Experteninterview Bronchitis: Wie lange darf ein “normaler” Husten dauern?

Anhaltender Husten ist nicht nur quälend, sondern beunruhigt die Patienten häufig. Wann ist Husten Symptom einer einfachen Bronchitis, wann Warnzeichen für eine ernste Erkrankung? Darüber sprach unser Autor Dr. med. Ulrich Scharmer mit Dr. med. Sabine Gehrke-Beck vom Institut für Allgemeinmedizin an der Charité in Berlin und Mitautorin der DEGAM-Leitlinie "Husten", die derzeit aktualisiert wird.

Wenn ein Patient mit Husten in die Sprechstunde kommt, kann dahinter eine unkomplizierte Bronchitis, aber auch ein lebensbedrohlicher Zustand stehen. Woran orientiert man sich in der Praxis für eine schnelle Abklärung?

Gehrke-Beck: Um einen gefährlichen abwendbaren Verlauf nicht zu übersehen, muss man vor allem auf Warnsymptome achten wie Luftnot bei Belastung oder atemabhängige Thoraxschmerzen, die auf eine schwerwiegende Erkrankung wie z.B. eine Lungenembolie oder eine Pneumonie hinweisen können. Ferner ist nach Vorerkrankungen zu fragen, um etwa die Verschlimmerung oder das Erstauftreten einer Herzinsuffizienz zu erkennen, die mit Husten einhergehen kann, insbesondere im Liegen. Außerdem sollte man genauer nachforschen, wenn bei Husten typische Symptome einer Erkältung fehlen.

Was folgt an Diagnostik, wenn Red Flags ausgeschlossen sind?

Ergibt sich kein Anhalt für eine schwerwiegende Erkrankung, sind außer einer symptomorientierten körperlichen Untersuchung keine weiteren technischen Untersuchungen oder Labortests nötig.

Wenn jemand eine Erkältung hat und hustet, geht es im Wesentlichen um die Unterscheidung zwischen akuter Bronchitis und Pneumonie. Ist der Auskultationsbefund unauffällig und hat der Patient weder Fieber noch Luftnot, ist eine Lungenentzündung sehr unwahrscheinlich. Allerdings kann Fieber bei älteren Patienten trotz Pneumonie weitgehend fehlen.

Helfen Laborbefunde wie das CRP oder das Procalcitonin bei der Frage, ob Antibiotika erforderlich sind?

Diese Frage lässt sich in den meisten Fällen klinisch entscheiden. Wenn man sicher ist, dass eine Pneumonie vorliegt, sollte der Patient rasch ein Antibiotikum erhalten. Wenn es sich dagegen um eine Bronchitis handelt, hilft ein Antibiotikum nicht und verursacht höchstens unnötige Nebenwirkungen. Das CRP hilft einem in Zweifelsfällen nicht immer weiter, denn es erlaubt keine klare Abgrenzung von Bronchitis und Pneumonie. Für eine eindeutige Differenzialdiagnose ist eine Röntgenaufnahme am zuverlässigsten. Das CRP kann allerdings infrage kommen, wenn eine Röntgenaufnahme nicht verfügbar ist. Immerhin kann man bei niedrigem CRP mit mehr Sicherheit auf Antibiotika verzichten.

Und das Procalcitonin für die Unterscheidung zwischen viraler und bakterieller Infektion?

Grundsätzlich kann das Procalcitonin z.B. im Krankenhaus und auf der Intensivstation helfen, Antibiotika einzusparen. In der Hausarztpraxis ist der Nutzen einer Bestimmung von Procalcitonin aber viel schlechter untersucht. Bei Husten geht es bei der Unterscheidung zwischen einer viralen und einer bakteriellen Infektion ganz überwiegend darum, ob eine virale Bronchitis oder eine bakterielle Pneumonie vorliegt. Selbst wenn bei einer primär viralen Bronchitis Bakterien nachweisbar sind, beschleunigt ein Antibiotikum die Heilung nicht, vermutlich weil es sich um Standortflora oder eine Superinfektion handelt, die aber nicht zur Pathogenese beitragen.

Welche Rolle spielt die Farbe des Sputums für die Frage, ob ein Antibiotikum nötig ist?

Der Glaube, dass bei gelb-grünem Sputum ein Antibiotikum indiziert sei, hält sich zäh. Tatsächlich spielt die Farbe des Sputums dafür überhaupt keine Rolle.

Wenn der Husten längere Zeit anhält, sind die Patienten oft in Sorge und verlangen dann doch nach einem Antibiotikum.

Die Dauer eines normalen Hustens wird oft stark unterschätzt. Viele Patienten glauben, dass mit den Symptomen der Erkältung auch der Husten nach etwa einer Woche aufhören müsse. Ein normaler Husten bei Bronchitis dauert jedoch im Schnitt 17 bis 19 Tage, oft aber auch 4 Wochen und länger. Früher sprach man nach 3 Wochen von chronischem Husten, heute erst nach 8 Wochen. Es ist daher sinnvoll, den Patienten gleich zu sagen*, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, wenn der Husten nach 3 Wochen noch nicht aufgehört hat, solange sie kein Fieber und keine Luftnot haben. Hustet der Patient nach 8 Wochen immer noch, sollte spätestens dann ein Lungenfunktionstest erfolgen und eine Röntgenaufnahme angefertigt werden. Bei einem starken Raucher, der gelegentlich blutiges Sputum abhustet und an Gewicht abgenommen hat, wartet man natürlich nicht so lange.

Wie wirksam sind Mukolytika bei Husten?

Der Nutzen von Mukolytika ist nicht in belastbaren Studien belegt. Sicher ist dagegen, dass der Husten auch ohne jegliches Medikament wieder abklingt. Ich rate den Patienten, ihr Geld nicht für Mukolytika auszugeben, sondern für etwas Schönes.

Was nützen pflanzliche Lutschtabletten?

Einzelne Studien haben für pflanzliche Hustenmittel wie Efeu, Thymian, Myrtol usw. eine gewisse Symptomlinderung zeigen können. Unklar ist, ob der Nutzen klinisch relevant ist.

Wann kommen Hustenblocker zum Einsatz? Können sie das Abhusten von Schleim erschweren?

Diese Sorge muss man nicht haben, denn es gibt keine wirklich effektiven Hustenblocker. Das häufig verwendete Codein dämpft weniger den Husten, als dass es beruhigt und so den Nachtschlaf verbessert. Wenn jemand viele Nächte wegen Hustens schlecht geschlafen hat, kann abends eingenommenes Codein eine Erleichterung sein.

Bei Kindern mit Husten konnte ferner gezeigt werden, dass Honig zur Nacht den Schlaf verbessern kann. Vielleicht gilt das ja auch für Erwachsene, aber es gibt keine Studien dazu.

Muss man bei Husten viel trinken, wie oft geraten wird?

Dafür gibt es keine Evidenz. Selbstverständlich soll man ausreichend trinken, wenn man erkältet ist, schon um die Mundschleimhäute feucht zu halten. Aber man muss sich nicht zwingen, mehr zu trinken als sonst.

Nun zum Schnupfen: Können abschwellende Nasentropfen den Verlauf günstig beeinflussen, indem sie einen Sekretstau in den Nebenhöhlen verhindern?

Von der Theorie her ja, weil das Abschwellen der Schleimhäute den Abfluss von Sekret begünstigt. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie die Nasenatmung erleichtern und man daher nicht mit offenem Mund schlafen muss. Das verbessert den Schlaf und die Patienten müssen weniger husten. Wichtig ist, dass man von Alpha-Mimetika je nach Alter die richtige Stärke wählt und die Mittel maximal 5 bis 7 Tage anwendet.

Gibt es Alternativen zu Alpha-Mimetika?

Ja, etwa hyperosmolare Salzlösungen, die dem Gewebe aufgrund ihres hohen Salzgehalts Wasser entziehen und so abschwellend wirken. Der Effekt ist aber schwächer und hält kürzer an als bei Alpha-Mimetika. Der Nutzen ätherischer Öle ist nicht ausreichend gut untersucht. Wenn ein Patient für längere Zeit ein Mittel zum Abschwellen der Schleimhäute braucht, etwa bei einer chronischen Sinusitis, kann man Kortison-Nasenspray verordnen. Die Kosten werden in diesem Fall von der GKV übernommen.

Kann man mit Immunstimulanzien und Nahrungsergänzungsmitteln Erkältungen vorbeugen?

Wie wirksam sogenannte Immunstimulanzien hier sind, lässt sich nicht abschließend beurteilen. Sicher ist, dass Vitamin C keinerlei Nutzen hat – abgesehen von Marathonläufern und Menschen, die nördlich des Polarkreises leben. Zink hat zwar eine gewisse vorbeugende Wirkung, kann aber wegen der Nebenwirkungen nicht allgemein empfohlen werden. Aber: Wer sein Erkältungsrisiko wirksam und evidenzbasiert senken will, sollte mit dem Rauchen aufhören! Auch das Vermeiden von Stress verringert vermutlich das Erkältungsrisiko, denn Stress macht anfälliger für Infektionen.

Nicht vergessen werden darf der Rat, sich vor allem in der Erkältungssaison gründlich die Hände zu waschen. Wie lange und womit?

Mindestens 20 Sekunden rät die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, möglichst mit Seife. Danach gründlich abspülen und abtrocknen. Und noch ein Rat: Wenn man erkältet ist, sollte man in die Ellenbeuge husten, damit die Hände nicht kontaminiert werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

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