Zu guter LetztMedizinhistorische Schlaglichter: Die Araber

Die Bedeutung der persisch-arabischen Medizin des "goldenen Zeitalters" vom 8. bis zum 13. Jahrhundert kann nicht hoch genug geschätzt werden. Sie war ihrer Zeit weit voraus und ist das Fundament der Medizin des westlichen Mittelalters.

Das grundlegende medizinische Werk des Mittelalters stammte von einem arabischen Arzt: Abu Ali ibn Sina (980 bis 1037), im Westen Avicenna genannt. Acht Jahre, nämlich von 1015 bis 1023, schrieb der große persisch-arabische Gelehrte an seinem "Canon medicinae". Die fünf Bände widmeten sich der theoretischen Medizin wie Anatomie und Physiologie (Band 1), der Arzneimittelkunde einschließlich der ersten genauen Beschreibung einer wissenschaftlichen Methode, neue Wirkstoffe zu testen, (Band 2), der speziellen Pathologie und Therapie von Krankheiten von Kopf bis Fuß (Band 3) sowie Fieber, Krisen und Chirurgie (Band 4). Band 5 enthielt ein Handbuch für die Herstellung pharmakologischer Präparate, in dem 760 Wirkstoffe aufgelistet sind.

Der Kanon war auf Arabisch geschrieben, wurde aber schnell in andere Sprachen übersetzt. Avicenna galt als eine der höchsten medizinischen Autoritäten, unangefochten für ein halbes Jahrtausend. Sein allumfassender Kanon war an europäischen Universitäten mindestens bis ins 17. Jahrhundert ein Standardlehrbuch für angehende Mediziner.

Die persisch-arabische Medizin erlebte ihr "goldenes Zeitalter" vom 8. bis zum 13. Jahrhundert. In dieser Zeit war sie mit ihrer systematischen Ordnung und der genauen wissenschaftlichen Methodik der westlichen Medizin weit voraus.

Erstaunliches Wissen über Krebs

Bleiben wir bei Avicenna, dem wohl bedeutendsten persisch-arabischen Arzt. Seine Beobachtung und sein Wissen über Krebs zum Beispiel sind erstaunlich für das 11. Jahrhundert: Krebs sei eine Schwellung oder Wucherung, die rasch wachse, oft in Hohlorganen wie der Lunge, und sich schnell auf andere Organe ausbreite. Würden kleine Krebsherde früh erkannt, könnten sie herausgeschnitten werden. Wichtig dabei sei, auch die sie umgebenden Blutgefäße zu entfernen. In diesen Fällen könne Krebs geheilt werden. Sei er bereits fortgeschritten, seien nur diätetische Maßnahmen zu empfehlen.

Oder: Avicenna beschrieb bereits, dass bestimmte Krankheiten über Wasser, Boden oder Insektenstiche verbreitet werden können. Ein weiteres Beispiel ist sogar noch älter: Bereits im 9. Jahrhundert verfasste der arabische Arzt Hunain ibn Ishaq mit seinen "Zehn Abhandlungen über das Auge" ein Meisterwerk. Darin beschrieb er zu einer Zeit, in der Wissenschaftler aller Couleur das Auge für ein großes Rätsel hielten, als erster die Anatomie des Auges korrekt: die Kugelgestalt der Linse, Sklera, Retina, Cornea, Uvea sowie Arterien und Venen.

Wir verdanken Hunain ibn Ishaq auch noch etwas Anderes, nämlich die Bewahrung des medizinischen und naturphilosophischen Wissens der Antike, das sonst in Vergessenheit geraten wäre. Im 9. Jahrhundert ordnete Kalif Harun ar-Rashid in Bagdad an, die Werke griechischer, lateinischer und auch indischer Gelehrter ins Arabische zu übersetzen. Hunain ibn Ishaq war einer der Hauptverantwortlichen dafür. Er kümmerte sich vor allem um die Werke Galens.

Die zweite Blüte erlebte die Medizin des arabischen Mittelalters im 11. und 12. Jahrhundert und zwar vor allem im arabischen Westen, in Spanien. Große Ärzte dieser Zeit waren etwa Averroes (1126 bis 1198) aus Cordoba, dessen Hauptwerk ("Liber universalis de medicina" genannt) die Medizin des Abendlandes auch stark beeinflusst hat, und Moses Maimonides (1135 bis 1204), ebenfalls aus Cordoba, der als der bedeutendste jüdische Religionsphilosoph und Arzt des Mittelalters gilt.

Mit der Rückeroberung Spaniens durch die Christen (seit dem 11. Jahrhundert) und dem Mongolensturm gegen Bagdad im Jahr 1258 kam es zum politischen Zerfall des arabischen Reiches und damit zum Niedergang von Kultur, Wissenschaft und auch der Medizin.

Im Mailänder Dom ist ein buntes Glasfenster von wissenschaftshistorischer Bedeutung, das die Apothekerzunft der Stadt im Jahr 1479 gestiftet hat. In Fantasieporträts sind große Ärzte dargestellt wie Hippokrates und Galen. In einem Medaillon jedoch ist ein Muslim zu sehen und auch als solcher kenntlich gemacht, nämlich Abu Ali Ibn Sina (980 bis 1037), im Westen Avicenna genannt. Dieses Kirchenfenster bezeugt, welche Bedeutung die arabische Medizin im europäischen Mittelalter hatte.

Quellen u.a.:

Eckart, Wolfgang: "Geschichte der Medizin", Springer-Lehrbuch.

Paul, Gill: "Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten". Haupt Verlag, Bern, 2016.

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