Abteilung für Gesundheitsschutz ein.

Scherer: Dann hoffe ich, dass hier auch der Hausärzteverband für die Praxisfragen und die DEGAM für wissenschaftlich-medizinisches Vorgehen gehört werden.

Viele Hausärzte bemängeln, dass das Vorgehen des Robert Koch-Instituts (RKI) zu sehr auf die stationäre Versorgung zielt und sie damit in der Praxis nicht gut arbeiten können. Außerdem kostet es zu viel Zeit, sich zu tagesaktuellen Änderungen zu informieren.

Scherer: Am besten wäre jeder Hausarzt und jede Hausärztin Mitglied im Hausärzteverband und der DEGAM. Denn beide haben an der Stelle gute Arbeit geleistet. Der Verband informiert zum Beispiel durch „Der Hausarzt“ und Anschreiben, die DEGAM hat spezielle DEGAM-Benefits und Newsletter rausgeschickt. Beide haben so schon im Januar Leitfäden, Praxistipps und Muster-Dokumente für Hausärzte bereitgestellt, um sich vorzubereiten. Trotzdem müssen die Hausärzte durch Verband und DEGAM noch besser mit der Selbstverwaltung, Behörden und dem RKI vernetzt werden.

Natürlich stellen Praxisleitfäden immer den Goldstandard dar. Da muss jeder versuchen, sich ein wenig zu strecken – und wenn es in der eigenen Praxis nicht geht, müssen auch wir es adaptieren. So ist zum Beispiel seit gestern der Grippe-Schnelltest, aufgrund der aktuellen epidemiologischen Situation, nicht mehr Bestandteil unseres Leitfadens. Normalerweise wird die Grippe klinisch diagnostiziert, deswegen hat nicht jeder den Schnelltest vorrätig.

Das erkennen die Praxen auch an, ist mein Eindruck. Aber viele fühlen sich zu spät informiert. Jetzt wollen sie sich ausrüsten und es gibt nichts mehr.

Scherer: Da muss sich das Gesundheitssystem in toto an die Nase fassen. Wir reden über Apps, ein Gesetzentwurf jagt den nächsten – haben aber nicht genug Schutzmasken, wenn wir sie brauchen. Das ist einem hochstehenden zivilisierten Gesundheitssystem unwürdig. Deshalb müssen wir in ruhigen Zeiten planen, wie Praxen bei einer Pandemie ausreichend ausgestattet werden. Dafür muss die Solidargemeinschaft sorgen.

Schwierig ist es derzeit, die Infekt-Patienten von anderen adäquat zu trennen. Nicht in jeder Praxis ist das räumlich machbar, dann bleibt nur noch, sie zu verschiedenen Zeiten zu betreuen. Aber die Telefone klingeln schon heiß. Ihre Tipps für die Triage?

Scherer: Optimal wäre, dass Patienten sich bei ihrem Hausarzt nur telefonisch melden. Aber wenn sie niemanden erreichen, gehen sie eben doch in die Praxis. Da können wir noch so oft sagen, „wir sind vorbereitet“. De facto müssten die Strukturen, vor allem zur Patientensteuerung, besser sein. Eine Praxis ist ein ökonomisch funktionierender Betrieb: Man kann sich weder eine Kraft leisten, die ständig am Telefon sitzt, noch mal eben einen freien Raum anmieten, der ansonsten nicht genutzt wird.

Und das Telefonproblem setzt sich fort: Auch die Gesundheitsämter sind für Hausärzte bei einem Verdachtsfall nicht immer zu erreichen, um das weitere Vorgehen abzustimmen.

Scherer: Richtig, es fehlt eine gute Kommunikationsstruktur. Früher hätte man „rotes Telefon“ gesagt. Um die einzelnen Akteure zu verbinden, brauchen wir eine Kommunikationsplattform.

In vielen Regionen wird bereits über die Notdienstnummer 116 117 abgepuffert. Mit der geplanten Notfallreform wäre dieser Weg doch prädestiniert für eine Triage? Insbesondere wenn von dort auch – wie von den Gesundheitsweisen vorgeschlagen – Patienten gezielt in die Hausarztpraxen geleitet werden könnten.

Scherer: Das wäre optimal, weil man dadurch die Kommunikationsströme lenken und zentralisieren kann. Je mehr Menschen an zentralen Stellen anrufen, desto leichter ist es, diese zentralen Stellen zu schulen, zu informieren und Standards flächendeckend zu implementieren.

(nachträgliche Anmerkung der Redaktion: Seit 28.2. abends läuft auf der 116 117 eine Bandansage, die Patienten zum Coronavirus informiert)

Kommen wir nochmal auf die RKI-Vorgaben zurück. Viele Ärzte tun sich schwer, die Definition der Risikogebiete anzuwenden. Zum Beispiel kommt ein Patient aus Mailand mit den typischen, aber eher milden Beschwerden. Zum Zeitpunkt des Gesprächs gehört Mailand noch nicht zum Risikogebiet, sondern grenzt nur an eines. Testen Sie auf SARS-CoV-2 oder nicht?

Scherer: Ich würde mich im Augenblick an die RKI-Definition halten. So sieht es auch die DEGAM. Eine Definition ist nie vollkommen, aber dahinter liegt ein stringenter Prozess des RKI. Wir brauchen einheitliche Standards für einen geordneten Ablauf. Denn wenn jeder etwas Anderes sagt, entsteht Chaos und fördert Verunsicherung.

Die Risikogebiete ändern sich ja auch täglich. Was raten Sie dann unserem „Mailänder Patienten“?

Scherer: Stimmt, das ist momentan ein kleiner Erdkundekurs (schmunzelt). Neben den allgemeinen Hygieneempfehlungen würde ich ihn zunächst bitten, die nächsten 14 Tage zuhause zu bleiben, sofern es die Beschwerden zulassen, und breite gesellschaftliche Kontakte zu vermeiden. So verschaffe ich mir Zeit, um zu sehen, ob Mailand doch noch als Risikogebiet deklariert wird. Wenn es soweit ist, veranlasse ich einen Test.

Wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung ein, mit einer starken Grippewelle vergleichbar?

Scherer: Das weiß man leider immer erst hinterher. Aber ich gehe davon aus, dass sich das aktuelle Coronavirus als nicht gefährlicher als die gängigen Influenzastämme erweisen wird. Jetzt haben wir viele Zahlen aus dem Ausland und viele Symptomträger mit blanden Verläufen – wenn man das berücksichtigt, wird die Mortalitätsrate wahrscheinlich noch deutlich sinken.

Die Sterblichkeit hängt auch von der Region und den jeweiligen Gesundheitssystemen ab.

Scherer: Richtig, das schwankt sehr stark von Region zu Region, von Population zu Population, von Individuum zu Individuum. Im Augenblick sind nur sehr wenige Deutsche betroffen, da ist es noch nicht möglich, für Deutschland verlässliche Aussagen zu machen.

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