Praxis WissenAus Bequemlichkeit in die Notaufnahme

In Notaufnahmen finden sich nicht nur Notfälle. Erstmals hat eine Studie für Deutschland untersucht, warum Patienten auch mit nicht dringlichen Beschwerden in die Kliniken gehen. Ein Einblick in individuelle Erwartungen.

In Notaufnahmen finden sich nicht nur Notfälle. Erstmals hat eine Studie für Deutschland untersucht, warum Patienten auch mit nicht dringlichen Beschwerden in die Kliniken gehen. Ein Einblick in individuelle Erwartungen.
Notaufnahme©

Viele Patienten gehen in die Notaufnahme, obwohl sie keinen dringenden Behandlungsbedarf sehen. Das trifft auf mehr als die Hälfte (54,9 Prozent) zu, zeigt die Studie PiNo Nord („Patienten in der Notaufnahme von norddeutschen Kliniken“), für die rund 1.300 Patienten in Notaufnahmen von fünf Kliniken in Hamburg und Schleswig-Holstein befragt wurden. Vorausgesetzt, sie mussten nicht sofort behandelt werden.

Auf einer Skala von 1 bis 10 schätzten die Patienten selbst ein, wie dringend ihr Anliegen ist. Dabei standen 1 bis 5 für niedrigen Behandlungsbedarf. 45 Prozent nahmen sich selbst als „dringlich“ wahr (Wert 6 bis 10). Dies weicht deutlich von Einschätzungen der Ärzte ab: Davon stuften die Ärzte 9,7 Prozent als dringend, 22,5 Prozent als normal und 18 Prozent als nicht dringend ein. Allerdings erhielten die Wissenschaftler in den weiteren 50 Prozent der Fälle keine Angabe zur ärztlichen Triagierung.

Nach dem Grund des Besuchs in der Notaufnahme gefragt, stechen zwei Ergebnisse hervor (s. Tab): Patienten, die sich selbst als dringend einordnen, nannten vor allem die Dringlichkeit der Beschwerden (58 Prozent) als Ursache, sei es aufgrund der Stärke oder Zunahme der Beschwerden oder Angst vor gefährlichen Verläufen. Dies gaben sie deutlich häufiger an als diejenigen mit niedrigem Behandlungsbedarf (41 Prozent). Bei einem Drittel der Befragten dauerten die Beschwerden mindestens drei Tage, bei einem weiteren Drittel weniger als sechs Stunden.

Hingegen führte die ­zweite Gruppe häufiger an, dass keine geöffnete Hausarzt- oder Facharztpraxis (28,9 und 15 Prozent) verfügbar sei. Bei „dringlichen“ Patienten nannten dies nur 16,8 und 12,5 Prozent als Grund. Je rund ein Fünftel der beiden Gruppen zieht die Notaufnahme einer ambulanten Versorgung vor, beispielsweise, weil sie bessere Diagnostik oder Therapie erwarten. Etwa genauso viele haben persönliche Vorlieben für die Klinik, weil sie damit schon gute Erfahrungen gesammelt haben oder sie gut zu erreichen ist.

Knapp Dreiviertel der Patienten entschieden selbst, in die Notaufnahme zu gehen, oder folgten dem Rat eines Angehörigen oder Bekannten. Nur ein Viertel gab an, auf Empfehlung eines Haus- (17 Prozent) oder Facharztes (acht Prozent) gekommen zu sein – überprüfen konnten die Autoren dies allerdings nicht. Dazu passt auch, dass zwar fast alle Befragten den Rettungsdienst kennen (97,6 Prozent), aber lediglich 45 Prozent die KV-Notfallpraxen und den fahrenden Bereitschaftsdienst (32,6 Prozent).

Fazit

Patienten mit nicht dringlichem Behandlungsbedarf suchen aufgrund individueller Vorlieben, wahrgenommener struktureller Probleme und Informationsdefiziten die Notaufnahmen auf.

Zudem ­haben die Autoren Prädiktoren für die subjektive Behandlungsdringlichkeit festgestellt: Für nicht dringliche Patienten sind Traumata am Bewegungsapparat, Affektionen der Haut und die Angabe, dass ­keine Hausarzt­praxis geöffnet hat, charak­teristisch. Für eine hohe Dringlichkeit sind die Prädiktoren: Stärke der Beschwerden und ob sie sich verschlimmert haben, Ohrenschmerzen sowie kein Termin beim Spezialisten. Charakteristisch sind auch das Alter und ob der Patient im Ausland geboren ist. Daneben gibt es sicherlich aber noch weitere Charakteristika, sind sich die Autoren ­sicher.

Quelle:

    1. Scherer M et al: Patients attending emergency departments – a cross-sectional study of subjectively perceived treatment urgency and motivation for attending. Dtsch Aerztebl Int 2017; 114: 645-52. DOI: 10.3238/aerztebl.2017.0645
    1. Lühmann D, Schäfer I, Scherer M: Wahrgenommene Dringlichkeit. Hamburger Ärzteblatt 10/2017, S. 24-25

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