Stiftung Perspektive HausarztVon PJmobil bis Finderlohn: So kommen Ärzte aufs Land

Keine Nahverkehrsanbindung, fehlender Breitbandausbau, lückenhafte Kinderbetreuung: Fehlt die entsprechende Infrastruktur, ist es für Ärzte wenig attraktiv, sich in einer Gemeinde niederzulassen. Die Stiftung Perspektive Hausarzt hat das erkannt – und wird tätig.

Keine Nahverkehrsanbindung, fehlender Breitbandausbau, lückenhafte Kinderbetreuung: Fehlt die entsprechende Infrastruktur, ist es für Ärzte wenig attraktiv, sich in einer Gemeinde niederzulassen. Die Stiftung Perspektive Hausarzt hat das erkannt – und wird tätig.
Highway to Landarzt: Viele Wege führen zu mehr Niederlassungen© upixa - stock.adobe.com

Wenn der Arzt stirbt, stirbt das Dorf.“ Dass das mehr als eine Floskel ist, weiß Dr. Klaus Böhme genau. „Denn gleichzeitig setzt damit eine Abwärtsspirale ein: Ist erst einmal die Infrastruktur – Supermärkte, Kinderbetreuung, Nahverkehr – weggebrochen, ist es auch schwer, neue Ärzte fürs Dorf zu begeistern.“ Böhme ist Lehrkoordinator am Institut für Allgemeinmedizin der Uni Freiburg. Aus Gesprächen mit den Studierenden weiß er, dass die Standortfrage einer Praxis bereits im PJ entscheidend sein kann.

Hier setzt daher ein Projekt der Stiftung Perspektive Hausarzt des Deutschen Hausärzteverbands an, für das Böhme Ansprechpartner ist: Mit dem PJmobil erhalten ausgewählte Studierende einen VW up! für ihr PJ in einer Stadt mit weniger als 10.000 Einwohnern. Der Studierende zahlt nur das Benzin, alle weiteren Kosten tragen die Förderpartner: AOK Baden Württemberg, Landeshausärzteverband, Mediverbund und das Autohaus Gehlert [1].

Einer der Geförderten ist Michael Steiniger. Er absolviert sein PJ im baden-württembergischen Teningen. „Ein PJmobil zur Verfügung gestellt zu bekommen, ist für mich ein wichtiges Zeichen.“ Aufgrund des Verkehrs reise er zwar einen großen Teil des Wegs mit dem Zug an, das PJmobil vor Ort ermögliche ihm aber, eigenständig Hausbesuche wahrzunehmen – „ein wichtiger und schöner Teil der Arbeit als Hausarzt“, betont er.

„Darüber hinaus ist das PJmobil eine Art der Würdigung. Das tut der Allgemeinmedizin gut“, meint er. So habe jedes Fach eigene Lehrangebote, und der Hausbesuch in der Allgemeinmedizin sei vergleichbar mit der eigenständigen Wundnaht etwa in der Chirurgie.

Frühe Projekte zahlen sich aus

Dass solche Initiativen nötig sind, zeigt der Blick auf die Zahlen: Bis 2020 werden jedes Jahr rund 2.000 Hausärzte in Deutschland ihre Praxis aufgeben. Speziell auf dem Land ist die wohnortnahe Versorgung damit in Gefahr. Um Lösungen schneller zu liefern, als es die Politik oft vermag, fördert die Stiftung Perspektive Hausarzt neben dem PJmobil eine Vielzahl an Projekten.

Dass sich diese teils schon sehr früh startende Unterstützung auszahlt, konnte Böhme nach einer Befragung von 127 der 142 baden-württembergischen Absolventen des Wahltertials Allgemeinmedizin zwischen 2011 und 2016 zeigen: 60 Prozent der Antwortenden gaben an, eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin absolvieren zu wollen. Und: Mehr als die Hälfte präferierte eine Niederlassung im kleinstädtischen oder ländlichen Bereich.

Auch PJler Michael Steiniger sieht sich durch seine Erfahrungen in Teningen bestätigt, im Ländlichen arbeiten zu wollen. „Auf dem Dorf geht man oft sehr viel persönlicher miteinander um als in der Stadt. Das zeigt sich auch im Arzt-Patienten-Verhältnis“, meint er. Die Studienautoren um Böhme sprechen aufgrund solcher Rückmeldungen gar von einer möglichen Trendwende in Richtung „Stadtflucht“ [2].

Viele Kommunen und Landkreise sehen das jedoch anders: Sie beobachten weiter das gegenteilige Phänomen der Landflucht und werden entsprechend kreativ, um junge Ärzte in die Peripherie zu locken.

Björn Steinbach etwa ist Bürgermeister im baden-württembergischen Lehrensteinsfeld. In seiner 2.200-Einwohner-Gemeinde hat er nach Absprache mit einem Allgemeinmediziner in der Ortsmitte Praxisräume gebaut. Die Kommune kann moderate Mietpreise anbieten – um so durch eine individuelle Absprache die Versorgung aufrecht zu erhalten. Zwei Kilometer weiter sucht Ellhofen (3.650 Einwohner) einen Hausarzt. An den Ortseingängen bewerben Plakate einen „Finderlohn“ für die Vermittlung eines Mediziners: eine Prämie von 5.000 Euro.

Auch die Perspektive Hausarzt bietet nach einer ähnlichen Idee eine Plattform: Auf www.perspektive-hausarzt-bw.de können Gemeinden und Landkreise ihre „Arztwerbung“ schalten.

„Als Kommunen und Landkreise müssen wir uns zunehmend aktiv dafür einbringen, die gesundheitliche Versorgung sicherzustellen“, weiß Dr. Sigrid Stahl, Leiterin der Fachstelle für Gesundheitliche Versorgung des hessischen Vogelsbergkreises. Auch hier verlässt man sich auf kommunaler Ebene nicht auf die Bundespolitik oder vereinzelte Initiativen: So erhalten Studierende, die sich zu einer Weiterbildung in einer Vogelsberger Hausarztpraxis verpflichten, 400 Euro im Monat. Darüber hinaus seien immer wieder Gespräche mit einzelnen niederlassungsbereiten Ärzten geführt worden, um „optimale Pakete“ zu schnüren.

„Nehmt Kontakt mit der Gemeinde oder dem Landkreis auf, in dem ihr eure Praxis eröffnen möchtet“, rät auch die Perspektive Hausarzt Baden-Württemberg jungen Ärzten. Gerade bei der Suche nach Praxis- oder Wohnräumen und beim Marketing helfe das Gespräch.

Für Mark Barjenbruch, Vorsitzender der KV Nordrhein, ist es vor allem das Problem des mangelnden öffentlichen Nahverkehrs, bei dem Gemeinden in der Pflicht sind. Sprich: Patientenbusse, Carsharing, rollende Praxen. „Die Verteilungsproblematik Stadt-Land wird uns zunehmend beschäftigen“, meint er.

Eine weitere Baustelle ist das Nachbarland Hessen jüngst angegangen: Hier soll ein Förderprogramm mit 50 Millionen Euro Lücken auf der „Mobilfunk-Landkarte“ schließen. Die unzureichende Internetversorgung hat auch Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, immer wieder angemahnt. Digitalisierung im Gesundheitswesen bei mangelndem Breitbandausbau? „Das ist als wolle man Autofahren, aber ohne Straße.“

Literatur

  1. https://hausarzt.link/NCBvT
  2. doi: 10.3238/zfa.2018.0179_184
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