Deutschlandweiter HitzeschutztagHitze und Medikamente: Worauf Sie achten sollten

Gerade Risikopatientinnen und -patienten sollten bei Hitze viel trinken, die Sonne meiden und für Abkühlung sorgen. Aber was, wenn sie zudem Medikamente einnehmen, die bei Hitze beispielsweise stärker wirken? Hier finden Sie jede Menge praktische Tipps.

Allein im Jahr 2022 starben in Deutschland 4.500 Menschen durch Hitze.

Hitze und Medikamente – da denkt man vielleicht zunächst daran, dass einige Medikamente bei Hitze zur Gefahr werden können, etwa weil sie das Durstgefühl mindern oder sich auf den Wasserhaushalt auswirken. Oder daran, dass einige Medikamente durch Hitze ihre Wirksamkeit verändern oder gar verlieren.

Allerdings beeinflussen Medikamente auch den Klimawandel und führen damit unter anderem zu mehr Hitzeperioden – Medikamente und Hitze, das ist also ein Teufelskreis.

Müssen es Dosieraerosole sein?

Denn von den Treibhausgasemissionen einer durchschnittlichen Praxis machen Medikamente rund 60 Prozent aus, wie Dr. Franziska Charrier bei einem Workshop anlässlich des ersten deutschlandweiten Hitzeschutztags berichtete.

„Und einen ganz großen Anteil daran – nämlich 12 der 60 Prozent – haben Dosieraerosole.“ Da lohne es sich, zu überprüfen, ob Dosieraerosole vielleicht durch einen Pulverinhalator ersetzt werden können. Schließlich könne man mit einer Umstellung einen ganzen Kurzstreckenflug oder eine Autofahrt von 1000 Kilometern kompensieren.

„Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) hat genau für solche Fragestellungen die S1-Leitlinie „Klimabewusste Verordnung von inhalativen Arzneimitteln“ erstellt“, berichtete Charrier (die Leitlinie finden Sie unter www.hausarzt.link/VuRU9).

Bei der Hälfte der verschriebenen Dosieraerosole handle es sich um Salbutamol. „Hier kann man darüber nachdenken, ob eventuell ein Salbu Easyhaler® in Frage kommen könnte. Und auch Symbicort® gibt es als Pulverinhalator.“

Tipp: „Bei der Deutschen Atemwegsliga findet man unter dem Reiter „Inhalieren“ alle Pulver-Inhalatoren und Dosieraerosole aufgelistet. Hier kann man sich auch Filme zur korrekten Anwendung ansehen und dies regelmäßig gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten überprüfen“, so Charrier.

Multimedikation: Dreh- und Angelpunkt ist der Medikationsplan

Grundsätzlich sei Multimedikation ein großes Problem. „20 Prozent aller gesetzlich Versicherten und 40 Prozent der über 65-jährigen Versicherten nehmen mehr als fünf Arzneimittel ein. Und 6,5 Prozent aller Klinikeinweisungen erfolgen aufgrund von Nebenwirkungen!“

Dreh- und Angelpunkt sei der bundeseinheitliche Medikationsplan (BMP) – und den sollte man einmal im Jahr überprüfen. „Am besten im zweiten Quartal, also noch vor der ersten großen Hitze“, schlug die Allgemeinmedizinerin aus Bad Kösen vor.

Auch die „Brown-Bag“-Methode sei eine Option: Der Patient oder die Patientin bringt beim Praxisbesuch alle Medikamente mit, die er oder sie einnimmt – auch OTC-Präparate. „Da kommen dann so Dinge wie Dimenhydrinat (Vomex®) auf den Tisch, das ja eine anticholinerge Wirkung hat“, berichtete Charrier.

Das bedeutet: Die Schweißbildung ist reduziert, es kommt zu Mundtrockenheit sowie Schwindel und Müdigkeit, was sich bei Hitze noch verstärken kann. „Und das kriegt man ja im Allgemeinen gar nicht mit, wenn der Patient solche Präparate einnimmt.“

Unverträglichkeiten dokumentieren!

Wichtig sei auch, Unverträglichkeiten zu dokumentieren – einfach, damit nicht der Nächste wieder einen Versuch mit dem Medikament startet oder eine Nebenwirkung mit einem neuen Medikament behandelt wird.

Regelmäßig sollte zudem abgefragt werden, ob sich die Lebenssituation verändert hat und dabei gegebenenfalls auch Angehörige oder der Pflegedienst befragt werden.

Therapieziel und Therapielast sollten immer mit dem Patient besprochen werden. „Manchmal sind dem Patienten andere Therapieziele wichtiger als dem Arzt“, so Charrier. „Das Ziel muss lauten: So wenig wie möglich, so viel wie nötig und so einfach wie möglich.“

Heidelberger Hitzetabelle

Tipp: Zum Einfluss von Arzneimitteln auf die Temperaturregulation und Volumenstatus verwies die Allgemeinmedizinerin auf die Heidelberger Hitzetabelle (diese finden Sie unter www.hausarzt.link/eNpxQ, siehe auch Auszug unten).

„Aufgelistet ist hier beispielsweise die Stoffklasse der Diuretika, die ja Einfluss auf die kutane Vasodilatation haben, das Schwitzen reduzieren und zu Dehydrierung und Hyponatriämie führen können“, so Charrier. Hier sei wichtig, die Flüssigkeitszufuhr durch ein Trinkprotokoll zu überwachen und auf das Gewicht zu achten.

„Bei großer Hitze kann man auch überlegen, die Medikation zwei bis drei Tage auszusetzen.“ Auch ACE-Hemmer reduzierten das Durstempfinden, hier sei ebenfalls ein Trinkprotokoll wichtig, damit der Patient ausreichend Flüssigkeit zu sich nehme, und gegebenenfalls eine Dosisanpassung.

Insulin wirke bei heißem Wetter verstärkt, daher sei eine intensivere Kontrolle des Blutzuckers nötig und auch hier möglicherweise eine Dosisanpassung.

Gerade Patientinnen und Patienten in Pflegeheimen würden zudem häufig mit Fentanylpflastern oder Neuroleptika behandelt. Bei Ersteren müsse beachtet werden, dass die Haut bei Hitze stärker durchblutet werde und transdermale Opioide daher verstärkt wirken. Auch hier komme eine Dosisanpassung in Frage.

Bei Neuroleptika müsse das hohe anticholinerge Potenzial beachtet werden, hier sollten unerwünschte Wirkungen engmaschig überprüft und möglicherweise ebenfalls die Dosis angepasst werden.

Anticholinerge Liste

In diesem Zusammenhang verwies Charrier auf die „Anticholinerge Liste“, die speziell für Deutschland entwickelt wurde (zu finden in Tabelle 4 in folgender Publikation: www.hausarzt.link/RufoM). In der Liste sind Medikamente je nach ihrer anticholinergen Potenz („ACB-Score“) in verschiedene Gruppen einsortiert.

In der Gruppe „ACB-Score 3“ finden sich Medikamente mit sehr hoher anticholinerger Potenz, darunter das genannte OTC-Präparat Dimenhydrinat und andere häufig verschriebene Arzneien wie Amitriptylin.

Tipp: Als weitere Anlaufstellen, um sich über Nebenwirkungen von Arzneimitteln und mögliche Alternativen zu informieren, riet Charrier außerdem zur Priscus-Liste und zur Forta-Liste.

Priscus- und Forta-Liste

In der Priscus-Liste finden sich Medikamente, die bei älteren Menschen (die bei Hitze ja besonders gefährdet sind) nicht eingesetzt werden sollten – und welche Arzneien stattdessen in Frage kommen (die Priscus-Liste finden Sie unter www.hausarzt.link/9zY4C).

Als Alternative zu Dimenhydrinat werden hier zum Beispiel pflanzliche Präparate wie Ingwerwurzelpulver, Setrone, Mirtazapin, Dexamethason und Melperon (<100 mg/d, < 6 Wochen) genannt.

Auch die Forta-Liste bietet – eingeordnet in die Kategorien A bis D – eine Übersicht, welche Medikamente für ältere Menschen ungeeignet sind (D) sowie über Arzneimittel, deren Nutzenbewertung eindeutig positiv ausfällt (A). Die Forta-Liste finden Sie unter www.hausarzt.link/uNPok).

Arztkoffer nicht im Auto lassen!

Abschließend erinnerte Charrier daran, den Arztkoffer im Sommer nie im Auto zu lassen – dort könne es schnell mal sehr heiß werden, wodurch einige Medikamente ihre Wirksamkeit verlieren können.

Besonders empfindlich sind Zäpfchen, Salben, Säfte, Cremes, aber auch Wirkstoffpflaster und Sprays. Unempfindlicher sind Tabletten und Dragees – auch hier sollte aber die im Beipackzettel angegebene Lagerungstemperatur beachtet werden. Im Allgemeinen gelten Temperaturen zwischen 15 und 25 Grad als ideal.

 

 

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