30 Jahre MauerfallAus der Anstellung in die Niederlassung – und zurück

Kurz nach dem Mauerfall wurde 1990 das DDR-Gesundheitswesen umgekrempelt. Für rund 20.000 Ärzte bedeutete das eine plötzliche Niederlassungsfreiheit – oder den erzwungenen Schritt in die Praxis. Dr. Rüdiger Zitterbart, bis dahin Leiter eines Landambulatoriums, wandelt seither zwischen beiden Tätigkeitsformen – und ist bis heute geprägt vom "Aufwachsen" in der Anstellung.

Kurz nach dem Mauerfall wurde 1990 das DDR-Gesundheitswesen umgekrempelt. Für rund 20.000 Ärzte bedeutete das eine plötzliche Niederlassungsfreiheit – oder den erzwungenen Schritt in die Praxis. Dr. Rüdiger Zitterbart, bis dahin Leiter eines Landambulatoriums, wandelt seither zwischen beiden Tätigkeitsformen – und ist bis heute geprägt vom "Aufwachsen" in der Anstellung.
Zeiss-Poliklinik in Jena: Nach dem Mauerfall sind die staatlichen Strukturen aus der Versorgung verschwunden.© FSU-Fotozentrum

Anstellung oder Niederlassung? Kaum eine Frage hat das berufliche Leben von Dr. Rüdiger Zitterbart so geprägt wie diese – und das, obwohl ihm die Antwort über Jahrzehnte fest vorgegeben war. Denn Zitterbart ist in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) Arzt geworden. Als die Mauer zwischen Ost und West vor genau 30 Jahren fiel, leitete der Hausarzt gerade das Landambulatorium in Kaltennordheim; zuvor war er in einer Poliklinik in Bad Salzungen tätig. In beiden Positionen war er Angestellter des Staates – im Gesundheitswesen der DDR das übliche Arbeitsmodell für Ärzte. Nach der Wende bot sich für Zitterbart und seine rund 20.000 Kollegen in der DDR erstmals die Gelegenheit der Niederlassung. “Mir gefiel die Idee sehr”, sagt der heute 76-Jährige im Rückblick. “Die Idee, beispielsweise auch gemeinsam mit Kollegen eine Praxis gründen zu können, hatte etwas Nostalgisches.” Letztlich entschied er sich doch für eine Einzelpraxis – mit damals 48 Jahren.

Einzelpraxis im eigenen Haus

Zitterbart hat während seines Berufslebens viele Formen der hausärztlichen Arbeit kennengelernt: von der Anstellung in staatlichen DDR-Gesundheitseinrichtungen über die Einzelpraxis im eigenen Haus – und dementsprechend den Rund-um-die-Uhr-Einsatz für die eigenen Patienten – bis hin zur Arbeit im Team im heutigen Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ). Denn in ein solches widmete er die Praxis um, um sie trotz Nachfolge-Mangel am Ort zu halten. Bis vor einem halben Jahr war er hier mit eigenem Sitz tätig, jetzt arbeitet er wieder angestellt.

Das Konzept der Niederlassung kannte Zitterbart – im Gegensatz zu vielen Kollegen – schon zu DDR-Zeiten: Sein Schwiegervater arbeitete niedergelassen in Wernigerode. Die Niederlassung hatte er 1962 erhalten – als einer der wenigen, die im Sozialismus eine solche Zulassung bekamen. Grund könnte der Ärztemangel rund um die Zeit des Mauerbaus gewesen sein, vermutet Zitterbart. “Die wenigen niedergelassenen Kollegen verdienten deutlich mehr als wir”, weiß er. Angestellte Ärzte erhielten im Schnitt 1.300 Mark, erzählt Zitterbart; ein Porzellanarbeiter inklusive Schichtdienste 1.600.

Geregelte Arbeitszeit ist verlockend

Dabei wollten keinesfalls alle DDR-Ärzte sofort in die eigene Praxis. Nicht selten war die neue “Freiheit” sogar ein Dorn im Auge, wenn etwa ältere Kollegen gezwungen waren, sich nach der Schließung der staatlichen Ambulatorien und Polikliniken noch in einer eigenen Praxis niederzulassen – ganz gleich, wie viel Zeit noch bis zur Rente blieb. Rückblickend wird daher immer wieder diskutiert, ob die Polikliniken, die in ihrer Grundidee den heutigen MVZ entsprechen, als Möglichkeit der Anstellung für ambulant tätige Ärzte nicht hätten erhalten bleiben sollen.

Heute sieht Zitterbart beide Konzepte mit Abstand – und mit ihren ganz eigenen Vor- und Nachteilen. “Ich kann junge Kollegen verstehen, die Angst vor dem finanziellen Risiko einer eigenen Praxis haben”, sagt er. Auch die geregelte Arbeitszeit einer Anstellung habe er stets genossen. “Die Türe zuzuschließen, wenn man Feierabend hat, ohne Sorge um die wirtschaftlichen Kennzahlen haben zu müssen, das ist schon etwas Feines.”

Nichtsdestotrotz: Einen geringeren Stellenwert habe die Patientenversorgung auch in der Anstellung nie gehabt, betont Zitterbart. Wie andere habe er zeitweise durchaus überlegt, “ob das im Osten alles noch Sinn macht”, gibt er mit dem zeitlichen Abstand zu. “Aber ich konnte meine Patienten doch nicht einfach im Stich lassen.” Auch seine drei Kinder – sein Sohn Ulf Zitterbart, damals gerade 18 Jahre alt, ist heute Vorsitzender des Hausärzteverbands Thüringen – seien der Grund gewesen, in der DDR zu bleiben. “Jeder wusste, dass bei einem Fluchtversuch Schüsse fallen könnten.”

Anstellung oder Niederlassung, das weiß Zitterbart nach seinem Berufsleben in beiden Formen, ist eine höchst persönliche Entscheidung. “Die Antwort muss nicht nur zum eigenen Wesen, sondern vor allem zur entsprechenden Lebensphase passen.”

Serie: 30 Jahre Mauerfall

“Der Hausarzt” stellt rund um den Jahrestag des Mauerfalls außergewöhnliche Lebensgeschichten dar.

•In der nächsten Ausgabe: Von der Krankenpflege-Schule über die Gynäkologie in die Allgemeinmedizin: Ingrid Dänschel blickt auf einen bewegten (medizinischen) Lebensweg entlang der deutschen Geschichte zurück.

•Bereits erschienen: Der “Hamburger Jung” Dr. Klaus Lorenzen hat in Sachsen eine neue Heimat gefunden – dank illegal organisierter Famulatur und einer unvergesslichen Begegnung.

•Alle Beiträge rund um das Mauerfall-Jubiläum lesen Sie unter www.hausarzt.digital

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