Influenza-ImpfungHier drohen Lieferengpässe

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lockert die Regeln, um Impfstoff-Nachschub aus dem Ausland zu holen - denn in vielen Teilen Deutschlands werden die Vakzinen gegen Influenza in diesen Tagen knapp. "Der Hausarzt" gibt einen Überblick, wo die Versorgungslage bereits besonders eng ist.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lockert die Regeln, um Impfstoff-Nachschub aus dem Ausland zu holen - denn in vielen Teilen Deutschlands werden die Vakzinen gegen Influenza in diesen Tagen knapp. "Der Hausarzt" gibt einen Überblick, wo die Versorgungslage bereits besonders eng ist.
Impfstoff: Die Vakzinen gegen Influenza werden in vielen Regionen knapp.© Davizro Photography/Fotolia

Berlin. Grippe-Impfstoffe werden in vielen Teilen Deutschlands knapp. Vor allem aus Sachsen, Niedersachsen, dem Saarland, Thüringen und Hessen werden aktuell Lieferverzögerungen oder Engpässe gemeldet. „Die Patienten haben in diesem Jahr möglicherweise viel früher angefangen, sich impfen zu lassen“, sagte Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). „Ob sich auch insgesamt mehr Menschen impfen lassen oder die Impfungen nur früher stattfinden, können wir noch nicht wissen.“ Sie hält die große Grippewelle in der vergangenen Saison für einen möglichen Grund für das aktuelle Interesse. Dadurch seien vermutlich mehr Menschen für das Thema sensibilisiert.

Andere verweisen auf den nun als Kassenleistung verfügbaren Vierfach-Impfstoff. Er gilt als wirksamer als derjenige mit drei Komponenten. Recherchen von „Der Hausarzt“ hatten bereits zu Jahresbeginn ergeben, dass sich Lieferengpässe abzeichnen könnten. Einzelne Kassen sprachen damals bereits von einem drohenden „weitestgehenden Impfausfall für die kommende Saison“.

Das Bundesgesundheitsministerium nennt als mögliche Ursachen für den aktuell vorherrschenden Mangel neben einer höheren Nachfrage eine verspätete Bestellung von Grippe-Impfstoffen durch Ärzte und Apotheker, zu große Vorräte in manchen Arztpraxen und Apotheken sowie Direktverträge zwischen Krankenkassen und Apothekern.

„Jeder, der will, muss sich impfen lassen können“

Angesichts der regionalen Engpässe hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) jüngst angekündigt, die Vorschriften für die Beschaffung zu lockern. Demnach können die Bundesländer bei regionalem Bedarf erlauben, dass sich Apotheken und Arztpraxen untereinander mit Grippeimpfstoff versorgen und dass aus anderen Ländern der Europäischen Union bezogene Impfstoffe in den Apotheken abgegeben werden. „Klar muss sein: Jeder, der will, muss sich gegen Grippe impfen lassen können“, sagte Spahn dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (21. November). Insgesamt sind laut Ministerium in Deutschland 15,7 Millionen Dosen verfügbar. Das seien rund eine Million mehr als im vergangenen Jahr genutzt wurden.

Die Pharmakonzerne können für diese Saison keinen Grippe-Impfstoff mehr herstellen. Es dauere etwa sechs Monate, um einen üblichen Impfstoff auf Hühnereibasis zu produzieren, sagte eine Sprecherin des Herstellers Sanofi. „Zur Zahl der Vorbestellungen packen wir eine gewisse Sicherheitsmarge drauf, aber wir können nicht für 80 Millionen Menschen produzieren.“

Wie sieht es in den Bundesländern aus?

  • Behörden und Krankenkassen haben in Bayern angesichts der Lieferengpässe bei Grippeimpfstoffen schnelle Hilfe versprochen. Die Bayerische Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (LAGI) habe beschlossen, dass „alle an der Versorgung Beteiligten, insbesondere Apotheken, Hersteller und Ärzte ermitteln, ob und wo noch Impfdosen vorrätig sind“, hieß es in einer Mitteilung vom Mittwochabend (28. November) in München. Die Behörden wollen die Ärzte unterstützen, um untereinander Impfstoffe auszutauschen. Die bereits existierende Tauschbörse des Bayerischen Apothekerverbandes werde beibehalten. Auch solle an Lösungsmodellen für die kommenden Wintersaisons gearbeitet werden. Eine Woche zuvor (21. November) hatte der Bayerische Hausärzteverband von ersten Problemen bei Ärzten berichtet, die jetzt nachbestellen wollten. In manchen Praxen sei der im Sommer bestellte Impfstoff schon aufgebraucht. „Es ist zu vermuten, dass es jetzt schon zu Engpässen kommt, weil es den Vierfachimpfstoff auch für Kassenpatienten gibt“, sagte eine Sprecherin. Deshalb ließen sich womöglich mehr Menschen impfen. Just am Mittwoch seien Meldungen über erste Engpässe unter anderem aus Augsburg, Unterfranken und der Oberpfalz beim Verband eingegangen.
  • In Baden-Württemberg ist die Versorgung wohl bisher gesichert. „Von einem massiven Mangel ist uns nichts bekannt“, teilte eine Sprecherin des Sozialministeriums in Stuttgart mit. Zwar habe es Meldungen gegeben, wonach in manchen Regionen Baden-Württembergs der Impfstoff vergriffen sei. Für ein größeres Gebiet gelte das bisher aber nicht.
  • Grund zur Sorge gibt es dem Apothekerverband in Rheinland-Pfalz zufolge derzeit nicht. „Es ist eigentlich in jedem Jahr so, dass der Grippeimpfstoff irgendwann schlicht alle ist“, sagte ein Verbandssprecher. Noch könne in Rheinland-Pfalz geimpft werden. Der vorhandene Impfstoff sei schon auf dem Markt, eine Nachbestellung sei aber kaum möglich. „Derzeit haben die Apotheken so gut wie keine Chance mehr, vom Großhandel Impfstoff zu bekommen.“ Deswegen könne es zu lokalen Engpässen kommen. Nach der Umstellung auf den Vierfach-Impfstoff hätten sich Hersteller und Krankenkassen erst auf einen neuen Vertrag einigen müssen. Zudem habe die Kassenärztliche Vereinigung des Landes ihre Mitglieder diesmal dazu aufgerufen, keinen Impfstoff vorzubestellen.
  • Wer im Saarland in dieser Grippesaison noch nicht geimpft ist, geht nach Einschätzung der Apothekenkammer des Landes leer aus. Im Vergleich zum Vorjahr gebe es zwar keine Unterversorgung. Aber: „Wir haben jetzt ein Problem, weil die Nachfrage hoch ist und die Saison noch jung“, sagte der Geschäftsführer der Kammer, Carsten Wohlfeil. Er verweist als Gründe einerseits auf die neue Vierfach-Vakzine, andererseits auf eine Impfkampagne.
  • In Sachsen wurde nach Engpässen eine Lösung gefunden: Apotheker und Ärzte sollen schneller und unbürokratisch mit zusätzlichem Grippe-Impfstoff versorgt werden. Die Apotheker können den Impfstoff auf Basis einer Allgemeinverfügung direkt beim Hersteller Mylan bestellen und anschließend die Ärzte mit Impfstoff beliefern, wie das Gesundheitsministerium am Freitag (30. November) in Dresden mitteilte. „Damit sollte sich die Situation im Freistaat deutlich entspannen“, sagte Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU). Die Landesdirektion hatte zuvor arzneimittelrechtlich den Weg freigemacht, damit sächsische Apotheken direkt beim pharmazeutischen Unternehmen Impfstoff nachbestellen können. Diese zusätzlich zur Verfügung stehenden Impfstoffe waren zunächst für das europäische Ausland gedacht. Der sächsische Apothekerverband hatte zuvor betont, dass derzeit nur noch wenig Impfdosen gegen Grippe in den Apotheken des Landes vorrätig sind.
  • Die frühe Nachfrage nach Grippe-Impfungen führt in Nordrhein-Westfalen vereinzelt zu Impfstoffmangel. Im Rheinland habe es Einzelmeldungen von Praxen gegeben, die Impfstoff benötigten, sagte ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Auch im Gebiet Westfalen-Lippe sei von einzelnen Ärzten ein Mangel berichtet worden, erklärte der Sprecher der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung. Die Apothekerverbände Nordrhein und Westfalen-Lippe meldeten ebenfalls Engpässe in jeweils wenigen Apotheken.
  • Mit einer Grippewelle rechnen die Experten in Sachsen-Anhalt erst ab Januar. Nach Angaben des Landesapothekerverbands ist in Sachsen-Anhalt nicht mit Engpässen beim Grippe-Impfstoff, wie in manch anderen Bundesländern, zu rechnen. Die Ärzte seien frühzeitig aufgefordert worden, ihre Bestellungen abzugeben, sagte Verbandsgeschäftsführer Matthias Clasen. Alle Ärzte seien entsprechend ihrer Bestellungen beliefert worden. Allerdings sei die Nachfrage nach einer Grippeimpfung in diesem Jahr besonders hoch. Es sei deshalb möglich, dass der Impfstoff im Verlauf der Grippesaison auch in Sachsen-Anhalt knapper werde.
  • Trotz einer im Vergleich zum vergangenen Jahr deutlich gestiegenen Menge an Grippe-Impfstoff zeichnen sich in Schleswig-Holstein Engpässe ab. 2017 habe es 364.000 Impfeinheiten gegeben, in diesem Jahr dürften es hochgerechnet etwa 450.000 Einheiten sein, sagte der Geschäftsführer des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein, Thomas Friedrich, am Donnerstag (22. November) am Rande einer Sitzung des Sozialausschusses des Landtags in Kiel. Das Paul-Ehrlich-Institut gehe bundesweit von 15,7 Millionen Dosen Grippe-Impfstoff in der aktuellen Saison aus – rund eine Million mehr als im Winter 2017/2018. Bemessen nach der Zahl der Menschen würde dies 550.000 Impfdosen für Schleswig-Holstein ergeben. Die Bestellungen machten aber die Akteure im Gesundheitswesen in jedem Bundesland selber, erläuterte Friedrich. Gründe für die Engpässe seien die ungewöhnlich frühen Grippeimpfungen bereits seit Anfang September und eine deutlich größere Nachfrage als im vergangenen Jahr, sagte Friedrich. Die Anbieter hätten ihre gesamte Produktion für Deutschland bereits abverkauft. Für eine Sicherstellung hinreichender Grippe-Impfstoffe auch bei sehr großer Nachfrage sei das bestehende System nicht geeignet, sagte Friedrich. Zu den Akteuren gehörten Arztpraxen, Betriebe und Krankenkassen mit eigenen Impfungen, gesetzliche Krankenkassen sowie private Krankenkassen, die ihren Patienten Impfungen bezahlten. Um das Problem lösen zu wollen, müsste die Politik den Bedarf definieren. Falls Impfstoff dann übrig bleibe, müsste die Gesellschaft dies eben bezahlen, sagte Friedrich. In Schleswig-Holstein ist die Durchimpfung laut Friedrich von Jahr zu Jahr gesunken. Grund sei offenbar die Impfmüdigkeit vieler Menschen. Wenn sich in diesem Jahr wieder mehr Menschen gegen Grippe impfen lassen, profitieren dadurch laut Friedrich auch jene, die darauf verzichten – weil die Grippe sich nicht so sehr verbreite.
  • Hamburg erleichtert die Beschaffung von saisonalen Influenza-Impfstoffen: Mit dem Erlass einer entsprechenden Allgemeinverfügung ist es seit 3. Dezember möglich, entsprechende Impfstoffkontingente aus anderen EU-Mitgliedsstaaten in Deutschland einzusetzen. Damit bekommen Hamburger Apotheken einen schnellen Zugang zu diesen zusätzlichen Impfstoffkontingenten. Die Allgemeinverfügung ist beschränkt auf Impfstoffe aus der EU, für die eine staatliche Chargenfreigabe durch das Paul-Ehrlich-Institut vorliegt. Weil die Impfstoffe jedoch fremdsprachlich gekennzeichnet sind, wäre ein Bezug ohne die jetzt erlassene Allgemeinverfügung nicht möglich. Aufgrund der aktuellen Knappheit bei Grippeimpfstoffen hatte das Bundesgesundheitsministerium am 23. November offiziell einen Versorgungsmangel der Bevölkerung bei der Versorgung mit saisonalen Influenza-Impfstoffen festgestellt. Auf dieser Grundlage können die Bundesländer Allgemeinverfügungen zum Beispiel zur Beschaffung bestimmter Impfstoffe erlassen, die ursprünglich für das EU-Ausland bestimmt waren (siehe oben). Hamburg macht mit der jetzt erlassenen Verfügung von dieser Möglichkeit Gebrauch. Zuvor hatte der Geschäftsführer des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein sowie des Hamburger Apothekervereins, Thomas Friedrich, Engpässe auch in Hamburg beklagt.
  • In Niedersachsen haben nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) einige Arztpraxen früh sehr viel Impfstoff bestellt. Bei anderen Ärzten, die später bestellt hätten, verzögerten sich jetzt Lieferungen. Im kommenden Jahr will die KVN die Bestellung der Impfstoffe im Land anders regeln. „Wir denken an eine zentrale Bestellung für alle Ärzte in Niedersachsen“, sagte ein Sprecher. Bereits in der vergangenen Woche hatten sich unter anderem Krankenkassen und die Apothekerkammer zu einem „Impf-Gipfel“ bei der KVN getroffen. Ziel sei es, die Bestellung für die Ärzte in Niedersachsen im nächsten Jahr besser zu organisieren, sagte der Sprecher. Die Ausgestaltung dieses Plans solle bei einem weiteren „Impf-Gipfel“ im Januar besprochen werden.
  • In Hessen können Apotheken nach zwischenzeitlichen Engpässen wieder Grippe-Impfstoffe bestellen. Am 21. November hatte der hessische Apothekerverband berichtet, dass die Vorräte erschöpft sind und Apotheker nichts mehr nachbestellen können. Auch in anderen Bundesländern wurden Engpässe gemeldet. Das Bundesgesundheitsministerium stellte daraufhin offiziell einen Mangel der Versorgung der Bevölkerung fest. „Auf dieser Grundlage konnte die in Hessen zuständige Regierungsbehörde eine Allgemeinverfügung zur Beschaffung bestimmter Impfstoffe erlassen, die ursprünglich für das EU-Ausland bestimmt waren“, berichtete der hessische Apothekerverband am Freitag (30. November). 
  • Eine Art Sammelbestellung gibt es seit Jahren in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. „Die Kühlschränke sind noch gut gefüllt“, sagte ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung Berlin. Er verwies auf eine Rahmenvereinbarung mit der AOK Nordost. Die Krankenkasse organisiert die Versorgung mit Grippeimpfstoffen seit 2011 für die drei Bundesländer gemeinsam mit den jeweiligen Apothekerverbänden. Die AOK Nordost habe sich zusammen mit diesen Partnern frühzeitig um die Liefersicherheit bemüht, sagte Susanne Dolfen, Leiterin Arzneimittelversorgung bei der AOK Nordost. „Als erste Region in Deutschland haben wir bereits im Februar 2018 den Bedarf ermittelt, so dass der Grippeimpfstoff frühzeitig bestellt werden konnte.“

Das Robert-Koch-Institut rät insbesondere Menschen über 60, Schwangeren, chronisch Kranken und medizinischem Personal zu einer Grippeimpfung. Nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums hat die Grippe in der vergangenen Saison in Deutschland rund neun Millionen Arztbesuche ausgelöst und zu fast 2000 Todesfällen geführt.

 

Mit Material von dpa

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