Corona-Impfung“Astrazeneca für alle” wirft Fragen in Praxen auf

Bundesgesundheitsminister Spahn kündigt Astrazeneca für alle an – und lässt damit zahlreiche Praxis-Telefone heiß laufen. Nicht nur das Ende der Priorisierung, vor allem der nun individuell zu bestimmende Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung sorgt für neuen Beratungsbedarf.

"Kann ich meinen Impftermin vorziehen?" Viele Ärzte und ihre Teams sind jetzt mit Fragen konfrontiert.

In der kommenden Woche sollen eine Million Astrazeneca-Dosen an die Arztpraxen in Deutschland geliefert werden, die dann ohne Priorisierung vergeben werden. Das kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Freitag (7. Mai) in Berlin an.

Am Vortag hatten Bund und Länder die Priorisierung mit einer festen Vorrangliste für den Impfstoff aufgehoben. “Das heißt, dass beim Impfen in den Arztpraxen die Ärzte entscheiden, wer jetzt wann mit dem Impfen dran ist”, sagte Spahn. Einzelne Bundesländer waren diesen Weg bereits gegangen, nun gilt die Regel bundesweit. Künftig ist es dem Arzt in Absprache mit dem Impfling auch freigestellt, den Abstand für eine Astrazeneca-Zweitimpfung von zwölf auf bis zu vier Wochen zu verkürzen.

Impflogistik mit Hürden

Hausärztinnen und Hausärzte sehen die Entscheidung ambivalent. Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, appellierte, nicht länger zu diskutieren, ob die “streng geprüfte, bereits zugelassene Vakzine wirklich gut genug für uns ist“. “Wir müssen impfen – alles, was da ist, allen, die es wollen. Jetzt.“

Andererseits stellt die Ankündigung viele Praxen vor neue Herausforderungen. Telefone seien am Freitag heiß gelaufen, berichteten zahlreiche Hausärztinnen und Hausärzte gegenüber „Der Hausarzt“. In Online-Terminbuchungsportalen seien Impfungen auch von Jüngeren mit Verweis auf Spahns Ankündigung gebucht worden, obwohl Praxen klar angegeben hätten, bislang noch ausschließlich Altersgruppen über 60 zu impfen.

Dabei ist die Impflogistik bislang ohnehin wackelig; Praxen hatten zuletzt mit kurzfristig veränderten Liefermengen zu kämpfen, darüber hinaus nehme nun vermehrt der “Impfneid” zu, beobachten einzelne Ärztinnen und Ärzte. Den nun angekündigten Astrazeneca-Impfstoff haben die Praxen noch nicht an Lager.

STIKO gegen Ende der Priorisierung

Empfohlen wird die Impfung mit Astrazeneca durch die Ständige Impfkommission (STIKO) nur für Menschen ab 60. Die Impfung von Jüngeren erfolgte bislang nur nach individueller Abwägung und nur in Praxen; zuvor waren vereinzelte, aber sehr schwere Nebenwirkungen vor allem bei jüngeren Frauen aufgetreten.

Die STIKO hatte sich kurz vor dem Beschluss der Gesundheitsminister der Länder zunächst weiter für eine bevorzugte Impfung besonders gefährdeter Gruppen gegen Covid-19 ausgesprochen. Es gebe bei anhaltend hoher Impfbereitschaft einen “noch beträchtlichen Anteil an impfbereiten Personen mit hohem Risiko für einen schweren Covid-19 Verlauf, die noch keine Möglichkeit zur Impfung hatten”. So seien rund 45 Prozent der 70- bis 79-Jährigen und fast 70 Prozent der 60 bis 69-Jährigen bisher nicht geimpft (Stand: 28. April). Es handelt sich allein in diesen beiden Gruppen nach STIKO-Angaben um 10,8 Millionen Menschen.

Auch bei jüngeren Vorerkrankten sei nur etwa ein Viertel einmal geimpft.

Verkürzung des Impfabstands ist umstritten

Besonderen Beratungsbedarf bringt die Ankündigung, dass der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung künftig verkürzt werden darf, mit sich. Medizinisch ist dies umstritten.

Hintergrund sind Beobachtungen, dass der längere Abstand zu einer besseren Wirksamkeit führt. Die Wirksamkeit einer zweimaligen Impfung im Abstand von vier bis acht Wochen liegt laut einem Bericht der europäischen Zulassungsbehörde EMA bei 50,4 Prozent. Bei zwölf und mehr Wochen steige sie auf 72,1 Prozent bis 82,4 Prozent an. Eine aktuell im “Lancet” veröffentlichte Studie unterstreicht das. 

Auch Spahn selbst sagte zwar: “Die Wirksamkeit ist umso höher, desto länger der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung ist.” Er verteidigte den Schritt jedoch: Viele wollten sich augenscheinlich derzeit nicht mit Astrazeneca impfen lassen, weil sie dann erst im August den vollen Impfschutz bekommen. Da auch die Erstimpfung schon gegen das Virus schütze, sei so eine geringere Akzeptanz aber für die Pandemiebekämpfung insgesamt nicht gut. “In dieser Phase der Pandemie haben wir ein großes Interesse daran, dass viele Menschen sich impfen lassen.”

 

 

 

 

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