ForschungNeurologie für den Hausarzt

Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Demenz und Migräne. Dies sind die alltäglichen neurologischen Herausforderungen in der Hausarztpraxis. Die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) (25,-28.10.2019 in Stuttgart) bot auch diesmal einen umfassenden Überblick.

Alzheimer-Forschung aktuell

In Deutschland leben über eine Million Demenz-Patienten mit 244.000 Neuerkrankungen jährlich. Am häufigsten ist die Alzheimer-Demenz. Die neuropathologischen Merkmale der Erkrankung, die aber erst in der Autopsie nachgewiesen werden können, sind die Proteinaggregate, auch Plaques genannt, aus Beta-Amyloid und die Neurofibrillen aus Tau-Protein. Neue Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass es sich beim Morbus Alzheimer nicht um eine einheitliche Erkrankung handelt; denn ein Teil der Patienten mit den typischen klinischen Alzheimer-Kriterien zeigt bei der Autopsie keine Alzheimer-typische Gehirnpathologie mit Amyloid- und Tau-Deposition. Die Alzheimer-Diagnostik wird auch dadurch erschwert, dass die klinischen Merkmale und Verläufe sehr unterschiedlich, vor allem im Hinblick auf das kognitive Profil sind.

Nach den Ergebnissen einer neuen Studie leidet jeder fünfte Patient an einer atypischen Form der Alzheimer-Erkrankung, die oft nicht erkannt wird. Patienten mit atypischen Profilen sind jünger, häufiger männlich, die globale Einschränkung der Kognition ist weniger schwer, die Depressivität ist höher, der genetische Alzheimer-Risikofaktor Apolipoprotein-E4 ist seltener, die neuropathologischen Merkmale im Autopsie-Befund sind schwächer ausgeprägt und der kognitive Verfall verläuft langsamer. “Diese Ergebnisse unterstützen die Bedeutung der Diagnosesicherung gerade auch bei jüngeren Demenzpatienten und bei Auftreten untypischer Beschwerden, denn auch dann liegt oft eine Alzheimer-Erkrankung vor”, so Prof. Richard Dobel, Duisburg-Essen.

Ein neues Target für die Alzheimer-Therapie könnte Glutamat sein. Die Symptome beim Morbus Alzheimer werden durch eine Beta-Amyloid-abhängige Nervenzellüberaktivität ausgelöst. Tierexperimentelle Studienergebnisse sprechen dafür, dass diese neuronale Hyperaktivität mit einem gestörten Glutamat-Reuptake beginnt. Mit anderen Worten, Glutamat kann die Alzheimer-Demenz katalysieren. “Diese Studie ist sehr bedeutsam, da sie auf Glutamat als neues Therapietarget zur Behandlung und eventuell Prophylaxe der Alzheimer-Demenz hinweist”, so Dobel.


Neue Therapien bei Migräne

Bei der Therapie von leichten bis mittelschweren Migräne-Attacken sollten primär ASS, Paracetamol oder ein NSAR eingesetzt werden. Für Patienten, die auf eine solche Therapie nicht ausreichend ansprechen oder die unter schweren Attacken leiden, stehen heute Triptane zur Verfügung. Diese sind sehr gut wirksam und können, wenn sie rechtzeitig zu Beginn eines Migräne-Anfalls eingenommen werden, die Schmerzstärke und die Anfallsdauer deutlich reduzieren. Triptane sind kontraindiziert bei Patienten mit einer Angina pectoris bzw. bei Patienten, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall beziehungsweise eine TIA überstanden haben, und auch bei solchen mit verschiedenen vaskulären Risikofaktoren.

Nun wurden zwei neue Substanzklassen entwickelt, die keine vasokonstriktive Eigenschaft haben. In der klinischen Prüfung sind die Gruppe der “Ditane” und der “Gepante”. Bei den Ditanen handelt es sich ebenfalls um 5HT1F-Rezeptor-Agonisten, die aber im Gegensatz zu der herkömmlichen Wirkstoffklasse keine vasokonstriktive Eigenschaft zeigen. Doch diese Substanzen haben unangenehme zentrale Nebenwirkungen wie Benommenheit, Müdigkeit und Schwindel. Bei den Gepanten handelt es sich um kleine Moleküle, die als Antagonisten am CGRP-Rezeptor wirken. Antikörper gegen CGRP oder CGRP-Rezeptoren sind ein wesentlicher Fortschritt im Rahmen der Migräne-Prophylaxe. Für 70 Prozent der ansonsten Therapie-refraktären Patienten stellen solche Substanzen eine effektive Option im Rahmen der Migräne-Prophylaxe dar. (Prof. Hans-Christoph Diener, Essen)


Kindliche Verhaltensstörungen

Autoantikörper sind auch bei asymptomatischen Menschen nachweisbar. Man vermutet, dass sie bei Frauen während der Schwangerschaft auf den Embryo übertragen werden und später neurologisch-psychiatrische Erkrankungen wie ADHS oder Autismus auslösen können. Nach einer aktuellen Studie dürfte dieser Mechanismus in der Tat die Gehirnentwicklung stören und somit auch Verhaltensstörungen bei Kindern auslösen.

In die Studie eingeschlossen wurden 120 Mütter, die ein Kind in psychiatrischer Behandlung hatten. Die Kinder hatten unterschiedliche neuropsychiatrische Störungen wie hyperkinetische oder depressive oder andere emotionale Störungen sowie tiefgreifende Entwicklungsstörungen. Diese Frauen wurden retrospektiv auf das Vorhandensein von Autoantikörpern gegen NMDA-Rezeptoren untersucht. Solche Rezeptoren finden sich auf der Oberfläche von Nervenzellen. “Die Auswertung ergab höhere mütterliche Spiegel an NMDA-Rezeptor-Autoantikörpern als bei 105 Kontroll-Müttern mit gesunden Kindern”, so Privatdozent Harald Prüß, Berlin. Auch in einer tierexperimentellen Studie führte die Gabe von NMDA-Rezeptor-Antikörpern zu einem Abbau der NMDA-Rezeptoren um 50 Prozent mit Veränderungen der Hirnentwicklung. Und dies ging mit Verhaltensauffälligkeiten bei den Tieren bis ins hohe Alter einher.


Wadenkrämpfe

Wadenkrämpfe können die Lebens- und Schlafqualität stark beeinträchtigen. Der Wadenkrampf entsteht nicht in der Muskulatur, ist also kein muskuläres Problem. Vielmehr werden Muskelkrämpfe durch spontane Depolarisierungen der Nervenmembran ausgelöst. Es bilden sich Aktionspotenziale, die zu einem Erregungssturm im Muskel führen. Elektrolytverschiebungen können die Reizbarkeit der Nerven begünstigen. Dies erklärt, warum im Sommer Wadenkrämpfe häufiger auftreten, da man mehr schwitzt und zu wenig trinkt. Es gibt aber noch weitere Risikofaktoren, nämlich eine Demyelinisierung der Nervenfasern. Eine solche Demyelinisierung kann bei einer diabetischen Neuropathie oder einer Schilddrüsenerkrankung auftreten. “Aber auch verschiedene Medikamente, Alkohol oder ein Vitamin-B-Mangel kann die Ursache sein”, so Dr. Rainer Lindemuth, Siegen.

Altbewährte Maßnahmen wie Dehnen und Magnesium haben nicht bei allen Menschen Erfolg. Wenn behandelbare Ursachen ausgeschlossen sind und eine Magnesiumtherapie nicht erfolgreich war, sollte entsprechend der Leitlinie bei heftigen und sehr schmerzhaften Krämpfen ein Chininpräparat zum Einsatz kommen. In einer interventionellen Studie erwies sich Chininsulfat als gut wirksam und gut verträglich. Die Anzahl, die Dauer und die Schmerzintensität wurden signifikant gesenkt.

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