Kongress der DGESSNeue Leitlinienempfehlungen bei Essstörungen

Kongresspräsident Prof. Ulrich Voderholzer aus Prien war überrascht, dass sich 350 Teilnehmer in München zum 6. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS) einfanden. Großes Interesse bestand an den neuen Leitlinienempfehlungen, gehen doch Essstörungen immer noch mit einer hohen Langzeitmorbidität und Mortalität einher.

Neue S3-Leitlinienempfehlungen zur Magersucht

Die zuletzt 2010 aktualisierten S3-Leitlinien zu Diagnose und Therapie von Essstörungen wurden überarbeitet (AWMF-Registernummer 051 – 026). Für die Anorexia nervosa (AN) wird empfohlen, frühzeitig eine Therapie anzubieten, um eine Chronifizierung zu vermeiden. Geraten wird zu einer störungsspezifischen Behandlung unter Berücksichtigung der körperlichen Aspekte und eine engmaschige Abstimmung der verschiedenen Versorger (Psychotherapeuten, Kliniken, Hausarzt, Ernährungsberater usw.).

Zielgewicht ist bei Jugendlichen die 25. Body-Mass-Index(BMI)-Perzentile, bei Erwachsenen ein BMI von mindestens 18,5. Dazu ist das Arbeiten an der Motivation und Ambivalenz hinsichtlich Gewichtszunahme und Essverhalten eine zentrale therapeutische Aufgabe.

Therapie der ersten Wahl ist eine evidenzbasierte Psychotherapie. Ambulant sollte eine Gewichtszunahme von 200-500 g/Woche angestrebt werden. Nach Erreichen des Zielgewichts sollten Psychotherapeut, Facharzt oder Hausarzt mindestens ein Jahr lang regelmäßige Folgetermine anbieten, um das Behandlungsergebnis aufrecht zu erhalten und ein Rezidiv zu vermeiden.

Bei einer Verschlechterung oder Stagnation sollten frühzeitig intensivere Behandlungsangebote im Sinne einer stationären Therapie gemacht werden. Tagesklinische Angebote werden in der Leitlinie vor allem nach stationärer Behandlung empfohlen. Den Übergang in die ambulante Therapie kann auch eine internetgestützte Therapie erleichtern. Der Einsatz von Neuroleptika und Antidepressiva zur Erreichung der Gewichtszunahme wird ausdrücklich nicht empfohlen.

Anorexie: Mortalitätsrisiko mehr als fünffach erhöht

Aus der Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee konnten Daten von 1.271 von dort stationär behandelten Patienten mit AN (Anorexia nervosa) über eine maximale Beobachtungszeit von 20 Jahren ausgewertet werden. BMI und AN-Symptome besserten sich auch lange Zeit nach der Entlassung aus der Therapie weiter.

Die standardisierte Mortalitätsrate über alle Beobachtungszeiträume hinweg lag bei dem 5,35-fachen der Normalbevölkerung. Prof. Manfred Fichter, Prien, betonte deshalb, die AN bleibe eine der psychischen Erkrankungen mit der höchsten Mortalität. Die standardisierte Mortalitätsrate bei Bulimia nervosa (BN) lag im Vergleich dazu mit 1,39 deutlich niedriger, war aber auch erhöht.

Muskel-Sorgen auch bei Frauen

Dass sich junge Frauen vor allem um Gewicht und Figur Sorgen machen und junge Männer vor allem darum, wie muskulös sie sind, ist bei Essstörungen etwas zu kurz gegriffen. In der Studie PIER (Potsdamer Interpersonale EntwicklungsRisiken-Studie) wiesen 14 Prozent der männlichen und 32 Prozent der weiblichen Probanden im Alter von 14 bis 22 Jahren einen grenzwertigen oder auffälligen Befund nach den eingesetzten Essstörungs-Instrumenten auf.

Geschlechtsunterschiede hinsichtlich der Gewichts- und Figur-Sorgen waren nur in der unauffälligen Gruppe zu finden, nicht aber bei mehr oder weniger ausgeprägten Essstörungssymptomen. Mit zunehmend auffälligeren Befunden stiegen die Gewichts- und Figur-Sorgen in beiden Geschlechtern signifikant an und die Muskel-Sorgen nahmen bei den jungen Frauen mit Hinweisen auf eine Essstörung sogar auffälliger zu als bei belasteten Männern.

Notizen

BN: Symptome bleiben

Auch 2.033 Patienten mit BN konnten aus der Priener Kohorte über 20 Jahre beobachtet werden. Die Verbesserung von Symptomen im Langzeitverlauf nahm hier bis zum zwölften Jahr zu, berichtete Dipl.-Psychologe Norbert Quadflieg, München. 20 Jahre nach der stationären BN-Therapie hatten aber immer noch 11,6 Prozent die Diagnose einer BN, 1,4 Prozent einer AN und 0,7 Prozent einer Binge-Eating-Störung.

38,1 Prozent der Patienten wiesen eine subsyndromale Essstörung auf. „Zudem bleibt viel gedankliche Beschäftigung mit dem Essen“, ergänzte Quadflieg: Die Ausprägung von Gewichtsphobie, Abhängigkeit des Selbstwerts von der Figur, des zentriert Seins auf Essen und des Schlankheitsstrebens veränderte sich zwischen der 12- und 20-Jahresbeobachtung nicht.

Vorsicht bei Prognose

Bei Essstörungen wurde eine Reihe von prognostisch relevanten Faktoren identifiziert. Günstig für die Prognose sind eine geringere Symptomlast, eine kürzere Dauer, ein höherer BMI, eine geringe Komorbidität, ein relativ hohes Selbstwertgefühl, soziale Kompetenz und höhere Motivation.

Das Risiko für einen Therapieabbruch erhöht dagegen die anhaltende Gewichtskontrolle im niedrigen Bereich, Essattacken und Abführen, depressive Symptome, Impulsivität, Komorbiditäten und eine geringe Motivation. Prof. Anna Keski-Rahkonen, Helsinki, betonte aber, dass die Korrelation solcher Marker mit dem Behandlungsergebnis oft schwach ist.

Relevant ist eine psychische Komorbidität. Die Mortalität der AN liegt laut Keski-Rahkonen beispielsweise ohne Komorbidität 2,8-fach über der der entsprechenden Altersgruppe in der Normalbevölkerung. Bei einer komorbiden Depression ist das Mortalitätsrisiko 4,7-fach, bei komorbider Persönlichkeitsstörung 5-fach und bei gleichzeitiger Alkoholerkrankung sogar 12-fach erhöht.

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