BrustkrebsrisikoPro und Kontra – Wie gefährlich ist die Pille?

Schätzungsweise 100 bis 150 Millionen Frauen verhüten heutzutage mit der Antibabypille. Allerdings ist sie in den letzten Jahren zunehmend in Verruf geraten, da Untersuchungen publiziert wurden, in denen orale Kontrazeptiva als mögliche Risikofaktoren für die Entwicklung von Brustkrebs diskutiert wurden. Wie hoch ist das Risiko wirklich? Im Pro & Contra erklären zwei Experten ihre ganz unterschiedlichen Sichtweisen.

Schätzungsweise 100 bis 150 Millionen Frauen verhüten heutzutage mit der Antibabypille. Allerdings ist sie in den letzten Jahren zunehmend in Verruf geraten, da Untersuchungen publiziert wurden, in denen orale Kontrazeptiva als mögliche Risikofaktoren für die Entwicklung von Brustkrebs diskutiert wurden. Wie hoch ist das Risiko wirklich? Im Pro & Contra erklären zwei Experten ihre ganz unterschiedlichen Sichtweisen.
Immer der Reihe nach: Orales Kontrazeptivum© Brigitte Meckle / Adobe Stock

Pro: „Inhaltsstoffe der Pille sind krebserregend“

Wie hoch ist das Brustkrebsrisiko bei Frauen, die die Antibabypille einnehmen, im Vergleich zu Frauen ohne Pilleneinnahme?

Alle meine Patientinnen, die an Brustkrebs erkrankt sind, haben ausnahmslos die Antibabypille eingenommen. In der westlichen Welt erkrankt inzwischen jede 7. Frau an Brustkrebs. Statistiken aus den USA zeigen dagegen, dass 1950, also vor Einführung oraler Kontrazeptiva, nur jede 100. Frau an Brustkrebs erkrankt ist.

Man muss auch berücksichtigen, dass Jugendliche heutzutage immer früher die Pille einnehmen, zum Teil schon mit 15, 16. Deswegen wird es immer mehr Brustkrebsfälle geben und die Patientinnen, die Brustkrebs entwickeln, sind immer jünger.

Wie erklärt man sich den Einfluss der Pille auf das Brustkrebsrisiko?

Die Pille hemmt den Eisprung und täuscht eine Schwangerschaft vor. Wenn die Frauen unter oralen Kontrazeptiva keinen Eisprung haben, fehlt ihnen Progesteron, weil dieses in größerer Menge nur nach dem Eisprung und während der Schwangerschaft gebildet wird.

Bei einem Mangel an Progesteron kommt es zu einer Östrogendominanz. Doch Östradiol verursacht Krebserkrankungen der geschlechtsspezifischen Drüsen in der Brust, den Eierstöcken und der Gebärmutter.

Auch Ethinylestradiol, das in vielen oralen Kontrazeptiva enthalten ist, steht auf der Liste der krebserregenden Substanzen. Die zusätzlichen Xenoöstrogene wie Phthalate und Bisphenol A aus Weichmachern in Kunststoff oder Pflanzenschutzmitteln steigern das Krebsrisiko weiter.

Wie sieht das bei anderen Krebsarten aus?

Östrogendominanz durch Progesteronmangel führt bei 1 von 7 Frauen zur Entstehung von Brustkrebs, aber auch Eierstockkrebs und Gebärmutterkrebs können daraus resultieren.

Ist das erhöhte Brustkrebsrisiko für Sie ein Grund, von der Einnahme der Pille abzuraten?

Ja, ich rate von oralen Kontrazeptiva ab. Man muss Frauen zumindest darüber aufklären, dass bei der Einnahme der Pille das Brustkrebsrisiko und auch das Risiko für eine tiefe Venenthrombose mit nachfolgender Lungenembolie ansteigen.

In Deutschland sterben jährlich über 250 Frauen an einer fulminanten Lungenembolie infolge einer tiefen Beinvenenthrombose, ausgelöst durch die Anwendung von Kontrazeptiva.

Auch Jugendliche sollten über die chemischen und endokrinologischen Abläufe aufgeklärt werden, damit sie wissen, dass die Pille nicht harmlos ist. Wenn die Familienplanung abgeschlossen ist, sollte man sich sterilisieren lassen, das müssen auch die Männer lernen.

Gilt das auch für Kontrazeptiva, die nur ein Gestagen, aber kein Östrogen enthalten?

Alle Medikamente, die den Eisprung hemmen, sind für die Frauen schlecht. Gestagen per se ist krebserregend. Es steht auf der WHO-Liste der krebserregenden Substanzen. Auch die lokal wirksamen Hormonspiralen, Vaginalring etc. hemmen den Eisprung und können somit das Krebsrisiko fördern.

Kontra: „Individuelle Nutzen-Risiko- Abwägung erforderlich“

Wie hoch ist das Brustkrebsrisiko bei Frauen, die die Pille anwenden, im Vergleich zu Frauen ohne Pilleneinnahme?

Hierzu kann man keine pauschalen Angaben machen, weil das Risiko in den verschiedenen Populationen sehr variabel ist. Einflussfaktoren sind zum Beispiel die Dauer der Einnahme, die Zusammensetzung der Pille und das Publikationsjahr der entsprechenden Arbeiten. Insgesamt ist das Brustkrebsrisiko unter der Pille leicht erhöht.

Beispiel aus einer kürzlich publizierten Untersuchung [1]: Frauen, die 25 bis 35 Jahre lang die Pille eingenommen haben, hatten ein Brustkrebsrisiko von 1,10, das ist eine marginale Erhöhung im Vergleich zu Frauen ohne Pilleneinnahme, deren Brustkrebsrisiko 1,0 beträgt.

Man muss dabei aber berücksichtigen, dass diese epidemiologischen Studien in den 1960er-, 1970er-Jahren begonnen wurden. Damals kamen wesentlich höher dosierte Pillen zum Einsatz als heutzutage. Andererseits fangen die Frauen mittlerweile schon sehr viel früher an, die Pille einzunehmen.

Informationen über den Lebensstil der Frauen (Diätverhalten, Alkoholkonsum, sportliche Betätigung, Body-Mass-Index oder Angabe zur ersten Menarche, Menopause oder familiären Hintergründen) sind nicht einheitlich in allen wissenschaftlichen Publikationen enthalten, das macht Verallgemeinerungen so schwierig. Die Daten von damals lassen sich somit nicht auf die heutige Situation übertragen.

Wie entwickelt sich das Brustkrebsrisiko nach dem Absetzen der Pille?

Die populationsbezogenen Daten zeigen, dass das Krebsrisiko nach dem Absetzen der Pille wieder zurückgeht. Etwa fünf Jahre danach ist es so hoch wie bei Frauen, die niemals eine Pille zur Empfängnisverhütung benutzt haben.

Wie sieht das bei anderen Krebsarten aus?

Das Risiko für Eierstockkrebs unter der Pille ist reduziert, denn die anovulatorischen Zyklen senken das Risiko, ein Ovarialkarzinom zu entwickeln. Auch das Risiko für ein Endometriumkarzinom oder ein Kolonkarzinom nimmt ab. Hier besteht also ein positiver Effekt.

Ist das Brustkrebsrisiko für Sie ein Grund, von der Einnahme der Pille abzuraten?

Die Pille ist nach wie vor das sicherste Mittel der Empfängnisverhütung. Man kann klar sagen: Der Nutzen überwiegt ohne Frage mögliche Nebenwirkungen. Aber es ist immer eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich.

Daher muss man zunächst erfragen, was für die Patientin wichtig ist: eine sichere Empfängnisverhütung oder eine Behandlung von anderen Symptomen wie etwa der Pubertätsakne?

Entscheidend sind außerdem die Dauer der voraussichtlichen Einnahme und die Risikodisposition der Patientin. Auch an das Thromboembolierisiko ist zu denken. Generell ist das am niedrigsten dosierte sicher anzuwendende Kontrazeptivum das beste Konzept. Bei der Erst-, aber auch bei Folgeverschreibungen sollten anamnestische Informationen und laborchemische Verlaufskontrollen evaluiert und berücksichtigt werden.

Würden Sie Frauen mit familiärem Brustkrebsrisiko von der Pille abraten?

In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2010 konnte kein Zusammenhang zwischen der Pilleneinnahme und dem Brustkrebsrisiko von Trägerinnen einer pathogenen Mutation im BRCA1-Gen festgestellt werden. Ein erhöhtes Brustkrebsrisiko war allerdings für Pillenpräparate zu verzeichnen, die vor 1975 benutzt wurden [2]. Auch hier kommt es auf das Anliegen der Patientin an.

Wenn eine sichere Verhütung gewünscht wird, dann ist auch das familiäre Brustkrebsrisiko kein Problem für die Pillenanwendung. Das Rezeptierverhalten unterscheidet sich nicht gegenüber dem von Nichtmutationsträgerinnen.

Aber ich würde die Patientin auf alternative Optionen hinweisen. Generell würde ich Frauen mit familiärem Brustkrebsrisiko die niedrigste verfügbare Dosierung empfehlen. Auch lokal wirksame Methoden sind zu bevorzugen, hier gerne auch nicht hormonelle intrauterine Pessare.

Literatur

  1. Iversen L et al. Am J Obstet Gynecol 2017;216:580.e1-9;
  2. Iodice S et al. Eur J Cancer 2010; 46(12): 2275-2284.
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