Der WandelReha versus Sanatorium

Die traditionelle Kur- und Sanatoriumsmedizin wurde vor Jahrzehnten weitgehend von der modernen Rehabilitationsmedizin abgelöst. Damit hat sich auch die inhaltliche Ausrichtung fundamental geändert. Es ist an der Zeit zu reflektieren, ob sich die Versorgung der Patienten dadurch verbessert hat.

Im Sanatorium kümmerte man sich mehr um die Wiedererlangung der Gesundheit als in den heutigen Reha-Kliniken (Ausschnitt aus dem Film „Sanatorium total verrückt“, Regie: Alwin Elling, 1954).

Der Wandel von den früher vorherrschenden Kurkliniken und Sanatorien zu den heutigen modernen Rehabilitationskliniken wurde vor ca. 60 Jahren eingeleitet. Nach dem deutschen Sozialgesetzbuch ist die Rehabilitation definiert als eine Maßnahme zur Wiedereingliederung einer kranken, körperlich oder geistig behinderten oder von Behinderung bedrohten Person in das berufliche und gesellschaftliche Leben.

In dieser Definition fehlt jedoch der Begriff der Gesundheit, der in der Sanatoriumsmedizin allgegenwärtig war und ist. Die Rehabilitation bekam so einen Auftrag und eine inhaltliche Ausrichtung, die sich stark von der Philosophie der früheren “Kur” oder der Sanatorien unterscheidet.

Die Rehabilitationsmedizin ist auf die Funktionseinschränkungen und auf deren Wiederherstellung bezogen, die Kur- und Sanatoriumsmedizin ist primär auf die Wiedererlangung der Gesundheit der Patienten ausgelegt. Bei der Definition des Behandlungsauftrags in der Rehabilitation wurde zum Nachteil der Patienten nicht berücksichtigt, dass Gesundheit und Funktion stark miteinander verflochten sind und sich gegenseitig erheblich bedingen.

Die Therapiekonzepte in den Sanatorien beinhalten Entspannung, gesunde Ernährung, mehr körperliche Bewegung, reine Luft, lokale Klimareize, Kneipp-Anwendungen, Massagen, physikalische Anwendungen usw. Das Ziel war es, die Regeneration und die Selbstheilung der Patienten zu fördern und damit die Gesundheit wiederherzustellen.

In deren Behandlungsphilosophie wurde berücksichtigt, dass nur im parasympathischen Zustand ein anaboler, also aufbauender, regenerativer Stoffwechsel besteht. Und nur in dieser entspannten, parasympathischen Reaktionslage ist Regeneration und Selbstheilung überhaupt möglich. Im Gegensatz dazu bewirkt andauernder Stress einen katabolen Stoffwechsel. Dieser ist verbrauchend und abbauend, somit also kontraproduktiv für eine Regeneration und Heilung.

Gesundheit als Grundlage für Funktionen

Die ganzheitlichen Therapiekonzepte aus der Sanatoriumsmedizin wurden von der modernen Rehabilitationsmedizin nicht übernommen. Das schlägt sich in veränderten patientenbezogenen Abläufen und in den Therapieprogrammen in den Rehabilitationskliniken nieder. Während in den Sanatorien die Patienten nach der Anreise erst mal zu Ruhe kommen und sich entspannen sollten, muss in den Reha-Kliniken das diagnostische und therapeutische Programm sofort nach der Aufnahme der Patienten beginnen.

Diese Änderung ist nicht das Resultat von medizinischen Begründungen, sondern von der Forderung der Kostenträger nach einem unverzüglichen Therapiebeginn. Weiterhin werden die Rehakliniken aufgefordert, täglich eine große Anzahl an Einzel- und Gruppentherapien sowie an Vorträgen und Schulungen anzubieten bzw. eine erhebliche Therapiedichte vorzuweisen.

Frust über die Therapiedichte

Viele Reha-Patienten berichten, dass sie in der Rehabilitationseinrichtung in der Anfangszeit erheblich gestresst waren. Eine Patientin mit Zustand nach breiter Eröffnung des Brustkorbs infolge einer schweren Herzoperation litt bei der Verlegung aus der Universitätsklinik noch unter erheblichen Schmerzen, unter deutlich verminderter Belastbarkeit und unter massiver Erschöpfung.

Nach ihrer Schilderung war sie in den ersten Tagen ihrer Rehabilitation so “fertig”, dass sie am dritten Tag wieder abreisen wollte. Ein Termin hätte den anderen gejagt. Sie hatte das Gefühl, dass bei ihr alles schlechter wird und dass sie das Programm nicht schaffen würde. Hinzu kam, dass ihr Therapieplan wenig individuelle Behandlungen beinhaltete und Gruppentermine sowie Schulungen überwogen.

Als Höhepunkt musste sie an einem Tag an fünf Vorträgen teilnehmen, sodass sie am Abend kaum mehr sitzen konnte. Ein Ergometer-Training stand täglich auf dem Programm, obwohl die Patientin jedes Mal nach 3 bis 4 Minuten abbrach, da sie im Bereich der Operationsnarbe durch die Kippbewegungen stets vermehrt Schmerzen erlitt. Die Maßnahme diente nicht ihr, sondern letztlich der Erfüllung einer Therapiedichte.

Einengung der Rehabilitationsmedizin

Einige Grundprinzipien der Gesundwerdung und der Erhaltung der Gesundheit wurden in der Rehabilitationsmedizin völlig aufgegeben. Dies betrifft nicht nur den Aspekt der Regeneration, sondern auch weitere Themen wie die Ernährung, körperliche Bewegung und Entspannung in der Natur, biologisch begründete Konzepte in der Physiotherapie usw. Das sind Versäumnisse, die nicht nur den Kliniken anzulasten sind, sondern auch dem Diktat der Ökonomie.

Die sehr niedrigen Tagessätze der Reha-Einrichtungen bringen natürlich Nachteile für die Patienten mit sich. Im Mai 2018 kritisierte die Arbeitsgemeinschaft Medizinische Rehabilitation aufgrund eines Gutachtens: “Die Tagessätze für die medizinische Rehabilitation sind nicht kostendeckend”. Dieser Zustand führte in den letzten Jahrzehnten zu einer zunehmenden Reduzierung des Personalbestandes.

Das ist der Grund, weshalb Krankengymnastik überwiegend nur noch in Gruppen durchgeführt wird, physiotherapeutische Behandlungen sehr oft maschinell durch Hydrojet-Massage, Vibrationssessel, apparative Entstauung, Thermosandliege usw. ersetzt werden. Klare biologisch begründete physiotherapeutische Konzepte zur Verbesserung der Gesundheit der Patienten können auf diese Weise jedoch nicht umgesetzt werden. Das wissenschaftlich anerkannte Prinzip der Salutogenese (Stärkung der Ressourcen der Patienten) bleibt somit weitestgehend unbeachtet.

Die restriktive Ökonomie trifft auch weitere Bereiche in der Rehamedizin. Zum Beispiel kann eine gesunde Kost bei einem Verpflegungstagessatz von zum Teil nur wenigen Euro einfach nicht angeboten werden. Dies verdeutlicht eindrücklich, welcher geringe Stellenwert der Ernährung in den Rehakliniken beigemessen wird. Das widerspricht den Grundprinzipien einer systembiologischen Medizin und auch den neuesten Erkenntnissen.

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