Interview“Die Ignoranz gegenüber einem MFA-Bonus ist wie eine Ohrfeige”

Während der Corona-Pandemie haben Hausärzte mit ihren MFA den ambulanten Schutzwall gebildet. Von den Prämienzahlungen der Regierung sind letztere aber ausgenommen. Die Ungleichbehandlung kann schwere Folgen für die Zukunft haben, meinen Ulrich Weigeldt und Hannelore König.

An welchen Stellen haben MFA in der Corona-Pandemie besonders unterstützt?

Hannelore König: Im Kontakt mit den Patienten – und zwar vorwiegend am Telefon. Viele Patienten waren gerade in der frühen Phase der Pandemie sehr verunsichert und haben daher deutlich öfter angerufen als üblich. Das haben die MFA abgefangen. Darüber hinaus haben sie vor allem in der Steuerung der Patientenströme eine Schlüsselrolle gespielt und die Versorgung chronisch Kranker neben den Infektpatienten koordiniert. Diese beiden Punkte, die Beratung von Patienten sowie die Koordination der Patientenströme, werden im Herbst an neuer Bedeutung gewinnen, etwa in der Frage, wer wann am besten geimpft werden soll.

Ulrich Weigeldt: Insbesondere diese Koordinierungsaufgabe hat den Hausärztinnen und Hausärzten eine enorme Last von den Schultern genommen, sodass sie sich auf die Behandlung ihrer Patienten konzentrieren konnten. Man muss sich vorstellen, dass plötzlich praktisch der komplette Praxisbetrieb umgestellt werden musste. Da hat man sich schnell abgestimmt und entschieden: Können wir unsere Infektpatienten hier behandeln und wenn ja, wo oder wann. Das ist ein enormer Aufwand!

König: Nicht zu vergessen ist, dass MFA mitunter sogar in die Testung eingebunden waren – ganz nah am Patienten…

Ebenso wie das Klinikpersonal?

König: Genau. Dass MFA den Gefahren der Pandemie gleichermaßen ausgesetzt waren, zeigt übrigens auch eine Auswertung von Krankschreibungsdaten der AOK. Zwischen März und Mai waren unter den MFA demnach 1.207 je 100.000 Beschäftigte wegen Covid-19 krankgeschrieben. Sie belegten damit den dritten Platz, direkt hinter Alten- (1.237) und Krankenpflegern (1.283).

Weigeldt: Ein wesentlicher Faktor war hier natürlich auch, dass gerade zu Beginn der Pandemie die Schutzausrüstung fehlte. Das brachte viele Praxisinhaber oft in eine enorme Zwickmühle: Einerseits musst du die Patientenversorgung am Laufen halten, schließlich warten andere Krankheiten nicht bis die Pandemie abgeebbt ist. Gleichzeitig willst und musst du deine Risikopatienten, dein Praxisteam und dich selbst vor einer Ansteckung schützen. Hier waren die Praxen anfangs gänzlich auf sich alleine gestellt!

Nun erhalten diese Kollegen in Pflegeheimen und Kliniken eine “Corona-Prämie”, MFA jedoch nicht. Warum ist es inkonsequent, diese nicht auch im ambulanten Bereich einzuführen?

Weigeldt: Das ist nicht nur inkonsequent, das ist inakzeptabel. Die Hausarztpraxen haben den Schutzwall gebildet, der die Krankenhäuser vor einer Überforderung bewahrt hat. Sechs von sieben Corona-Patienten wurden ambulant behandelt. Die MFA und VERAH® haben einen wichtigen Beitrag hierzu geleistet, indem sie die Hausärztinnen und Hausärzte täglich unterstützt haben. Warum sollen sie nicht, ebenso wie die Mitarbeitenden in Pflegeheimen und Kliniken, die notwendige Anerkennung hierfür erhalten? Das ist nicht nachvollziehbar!

König: Stimmt, die MFA haben sich nicht weggeduckt, sondern waren ebenso betroffen wie niedergelassene Ärzte und das Klinikpersonal. In Ambulanzen haben MFA und Klinikkräfte mitunter Seite an Seite gearbeitet! Auch die Begründung einiger Politiker, dass die Auszahlung eines solchen Bonus im stationären Bereich organisatorisch leichter umsetzbar sei, kann ich nicht gelten lassen.

Weigeldt: Richtig! Mit diesem Argument könnte man so ziemlich alle Fördermaßnahmen abwiegeln. Die Corona-Pandemie aber hat gezeigt, dass viele organisatorische Hürden genommen werden können, wenn man nur will.

Machen Praxischefs dieses Versäumnis der Regierung mitunter wett und zahlen ihren MFA aus eigener Tasche eine Prämie?

König: Tatsächlich ist das unseren Rückmeldungen zufolge nur vereinzelt der Fall. Praxischefs können ihren Mitarbeitern in diesem Jahr zwar steuerfrei einen Bonus zahlen, doch die wirtschaftliche Lage vieler Praxen ist schwierig, bei mehreren angestellten MFA ist das nicht zu stemmen, wenn es politisch nicht gegenfinanziert oder aufgestockt wird.

Weigeldt: Das sollte auch gar nicht notwendig sein. Die Praxen sollen immer alles alleine stemmen und die Kliniken bekommen eine Förderung nach der anderen? Ich möchte auf keinen Fall den Bonus der Mitarbeitenden in den Kliniken und Pflegeheimen kritisieren, dieser ist verdient und hätte meiner Meinung nach deutlich früher und einfacher an diese gezahlt werden sollen. Aber aktuell wird für Krankenhäuser ein Drei-Milliarden-Paket für die Digitalisierung der klinischen Infrastruktur gesetzlich festgelegt, während die Hausarztpraxen andauernd mit Kosten oder Sanktionen belastet werden.

Ich will damit nur sagen: Wo bleibt die Anerkennung für die ambulante, für die hausärztliche Versorgung? Die Ignoranz gegenüber einem Bonus für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist da leider eine Ohrfeige von vielen. Und glauben Sie mir, wir haben uns als Verband hierfür mehrfach öffentlich stark gemacht!

Warum ist der aktuelle Umgang mit MFA – auch mit Blick auf die Nachwuchsgewinnung – eine vertane “Chance”, das Ansehen und die Wertschätzung für Praxisteams zu stärken?

König: Mit mehr als 400.000 Beschäftigten sind MFA eine sehr wichtige Säule des ambulanten Schutzwalls, der sein Können gerade unter Beweis gestellt hat. Dafür brauchen wir aber auch Nachwuchs! Die Zahl der MFA in Kliniken wächst seit Jahren rasant: Von 2012 bis 2018 stieg ihre Zahl um 15.000 (34 Prozent) auf 59.000.

Als Verband bedauern wir diese “Abwanderung” sehr, auch weil MFA ambulant ausgebildet werden. Aber immer mehr zieht es aufgrund der Rahmenbedingungen in die Kliniken oder den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD). Wir brauchen sie aber im ambulanten Bereich, um die Versorgung in den Praxisteams zu sichern! Dafür ist wichtig, dass sich die Politik endlich öffentlich zu den MFA bekennt und ihre Rolle stärkt, anstatt sie “unter ferner liefen” abzulegen. Nur so sehen gerade junge Menschen, dass MFA eine wichtige Berufsgruppe bilden, die geschätzt wird – und der man vielleicht selbst angehören möchte.

Was bedeutet diese “Abwanderung” für die Praxischefs?

Weigeldt: Die Hausärztinnen und Hausärzte müssen, was die Nachwuchsgewinnung betrifft, mittlerweile verstärkt an gleich zwei Fronten kämpfen. Einerseits suchen viele Kolleginnen und Kollegen insbesondere in strukturschwächeren Gebieten händeringend nach hausärztlichem “Nachwuchs”, der sie in der Praxis unterstützt und diese gegebenenfalls übernehmen möchte. Hierdurch, wie auch durch den demografischen Wandel, steigt der Bedarf nach hausärztlicher Versorgung. Dieser wird dann wiederum durch die von Frau König aufgezeichnete Abwanderung von MFA in die Kliniken zusätzlich verschärft. Denn eine qualifizierte Mitarbeiterin oder ein qualifizierter Mitarbeiter sind natürlich für eine gut laufende Praxis enorm wichtig. Das sehen wir ja beispielsweise auch an unserem VERAH®-Modell. Wenn bestimmte delegierbare Aufgaben, wie etwa Routinehausbesuche, von qualifizierten MFA übernommen werden können, dann ist das – gerade auf dem Land – eine enorme Zeitersparnis! Gleichzeitig hilft es, die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten weiter zu verbessern.

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