MedizinstudiumPer Quote aufs Land

Seit fast zwei Jahren liegt der Masterplan Medizinstudium 2020 auf dem Tisch – inklusive der Option für Länder, eine Landarztquote zu installieren. Wo wurde davon bislang Gebrauch gemacht? "Der Hausarzt" hat sich umgehört.

Seit fast zwei Jahren liegt der Masterplan Medizinstudium 2020 auf dem Tisch – inklusive der Option für Länder, eine Landarztquote zu installieren. Wo wurde davon bislang Gebrauch gemacht? "Der Hausarzt" hat sich umgehört.
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Larissa* ist 19 Jahre alt – und möchte Hausärztin werden. “Aber heute bekomme ich noch keinen Studienplatz”, erzählt die junge Hessin, die im Sommer ihr Abitur gemacht hat. “Ich habe einige Nebenfächer, beispielsweise Politik und Wirtschaft, ehrlich gesagt nicht ernst genug genommen.” Ihr Abitur schloss sie mit der Durchschnittsnote 1,8 ab. Der Numerus Clausus (NC) für ein Medizinstudium in Hessen jedoch liegt bei 1,0. Das bedeutet: Wartezeit. Dabei wäre Larissa die ideale Landarzt-Anwärterin im ländlich geprägten Nordhessen: Seit Jahren unterstützt sie die Pflege der Großmutter, ist ehrenamtlich im Deutschen Roten Kreuz (DRK) aktiv. “Und für mich steht absolut fest, hier in der Region bleiben zu wollen: Hier leben meine Familie und meine Freunde – das ist mir das Wichtigste.”

Quote ist eine Option, kein Muss

Für junge Menschen wie Larissa können die Länder seit Kurzem eine sogenannte Landarztquote einführen. Bis zu zehn Prozent der Studienplätze, so sieht es der im Frühjahr 2017 publik gewordene Masterplan Medizinstudium 2020 vor, dürfen demnach an Bewerber vergeben werden, die sich bereits zum Start ihres Studiums für eine spätere hausärztliche Tätigkeit auf dem Land verpflichten.

Ob dies auch Larissa bald zu einer kürzeren Wartezeit verhelfen könnte, ist noch unklar. Denn die Landarztquote ist eindeutig eine Option – und kein Muss für die Bundesländer. So will die hessische Landesregierung laut Koalitionsvertrag 2019-2023 zwar eine Quote einführen, die genaue Umsetzung werde aktuell jedoch noch geprüft, heißt es im Ministerium.

Damit befindet sich Hessen in bester Gesellschaft, wie eine Umfrage von “Der Hausarzt” unter den zuständigen Gesundheits- und Kultusministerien zeigt. In sechs Ländern sowie an der privaten Hochschule in Brandenburg wird es zum Wintersemester 2020/21 eine Quote für Bewerberinnen wie Larissa geben; in vier anderen – wie in Hessen – gibt es entsprechende Pläne oder zumindest Überlegungen.

Allein in vier Ländern lehnt man die Quote offiziell ab. Sie sei in ihrer Wirkung “erstens zu langsam (…) und zweitens nicht zielgenau” und werde daher nur als “ultima ratio” gesehen, erklärt Roland Böhm, Sprecher des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums. (Anmerkung der Redaktion: Auch Baden-Württemberg hat kurz nach Redaktionsschluss eine Landarztquote eingeführt, s. Kasten oben. Damit steigt die Zahl der Länder, die eine solche Quote einführen, Stand Januar 2020 auf sieben; die Zahl der ausdrücklichen Gegner sinkt auf drei.)

Als Stadtstaaten machen Berlin und Hamburg keinen Gebrauch von der Option. Schließlich habe man keinen ländlichen Raum, sagt Dennis Krämer, Sprecher der Hamburger Behörde für Gesundheit. “Auch gab es bislang keine Probleme bei der Besetzung von Hausarztsitzen.”

NRW bringt erste Erfahrungswerte

In Nordrhein-Westfalen – dem Vorreiter in Sachen Landarztquote – sieht das anders aus. Jeder dritte Hausarzt ist laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) älter als 60 Jahre, der Bedarf an jungen Ärzten, vor allem in ländlichen Regionen wie der Eifel, steigt rasant. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) ist deshalb voranmarschiert, bereits die zweite Bewerbungsrunde per Quote ist abgeschlossen.

Während des ersten Bewerbungsverfahrens im April 2019 waren fast 1.700 Schreiben eingegangen – für rund 170 Plätze. “Der hohe Zuspruch zeigt einmal mehr: Wir haben mit der Landarztquote den Nerv der Zeit getroffen”, bilanzierte Laumann. Neun Bewerbungen auf einen Studienplatz, das sei in etwa vergleichbar mit dem “regulären” Bewerbungsverfahren für Medizinstudienplätze. Bei den Bewerbungen für das Sommersemester 2020 kamen auf jeden der 25 verfügbaren Studienplätze sogar 16 Anträge.

Es war vor allem dieser Erfolg, der viele anfängliche Skeptiker umdenken ließ – so auch den Deutschen Hausärzteverband (s. Kommentar). Nichtsdestotrotz: Zwei Knackpunkte bleiben trotz der positiven ersten Erfahrungen bestehen. Vor allem die Tatsache, dass sich die Bewerber noch vor ihrem Studium – also nicht selten mit unter 20 – für einen bedeutenden Zeitraum verpflichten, bereitet vielen Sorge. “Die Tragweite der Entscheidung ist zu Beginn des Studium kaum zu überblicken”, erklärt Böhm aus Baden-Württemberg. “Das wenden auch die Studierenden selbst ein.”

Larissa bestätigt das: Dass sie schon heute sicher ist, mit Mitte 30 in ihrer nordhessischen Heimat leben zu wollen, stoße bei ihren Freunden auf Kopfschütteln, gibt sie zu. “Für mich ist es aber keine Option, in die Stadt zu gehen. Ich bin hier großgeworden.”

250.000 Euro bei “Vertragsbruch”

Was diese Sorge bekräftigt, sind die vorgesehenen – nicht unerheblichen – Vertragsstrafen. Flächendeckend hat sich eine Summe von 250.000 Euro durchgesetzt, zeigt die Umfrage von “Der Hausarzt”. Ein existenzgefährdender Betrag – zumal er im Falle eines “Vertragsbruchs” vergleichsweise kurz nach dem Studium, mitten in der Phase von Familienplanung und Hausbau, fällig würde. In der den Masterplan 2020 vorbereitenden Bund-Länder-Arbeitsgruppe hatten die Rechtsgutachter des Bundesgesundheitsministeriums bis zu 150.000 Euro Vertragsstrafe veranschlagt.

“Die Quote schafft eher eine Möglichkeit, wie Kinder reicher Eltern doch noch einen Studienplatz bekommen können”, fürchtet man in Baden-Württemberg daher. “Schließlich können sie später die hohe Strafe zahlen, um sich von der Verpflichtung zu befreien.”

Trotz dieser Sorgen, die auch andere Landesregierungen diskutiert haben – Mecklenburg-Vorpommern hat bei Vertragsbruch etwa explizit eine “Härtefallregelung”, basierend auf Einzelprüfungen, vorgesehen – scheint sich die Quote zu etablieren.

Empathie und Sozialkompetenz

Andere Maßnahmen wie Stipendien oder finanzielle Förderungen aus dem Strukturfonds der KV setzten während Studium und Weiterbildung oder früher Niederlassung an, gibt Andreas Pinkert, Ministeriumssprecher in Sachsen-Anhalt, zu bedenken. “Die Landarztquote dagegen zielt auf die Zeit vor Beginn des Studiums ab und unterscheidet sich damit von den übrigen Maßnahmen.” Sie wird also explizit nicht als entscheidender, aber doch zusätzlicher Baustein der Nachwuchsgewinnung gesehen.

Wichtig bleibt dabei, dass die Quote an die richtigen Bedingungen geknüpft ist. Realisiert wird das durch ein zweistufiges Auswahlverfahren: In NRW beispielsweise wird zunächst die Abiturnote mit 30, der Test für Medizinische Studiengänge mit 30 und eine Ausbildung oder praktische Tätigkeiten mit 40 Prozent gewichtet. In Bayern wird die Abiturnote sogar überhaupt keine Rolle spielen. In Stufe zwei finden dann jeweils strukturierte Auswahlgespräche statt.

Beide voranmarschierenden Gesundheitsminister, Melanie Huml (CDU) für Bayern und ihr NRW-Amtskollege Laumann, betonen dabei zwei wichtige Fähigkeiten: So müsse ein guter Hausarzt nicht nur fachlich hochqualifiziert sein – was Studium und mehrjährige Facharzt-Weiterbildung sichern – , sondern auch “Empathie und Sozialkompetenz” mitbringen. Larissa ist sich sicher, genau damit punkten zu können.

Kommentar

von Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes

Anfänglich haben wir die Landarztquote durchaus mit Skepsis betrachtet. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wird sich erst noch zeigen: Schließlich werden die Auswirkungen erst in rund zehn Jahren spürbar sein. Die Strukturprobleme wirken sich aber bereits heute auf die gesundheitliche Versorgung aus. Insbesondere im ländlichen Raum besteht ein zunehmender Bedarf an Hausärztinnen und Hausärzten.

Die Landarztquote scheint ein Baustein zur Verbesserung dieser Situation zu sein – die große Anzahl an Bewerbern gibt ihr jedenfalls recht. Viele junge Menschen können sich vorstellen, später als Hausärztin oder Hausarzt auf dem Land tätig zu werden. Das ist ein gutes Signal und ein Schritt in die richtige Richtung.

Besonders positiv bewerten wir, dass die Auswahlverfahren in einigen Ländern persönliche Gespräche mit erfahrenen Hausärztinnen und Hausärzten umfassen. So werden die Anforderungen des Hausarztberufs von Anfang an deutlich und die Auswahl der Studierenden erfolgt auf Grundlage sachgerechter und praxisbezogener Kriterien. Was uns nicht gefällt, sind – neben der langen Zeit, bis die ersten Absolventen in der Versorgung ankommen – die langjährige Verpflichtung und die hohen Vertragsstrafen. Den jungen Menschen ist es nur schwer zuzumuten, sich über einen so langen Zeitraum festlegen zu müssen – und sollten sie sich am Ende doch anders entscheiden, müssten sie ein Leben lang ihre Sanktionen abzahlen. Hier kann das Modell sicherlich noch verbessert werden.

Alles in allem kann die Landarztquote aber sicherlich dazu beitragen, die hausärztliche Versorgung langfristig zu stärken.

 

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