AtomkatastropheAlles nur “Radiophobie”?

Am 11. März 2021 hat sich die Atomkatastrophe von Fukushima zum zehnten Mal gejährt. Die Opfer und deren Angehörige leiden immer noch unter den Folgen der Kernschmelze, des Tsunamis und der Erdbeben. Bei der Aufarbeitung sei die japanische Regierung jedoch keine große Hilfe, kritisiert IPPNW.

Heute hört man nur noch wenig von der Atomkatastrophe in Fukushima, die Japan am 11. März 2011 erschütterte. Damals starben über 15.000 Menschen in dem Tsunami, mehr als 200.000 mussten aufgrund radioaktiver Strahlung ihre Heimat verlassen, erinnert der Verein der internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) bei der Fachtagung “10 Jahre Leben mit Fukushima”.

Im Oktober 2019 waren noch immer mindestens 40.000 Einwohner evakuiert, trotzdem will die japanische Regierung sie zurücksiedeln, auch in Orte mit immer noch hohen Strahlenwerten. Radioaktiver Niederschlag, verseuchte landwirtschaftliche Flächen und Spielplätze, kontaminierte Lebensmittel und Grundwasser – die Menschen in Japan waren vielerorts Strahlung ausgesetzt, nicht nur in Fukushima.

Allein die physischen Auswirkungen von Radioaktivität sind immens. So ist das Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, bei Kindern und Jugendlichen in Fukushima 20-fach erhöht. Das ergab eine Studie der Fukushima Medical University (FMU), die sie erst auf Druck der japanischen Bevölkerung initiiert hatte.

Bei Tieren und Pflanzen in Fukushima sind die Auswirkungen noch deutlicher zu sehen: Forscher fanden Mutationen und Veränderungen bei Fichten, Affen und vielen anderen Tieren.

Messbare Spuren in Blutwerten

Der GAU hat offenbar auch messbare Spuren im Blut von Affen der Region hinterlassen. Japanische Forscher der Nippon Veterinary and Life Science University in Tokio stellten bei Japanmakaken aus der Unglückszone deutlich schlechtere Blutwerte als bei Artgenossen aus einer weit entfernten Region fest.

Sie verfügten über eine geringere Zahl weißer und roter Blutkörperchen sowie geringere Werte von Hämoglobin und Hämatokrit. Die Wissenschaftler werteten das als Hinweis auf ein geschwächtes Immunsystem. Zudem wiesen die Fukushima-Affen eine weitaus höhere Konzentration Radiocäsium in den Muskeln auf als die Kontrollgruppe.

Folgen in der Hausarztpraxis

Dr. Mita, Hausarzt in der Provinz Saitama am Rande Tokios, beobachtete in seiner Praxis außerdem, dass viele Menschen ungewöhnlich lange an banalen Infektionskrankheiten litten. Auch musste er Antibiotika über einen deutlich längeren Zeitraum als üblich verordnen. Daraufhin führte der Arzt eine kleine Studie an seinen Patienten durch, berichtet IPPNW.

Demnach untersuchte er Blutproben von ausgewählten Kindern der Kanto-Region (200 km südlich der Präfektur Fukushima), die ebenfalls stärker radiologisch belastet (3mSv. / Jahr) waren, sowie evakuierte Kinder aus der Fukushima-Region.

Er fand heraus, dass die jeweiligen Granulozyten-Werte im Blut in beiden Gruppen vermindert waren und verglich dann seine Ergebnisse mit denen der sogenannten “Health Checks” der Fukushima-Präfektur. Dort hatte man keine Blutbildveränderung gefunden.

Wissenschaftliche Studien fehlen

Eine wissenschaftliche Debatte über die Unterschiede sei dem Hausarzt aus Furcht vor Repression nicht möglich gewesen, so IPPNW. Die “Health Checks” liefen zudem nur über die Dauer von eineinhalb Jahren. “Die Schilddrüsenuntersuchungen sind die einzigen wissenschaftlichen Reihenuntersuchungen, die überhaupt relevante Aufschlüsse über die gesundheitlichen Folgen des GAUs liefern können”, sagt Dr. Alexander Rosen, Kinderarzt und Vorstand des IPPNW.

Gute und langfristige epidemiologische Studien zur Entwicklung von Krankheiten fehlen. Andere Krebserkrankungen, genetische Krankheiten, Unfruchtbarkeit, Frühaborte, perinatale Mortalität und Morbidität habe Japan in Fukushima nie untersucht.

“Insgesamt liegt der Schluss nahe, dass die Forschung in Japan stark interessengeleitet vom Atomenergiebetreiber Tepco und den japanischen Behörden ist”, sagt Dr. Angelika Claussen, Psychiaterin und Expertin für Traumata und gesundheitliche Gefahren von Niedrigstrahlung sowie Europavorsitzende des IPPNW.

Die Maßnahmen der japanischen Regierung, das Ausmaß der Havarie gegenüber der Bevölkerung herunterzuspielen, habe zudem das Einverständnis großer internationaler Behörden: UNSCEAR (wissenschaftliches Komitee der UN zu den Auswirkungen atomarer Strahlung) und IAEO (Internationale Atomenergiebehörde), prangert IPPNW an.

Claussen beschäftigt sich mit den psychosozialen Folgen der Atomkatastrophe und ist Mitautorin der IPPNW-Studie “Gesundheitliche Folgen der Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima”. Der Expertin zufolge hat Japan die psychologischen und sozialen Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima zwar beforscht, aber allen vorhandenen Studien fehlt die ganzheitliche Perspektive, weil ausschließlich per Fragebogen Symptome abgefragt wurden.

In ihren Studien stellten die Forscher zudem die Einschätzung voran, dass es nicht nötig sei, mögliche körperliche strahlenbedingte Erkrankungen zu erforschen. Denn das Ausmaß der radioaktiven Strahlung sei sehr niedrig gewesen.

Psychische Leiden stiegen stark

“Menschen mussten ihre Heimat verlassen, erlitten Traumata und hatten Angst vor Radioaktivität”, sagt Claussen. Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen, Alkoholmissbrauch, Suizide, öffentliche Stigmatisierung und Selbststigmatisierung stiegen in der Präfektur Fukushima nach dem GAU stark.

Dafür seien viele Faktoren verantwortlich: Trennung von der Familie, plötzlicher Verlust des Arbeitsplatzes und das Wegbrechen sozialer Beziehungen. “Leider begünstigt dies die japanische Mentalität: Die Gesellschaft ist sehr stark durch kollektive Werte geprägt. Anders zu sein ist immer ein Problem, in ländlichen Gebieten ist es schlimmer als in städtischen”, so Claussen.

Dazu kommt eine der weltweit höchsten Mobbingraten. Vor allem umgesiedelte Kinder und Jugendliche litten unter den Attacken von Mobbern und unter Stigmatisierung. “Radioaktive Strahlung wirkt zweifach belastend auf die Psyche. Zum einen ist sie eine reale Bedrohung, die körperliche Auswirkungen hat wie Krebs. Zum anderen ist eine dann auftretende Krebserkrankung großer seelischer Stress für die Betroffenen und die Angehörigen”, sagt Claussen.

Kinder seien am meisten gefährdet, sie erkrankten länger und dürften ihrem Drang nach Bewegung nicht nachgehen.

Japan leugnet die Kernschmelze

“Strahlenschäden kommen nicht zu Menschen, die glücklich sind und lächeln”, kommentierte hingegen der oberste Strahlenschutzexperte von Japan, Prof. Shunichi Yamashita, kurz nach der Havarie. Das Wort “Kernschmelze” erschien laut IPPNW in keiner der Veröffentlichungen der japanischen Behörden.

Im Gegenteil heißt es, unter den Überlebenden herrsche eine “Radiophobie”. Die Behörden bezeichneten damit eine reale Angst als Krankheit. “Es ist eine wichtige therapeutische Maßnahme, das Trauma als solches zu bennenen und zu akzeptieren. Traumatisierte müssen einsehen, dass sie Schreckliches erlebt haben, das nicht normal ist”, berichtet Claussen aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Traumatherapie.

Die Intransparenz und Fehlinformation der japanischen Behörden führten zu einer großen Verunsicherung bei den Traumatisierten, sie entwickelten oft das Gefühl, sie seien selbst schuld. “Das belastet zusätzlich und ist schädlich für den gesamten Prozess der Traumabewältigung”, sagt Claussen.

“Es hat sich viel verändert seit der Katastrophe: Nur noch vier der ehemals 54 Kernreaktoren sind noch in Betrieb. Trotz dem starken politischen und industriellen Bestreben, die Reaktoren wieder anlaufen zu lassen, konnten es mehrere, hauptsächlich von Anwohnern organisierte Vereinigungen durch ihr Engagement verhindern”, berichtet Prof. Masae Yuasa, Soziologin der Hiroshima State University.

“Der Widerstand aus der Bevölkerung, die Proteste und Klagen gegen die Wiederinbetriebnahme einiger Reaktoren haben oft zum Ziel geführt”, erinnert sich auch Claussen.

Kritik an der Kommunikation

Die Psychiaterin war damals mit mehreren Frauen aus Selbsthilfegruppen im Gespräch: “Eine Frau sagte, dass sie damals nur durch einen Verwandten, der bei Tepco arbeitete, von dem GAU, wohin sich die radioaktive Wolke ausbreitete und von den Evakuierungsplänen erfuhr. Diese Info hätte von der Regierung kommen müssen!”

Seit der dreifachen Kernschmelze müssen die hoch radioaktiven Reaktorhülsen in Fukushima permanent mit Wasser von außen gekühlt werden. Täglich werden 170 Tonnen stark kontaminiertes Wasser gelagert, insgesamt waren im November 2020 über 1,2 Millionen Tonnen Wasser in mehr als 1.000 Tanks in der Sperrzone.

Langsam gehe der Platz aus, heißt es von Seiten der japanischen Regierung. Sie und Tepco äußerten bereits Pläne, das verseuchte Wasser in das umliegende Meer zu leiten. Ein Horrorszenario für Anwohner und Fischer.

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