Hausarztzentrierte Versorgung10-Jahres-Evaluation zeigt Versorgungsvorteile

Weniger schwere Komplikationen bei Diabetes-Patienten, weniger unkoordinierte Facharztkontakte, geringere Kosten für das Gesundheitssystem: Die Langzeit-Evaluation zum zehnten Geburtstag der Hausarztzentrtierten Versorgung (HZV) In Baden-Württemberg zeigt, wo die Hausarztprogramme gegenüber der Regelversorgung punkten.

Weniger schwere Komplikationen bei Diabetes-Patienten, weniger unkoordinierte Facharztkontakte, geringere Kosten für das Gesundheitssystem: Die Langzeit-Evaluation zum zehnten Geburtstag der Hausarztzentrtierten Versorgung (HZV) In Baden-Württemberg zeigt, wo die Hausarztprogramme gegenüber der Regelversorgung punkten.
Aufmunternde Ergebnisse: Vorstellung der 10-Jahres-Evaluation der HZV in Baden-Württemberg am Dienstag (9. Oktober).© Jana Kötter

Berlin. Versicherte, die an der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) teilnehmen, werden besser versorgt als jene, die nicht in Hausarztprogrammen eingeschrieben sind. Das zeigt die umfassende Evaluierung über eine Dekade hinweg, deren Ergebnisse am Dienstag (9. Oktober) zum zehnjährigen Bestehen der HZV in Baden-Württemberg vorgestellt wurden. Laut den Forschungsergebnissen der Universitäten Frankfurt und Heidelberg entfallen pro Jahr 1,2 Millionen unkoordinierte Facharztkontakte. „Am Beispiel der unkoordinierten Facharztkontakte zeigt sich die Relevanz der HZV besonders“, bilanzierte Prof. Joachim Szecsenyi, Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Uniklinikum Heidelberg. „Während nach dem Wegfall der Praxisgebühr im Jahr 2013 die Anzahl der unkoordinierten Facharztkontakte in der Regelversorgung sprunghaft anstiegen, verringerten sich in der HZV diese unkoordinierten Facharztkontakte im Zeitverlauf.“

Dadurch sowie durch vermiedene Krankenhaustage – allein bei rund 166.000 Herzpatienten 46.000 Tage weniger pro Jahr – führe die HZV für eine deutliche Kostensenkung im System: Trotz eines bedeutenden Honorarplus für Hausärzte sowie der deutlichen Investition in die ambulante Versorgung ergeben sich im HZV-System eine Kostenersparnis von 8,2 Prozent gegenüber der Regelversorgung, so Szecsenyi.

Auch für den Hausarzt selbst ergeben sich durch die Teilnahme an der HZV bedeutende Vorteile, betonte Dr. Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg. Dazu zähle eine leistungsgerechte Honorierung ohne Budgetierung, eine vereinfachte Abrechnung sowie das dadurch mögliche Ausbrechen aus dem gefühlten „Hamsterrad“ des Praxisalltags, das viele Kollegen spürten. Darüber hinaus sei die HZV-Teilnahme ein entscheidender Vorteil bei der Nachfolgeplanung: „Praxen mit einem hohen Anteil an HZV-Patienten steigern ihren Wert und sind grundsätzlich attraktiver für den Ärztenachwuchs“, so Dietsche.

„Ländle“ als bundesweiter Vorreiter

Der HZV-Vertrag von Hausärzteverband, AOK und Medi Baden-Württemberg gilt als der bundesweite Vorreiter der HZV. An dem Programm im Südwesten nehmen mittlerweile fast 5000 Haus- und Kinderärzte sowie – in einer regionalen Besonderheit der Facharztvernetzung – 2500 Fachärzte und Psychotherapeuten teil. Bundesweit wächst die HZV: So rechnet der Deutsche Hausärzteverband im Frühjahr 2019 mit fünf Millionen eingeschriebenen Patienten; 1,6 Millionen Menschen nehmen heute bereits in Baden-Württemberg an Hausarztprogrammen teil.

Für die Evaluationsteams sei besonders „beeindruckend“ gewesen, dass die Versorgungsvorteile der HZV-Versicherten von Jahr zu Jahr deutlich erkennbarer wurden, betonte Prof. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uni Frankfurt, in Berlin. HZV-Patienten seien insgesamt älter und häufiger von chronischen Krankheiten und Polypharmazie betroffen als Nicht-HZV-Patienten, so Gerlach. 60 Prozent der 1,6 Millionen eingeschriebenen Versicherten im „Ländle“ sind chronisch krank. Für die Evaluation wurden ähnlich definierte Kontrollgruppen – beachtet wurden Alter, Krankheiten, aber auch Kriterien wie Stadt- oder Landarztpraxis – betrachtet. Gerade bei chronisch kranken Patienten zeigten sich im Vergleich bedeutende Vorteile: „Unsere Analysen zeigen sehr deutlich, dass bei HZV-Patienten mit Diabetes mellitus deutlich weniger und zeitlich später schwerwiegende diabetesbedingte Komplikationen auftreten“, erklärte Gerlach. So hätten die Modellrechnungen für den Beobachtungszeitraum von sechs Jahren (2011-2016) ergeben, dass rund 4000 schwerwiegende Komplikationen – Amputation, Dialyse, Erblindung, Herzinfarkt und Schlaganfall – in der HZV-Gruppe (119.000 Diabetiker) vermieden werden konnten.

Bei 89.000 Patienten über 65 Jahre zählten die Forscher rund 5.400 weniger riskante Arzneimittelverordnungen – sogenannte potenziell inadäquate Medikationen (PIM) – pro Jahr.

Den Untersuchungsergebnissen zufolge ist auch das Sterberisiko geringer als in der Regelversorgung. Im Zeitraum von 2012 bis 2016 seien nach einem statistischen Überlebenszeitmodell 1700 Todesfälle vermieden worden – allerdings seien in dem Modell nicht alle Einflussfaktoren für das Überleben von Patienten erfasst, hieß es am Dienstag.

Wann reagiert die Gesundheitspolitik?

Für Unverständnis sorgte bei den Vertragspartnern bei der Vorstellung der Evaluationsergebnisse die Tatsache, dass die Gesundheitspolitik die Erfolge der HZV nicht bereits stärker wahrgenommen hat. „Die Politik hat sich seit Jahren fest in immer mehr Klein-Klein eingerichtet und greift mit Gesetzen und Vorgaben wie jetzt wieder mit dem Terminservice- und Versorgungsstärkungsgesetz (TSVG) noch tiefer in die Regulierungskiste“, kritisierte Dr. Christopher Hermann, Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg. Seine Kasse hätte 2017 618 Millionen Euro in die alternative Regelversorgung investiert – „hervorragend angelegtes Geld“, so Hermann. In der Regelversorgung seien im gleichen Zeitraum 50 Millionen Euro mehr ausgegeben worden, bei nachweisbar schlechterer Versorgung der Versicherten.

Für Dr. Norbert Smetak, Vize-Vorsitzender von Medi Baden-Württemberg, sollten sich andere Regionen und Kassen vor allem an den Facharztverträgen nach baden-württembergischen Vorbild orientieren. Dies erübrige auch den unnötigen Vorstoß des TSVG, die Terminservicestellen auszubauen. „Das leben wir heute bereits konkret“, betonte er. Dabei plädierte er für eine finanzielle gesetzliche Förderung solcher Verträge. Seit einem Jahr laufende Gespräche zwischen Medi und dem Bundesgesundheitsministerium seien bislang jedoch ohne Erfolg geblieben.

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