Corona: Gleichstellung von FrauenRolle rückwärts bei der Gleichberechtigung?

Ganz gleich, ob als Arbeitgeberinnen, Mütter oder Ansprechpartnerinnen für ihre Patientinnen: Die Corona-Pandemie hat Hausärztinnen in vielen Lebensbereichen getroffen. Frauen im Deutschen Hausärzteverband wollen dies gezielt aufarbeiten.

Dass Hausärztinnen in der Corona-Pandemie besonders gefragt waren, hat Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth am eigenen Leib erfahren. In vielerlei Hinsicht: Als ihre alleinerziehende Medizinische Fachangestellte (MFA) anfangs etwa keine Notbetreuung für ihr Kind gefunden hatte, griff die Praxischefin kurzerhand zum Telefon und setzte sich direkt im Gespräch mit der Kita für eine Lösung ein.

Auch ihre Kollegin Dr. Jana Husemann, selbst Mutter, musste kurzerhand kreative Sonderregelungen schaffen: In ihrer Hamburger Praxis haben MFA die Kinder mitunter mit in den Sozialraum gebracht. Ihre eigene Tochter hatte – mit der Hausärztin als Mutter und einem Lehrer als Vater – von Anfang an Anspruch auf einen Not-Platz in der Kita, wenn auch mit reduzierten Stunden. “Auch aus Gesprächen mit meinen Patientinnen weiß ich aber, dass es längst nicht Alltag war, wie mein Partner und ich uns Kinderbetreuung, Arbeitszeit und Haushalt 50:50 geteilt haben”, sagt Husemann.

Im Gegenteil: “Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist nicht nur für uns Hausärztinnen, sondern für alle Frauen eine fortwährende Herausforderung”, sagen Buhlinger-Göpfarth und Husemann. Die Coronakrise hat dies in vielen Bereichen zugespitzt. Schon allein, weil in den sogenannten systemrelevanten Berufen vor allem Frauen tätig sind: Kranken- und Altenpflegerinnen, Verkäuferinnen in Supermärkten, Erzieherinnen. “Für uns Hausärztinnen und unsere Teams waren die letzten Wochen damit eine enorme Belastung”, sagt Buhlinger- Göpfarth und erinnert an Kolleginnen, die sich zudem doppelt in der eigenen Praxis und den kurzfristig eingerichteten Fieberambulanzen engagierten (“Der Hausarzt” 9/20).

Als Sprecherinnen des Forums Hausärztinnen im Deutschen Hausärzteverband wollen Buhlinger-Göpfarth und Husemann auf das Thema aufmerksam machen. Auch in den lokalen Foren werde die Coronakrise, die in vielen Fällen eine echte Herausforderung für Frauen darstellte, aufgearbeitet, so Buhlinger-Göpfarth. In ihrem “Heimatforum” in Baden-Württemberg etwa werde man das Thema Ende Juli in einer Web-Konferenz besprechen.

“Sehr belastete” Patientinnen

Vor allem im vertrauensvollen Gespräch mit ihren Patientinnen haben Hausärztinnen die täglichen Herausforderungen beobachten können. In der Sprechstunde seien sie auf “sehr belastete Frauen” durch die Doppel-Last von Beruf und Homeschooling getroffen, berichten die Ärztinnen aus Baden-Württemberg und Hamburg unisono. “Vor allem in Familien in beengten Verhältnissen, bei Alleinerziehenden und in Familien, in denen plötzlich beide im Homeoffice tätig waren, hat das zu Problemen geführt”, sagt Husemann. “Strukturelle Ungleichheiten wurden durch die Krise deutlich verstärkt.”

Dies zeigt sich im schlimmsten Fall in einer Zunahme häuslicher Gewalt – ein Problem, auf das ebenso die Bundesregierung in einem Zwischenbericht zur Corona-Pandemie hingewiesen hatte (“Der Hausarzt” 10/20). Auch Buhlinger-Göpfarth kann von einem Fall in ihrer Praxis berichten. “Die Patientin war während der gesamten Krise nicht in der Praxis. Der gesellschaftliche Lockdown wurde für sie auch zum privaten Lockdown, auch aufgrund fehlender Hilfsangebote und sozialer Kontakte war sie völlig reaktionsunfähig geworden.” Erst jetzt, wo sie ihren Mann verlassen habe, habe sie sich auch ihrer Hausärztin gegenüber geöffnet – und von einer Zunahme der Gewalt daheim während des Lockdowns erzählt.

“Krise in eine Chance verwandeln!”

Unterdessen hatten Frauen auch weniger Zeit, in ihre Karriere zu investieren. “Dies wird den Aufstieg von Frauen in höhere Entscheidungsebenen auch im Gesundheitswesen noch schwieriger machen”, fürchten die Vertreterinnen des Forums Hausärztinnen. “Akademikerinnen verzeichneten nur noch die Hälfte der Publikationen wie im Vorjahreszeitraum, während männliche Kollegen die Produktion steigerten.”

75 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen seien Frauen, in politischen Entscheidungsgremien sind Frauen dagegen kaum repräsentiert, erinnert das Forum. “Für berufspolitische Arbeit bleibt gerade Frauen neben der täglichen Doppelbelastung oft nicht ausreichend Zeit. Das macht gerade solche Foren wie unseres so wichtig!”

Woran das jüngste Zurückfallen in alte Rollenbilder liegt, sei schwierig zu erklären, meint Buhlinger-Göpfarth. “Wir Frauen fühlen uns oft zuständig”, sei nur eine gefühlte Erklärung. Nötig sei eine strukturierte Begleitforschung. “Es ist an der Zeit”, betonen die Frauen im Hausärzteverband, “die Krise in eine Chance für die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter zu verwandeln.”

Quelle: Arbeitsmarktservice (AMS) Österreich

PODCASTS

  • Dr. Nicola Buhliner-Göpfarth: Häusliche Gewalt und die Erkennung in der Hausarztpraxis
  • Jana Husemann: Herausfordernde Kinderbetreuung in Pandemie-Zeiten und andere soziale Probleme

www.hausarzt.digital/podcast

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