PädiatrieVon Adipositas bis Zerebralparese

Der Kongress für Kinder- und Jugendmedizin (11.-14.9.2019 in München) wurde von fünf pädiatrischen Fachgesellschaften gemeinsam gestaltet. Entsprechend vielfältig waren die Informationsangebote. Viele Entwicklungen sind auch für Hausärzte praxisrelevant.

Kindliche Adipositas: Nicht auf Gewichtsreduktion beharren

Während der weltweite Trend zum Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen anhält, veränderte sich der Anteil von übergewichtigen (ca. 15 Prozent) und adipösen Kindern (ca. 7 Prozent) in Deutschland über die letzten zehn Jahre nicht wesentlich. Das ist das Ergebnis der KiGGS-Studie aus zwei Erhebungen in den Jahren 2003-2006 und 2014-2017. Während sich manche darüber freuten, dass der Gewichtszunahme von Anfang der 2000er Jahre Einhalt geboten sei, sahen die pädiatrischen Fachgesellschaften das kritischer – denn die Anzahl der übergewichtigen bzw. adipösen Kinder ist nach wie vor sehr hoch.

Kann man den Kindern helfen, ihr Gewicht loszuwerden? Das ist häufig nicht möglich, erklärte Prof. Martin Wabitsch, Ulm. Denn in einer Studie zeigte sich, dass Kinder, die im Alter von drei Jahren adipös waren, mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 90 Prozent im Jugendalter ebenfalls übergewichtig oder adipös sind. “Das kausale Geschehen erfolgt in den ersten drei Lebensjahren, danach ist eine Veränderung kaum mehr möglich”, konstatierte der Endokrinologe. Das Ziel von Adipositas-Schulungsprogrammen sollte daher nicht primär auf die Gewichtsreduktion fokussieren, sondern das Ernährungs- und Bewegungsverhalten angehen. Selbst wenn sich das Gewicht kaum ändert, kann eine erfolgreiche Schulung die metabolischen Parameter verbessern.

Die derzeitige Adipositasprävalenz beruht auf veränderten Lebensbedingungen, die auf bestimmte genetische Anlagen treffen. So ist die Variabilität des Körpergewichts zu 50 – 80 Prozent durch genetische Faktoren bedingt. Vererbt werden etwa das Sättigungsempfinden oder der metabolische Grundumsatz. Auch das Gewicht der Mutter vor der Schwangerschaft spielt eine Rolle. Laut Wabitsch kann das Wissen über genetische und epigenetische Einflüsse der Gewichtsregulation den Betroffenen enorm helfen – indem es der gesellschaftlichen Stigmatisierung entgegen wirkt und die Kinder vor Schuldzuweisungen schützt.

Manche Formen der Adipositas beruhen auf therapierbaren genetischen Störungen, etwa einer Mutation im Leptin-Gen. Daher riet Wabitsch, bei Patienten mit frühmanifester extremer Adipositas oder vor einer Adipositas-chirurgischen Maßnahme bei Jugendlichen eine genetische Untersuchung zu veranlassen.


Schützen oder Heilen?

Die Zielsetzung ärztlichen Handelns ist es, kranken Menschen zu helfen. Das Ziel wissenschaftlicher Forschung mit Patienten besteht hingegen in einem Erkenntnisgewinn, der dem Forscher selbst nutzt, aber vielleicht nur den Versuchspersonen oder zukünftigen Patienten. Wenn der Arzt selbst der Forscher ist, gerät er in ein Spannungsfeld. Denn als Arzt ist er verpflichtet, dem Patienten eine möglichst sichere, wirksame und wenig belastende Behandlung anzubieten. Als Forscher muss er jedoch neue Therapien mit ungewisser Wirksamkeit und erhöhtem Nebenwirkungsrisiko testen. Dadurch entsteht ein ethischer Konflikt, der nicht durch ein moralisches Fehlverhalten verursacht wird, sondern strukturell bedingt ist. “Dieser Konflikt ist nicht auflösbar, er kann nur geregelt werden”, erklärte Prof. Georg Marckmann, München. Diese Regelung erfolgt mittels Kodizes und Gesetzen zum Schutz des Patienten. Die Abwägung zwischen Schützen und Heilen findet vor allem in dem Verhältnis von Arzt-Patienten/-Eltern statt. Dabei sollte die Entscheidungen der Patienten/Eltern ermöglicht und respektiert werden.


Weniger Zerebralparesen

Über die Hälfte der Kinder mit Zerebralparese (CP) sind Frühgeborene – je früher sie geboren werden, desto größer ist ihr Risiko, diese Behinderung aufgrund einer Gehirnschädigung zu entwickeln. CP geht mit motorischer Behinderung, oft begleitet von Lern-, Sehstörung oder Epilepsie einher. Entgegen der bisherigen Annahme sinkt die CP-Rate bei Frühgeborenen seit 20 Jahren kontinuierlich. Das zeigte die Auswertung europaweit erhobener epidemiologischer Daten. Demnach verbessert die Intensiv- und Neonatalmedizin nicht nur das Überleben der Frühchen sondern auch die Überlebensqualität.


Dissoziative Störungen

Am häufigsten sind dissoziative Bewegungsstörungen, gefolgt von dissoziativen Anfällen und Empfindungsstörungen. Sie betreffen überwiegend Mädchen und fast nie Kinder unter zehn Jahren. Wichtigstes Erkennungszeichen: sie treten nur vor Publikum auf und lassen nach, wenn die Betroffenen abgelenkt werden. In der Vorgeschichte findet sich meist ein belastendes Lebensereignis. Die meisten Patienten sind mit einer ambulanten Therapie bestehend aus Psychoedukation, ggf. Physio- und Psychotherapie gut versorgt.


Impfentscheidung

Der Arzt hat es in der Hand, ob die Patienten sich oder ihre Kinder impfen lassen oder nicht. Das geht aus einer Umfrage der BZgA hervor, bei der 97 Prozent der Befragten angaben, dass das persönliche Gespräch mit einem Arzt/Ärztin für sie die beste Möglichkeit ist, sich über Impfungen zu informieren. Umgekehrt erhielten 18 Prozent der Befragten in den letzten fünf Jahren keine Impfung, weil ihnen der Hausarzt oder Kinderarzt keine Impfungen angeboten hatte.


Gen-Ersatztherapie bei SMA

Für die spinale Muskelatrophie (SMA) Typ 1 könnte mit der Gen-Ersatztherapie bald eine weitere Therapieoption zugelassen werden. Die Studiendaten sind vielversprechend: Kinder, die unbehandelt nie selbstständig sitzen können und innerhalb weniger Jahre versterben, leben mit der Therapie länger und erreichen teilweise motorische Meilensteine wie selbstständiges Sitzen oder Gehen. Wichtig für den Therapieerfolg ist die frühe Diagnose. An SMA sollte man bei Kindern mit auffällig schlaffer Muskulatur denken.

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