Experteninterview“Die Menschen möchten wissen, ob sie gefährdet sind”

Biomarker ermöglichen es, eine Alzheimer-Demenz frühzeitig zu erkennen. Prof. André Fischer erklärt, wie ein Screening auf Alzheimer aussehen könnte – und welche Rolle Hausärztinnen und Hausärzte dabei spielen könnten.

Die klassischen diagnostischen Marker bei der Alzheimer-Demenz sind die Proteine Beta-Amyloid und Tau.

Welche Bedeutung haben Biomarker bei Alzheimer?

Prof. André Fischer: Bei Alzheimer treten Symptome erst auf, wenn die Pathologie schon länger besteht. Die Nervenzellen sterben oder werden dysfunktional und die Betroffenen merken das zunächst nicht. Wenn ihnen oder ihrem Umfeld Krankheitszeichen auffallen, ist die Neurodegeneration schon so weit fortgeschritten, dass medikamentöse Therapien nicht mehr helfen.

Wir wissen aber aus klinischen Studien, dass viele therapeutische Ansätze, die die Forschung in den letzten 20 Jahren entwickelt hat, durchaus wirksam sind, wenn man sie sehr früh einsetzt – also dann, wenn in den Nervenzellen molekulare Veränderungen stattfinden, ohne dass die Betroffenen sie bemerken.

Wir brauchen daher molekulare Biomarker, die diese Veränderungen früh erkennen und die wir nutzen können, um gesunde Menschen ab einem gewissen Alter zu screenen.

Screenings sind teuer und erzielen nur unter bestimmten Bedingungen den gewünschten Nutzen. Wie könnte ein Demenz-Screening aussehen?

Zum Beispiel könnten wir Menschen ab 50 alle zwei Jahre testen – mit einem Portfolio an Biomarkern, die es erlauben, Personen mit erhöhtem Demenzrisiko herauszufiltern. Zusätzlich gibt es im Bereich digitale Gesundheit sehr viele Ansätze – etwa Apps mit Gedächtnistests, mit deren Hilfe Menschen selbst überprüfen können, ob sie sich kognitiv verschlechtern.

Wenn dann zum Beispiel die Performance in diesen Tests über ein Jahr deutlich schlechter wird und gleichzeitig die molekularen Tests auffällig sind, kann man die Betroffenen in die Gedächtnisambulanz schicken und eine spezialisierte Bildgebung durchführen, um diejenigen herauszufiltern, die von einer Therapie profitieren.

Die Voraussetzung für ein solches Screening sind jedoch einfach durchzuführende und günstige molekulare Tests, etwa Bluttests. In den letzten fünf bis zehn Jahren hat sich die Forschung sehr darum bemüht, solche Tests zu entwickeln. Die Liquordiagnostik ist ja sehr aufwendig und die meisten Menschen lassen sich nicht gerne Liquor entnehmen.

Wird es solche Tests bald für die Routinediagnostik geben?

Die klassischen diagnostischen Marker bei der Alzheimer-Demenz sind die Proteine Beta-Amyloid und Tau. Hierfür gibt es sehr gute Assays, die für die Anwendung im Liquor bereits zugelassen sind und bei denen wir davon ausgehen, dass sie auch bald für die Messung im Blut zugelassen werden.

Daneben gibt es verschiedene Ansätze, die andere Marker im Blut erfassen – zum Beispiel gewisse Lipide oder RNA-Moleküle. Wir in Göttingen messen zum Beispiel das Verhältnis von bestimmten kleinen RNA-Molekülen im Blut. In Studien kann man solche Tests bereits in Anspruch nehmen.

Gibt es auch Biomarker für andere Demenzformen?

Wir streben an, eine Differenzialdiagnostik zu ermöglichen. Zum Beispiel gibt es auch Marker für die frontotemporale Demenz; diese sind jedoch noch nicht zugelassen.

Ziel der Forschung ist nicht nur, mithilfe von Biomarkern zwischen verschiedenen Demenzformen unterscheiden zu können, sondern auch zwischen Demenzerkrankungen und anderen Krankheiten, etwa Krebserkrankungen.

Wie lange im Voraus können Biomarker auffällig sein?

In der Forschung geht man davon aus, dass verschiedene Marker bis zu 15 Jahre vor einer kognitiven Verschlechterung Veränderungen zeigen. Wobei die Zahl an Longitudinalstudien hier überschaubar ist, die meisten Studien sind Querschnittsanalysen.

Allerdings gibt es auch gute Studien mit Menschen mit familiärer Alzheimer-Krankheit, bei denen man ja ungefähr weiß, wann die kognitiven Veränderungen auftreten werden.

Was bedeutet es für die Menschen, zu wissen, dass sie später “vielleicht” an Alzheimer erkranken werden? Letztlich sind es hausärztliche Teams, die dann jahrelang bei einer möglichen, aber nicht sicheren Diagnose begleiten müssten…

Verschiedene Studien haben untersucht, ob Menschen erfahren möchten, dass sie später eventuell Alzheimer bekommen. Und selbst zu dem Zeitpunkt, als es noch keine Therapien gab, bejahten dies 67 Prozent. Mittlerweile sind es bis zu 80 Prozent.

Sie wollen also wissen: Bin ich gefährdet? Und ihre zweite Frage ist: Was kann ich dagegen tun? Deswegen ist es bei diesen Assays entscheidend, dass man die Menschen nicht allein lässt. Die Personen, die einen solchen Test kaufen und zu Hause durchführen oder ihn – idealerweise – beim Hausarzt machen lassen, müssen betreut werden und wissen, was sie im Falle eines auffälligen Testergebnisses tun und an wen sie sich wenden können.

Das ist natürlich eine große Herausforderung auch für die Hausärzte, bei denen die meisten dieser Patienten anfänglich aufschlagen. Wir haben Umfragen unter Hausärzten durchgeführt, die zeigen, dass es an Zeit fehlt, um die Patienten auf entsprechende Früherkennungstests hinzuweisen und sie dahingehend nachzubetreuen.

Dennoch ist es sehr wichtig, die Menschen darüber zu informieren, was in der Risikoerkennung eigentlich möglich ist. Denn die beste Therapie ist ja die Prävention. Studien gehen davon aus, dass etwa 40 Prozent des Demenzrisikos durch das eigene Verhalten veränderbar sind.

Wir wissen, dass sich Aktivitäten wie Sport und Gedächtnistraining unglaublich positiv auf das auswirken, was wir die “kognitive Reserve” nennen.

Hier sehen Sie also eine wichtige hausärztliche Aufgabe.

Ja, aus meiner Sicht ist es ganz entscheidend, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass es die Möglichkeit gibt, sich früh auf ein Demenzrisiko testen zu lassen. Und sie dann, wenn der Test auffällig ist, an die richtige Stelle zu überweisen. Hier in Göttingen ist das relativ einfach, gerade im ländlichen Bereich aber oft nicht.

Auch gilt es die Betroffenen darüber zu informieren, was sie an präventiven Maßnahmen machen können. Mittlerweile gibt es viele Angebote im Bereich der digitalen Gesundheit – etwa Apps mit Übungen, die sich nachweislich positiv auf die Kognition auswirken.

Interessenkonflikte: Prof. Dr. André Fischer erklärt, dass bei ihm in Bezug auf dieses Interview keine Interessenkonflikte bestehen.

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