Covid-197 Lehren aus der Pandemie

Mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit, bessere Information: Nicht nur das wünschen sich Gesundheitsversorger für die Zukunft.

Vermehrt interdisziplinär zusammenarbeiten, Zugänge zu Informationen verbessern, Einschränkungen sorgfältig abwägen, unbürokratisch ergänzende Forschungen ermöglichen, Risiken klar definieren – all das wären Ansatzpunkte, um beim nächsten Mal besser auf eine Pandemie vorbereitet zu sein.

“Was können wir aus der Pandemie für post-pandemische Zeiten lernen?” – unter dem Titel hatte das Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung (Zi) Mitte September zum Austausch eingeladen. Vertreterinnen und Vertreter aus der Gesundheitsversorgung und Medizin haben ihre Lehren zusammengetragen. Im Folgenden eine Auswahl:

1. Alle relevanten Akteure ins Boot holen

Für Dr. Monika Schliffke von der kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein war es im Frühjahr 2020 “ein Anfang mit Schrecken”. Im Falle einer weiteren Pandemie, so ihre Empfehlung, sollten künftig frühzeitiger alle relevanten Beteiligten ins Boot geholt werden.

Als KV-Vorsitzende fühlte sie sich zunächst von der Politik übergangen. Diese Misskommunikation prangert auch der Deutsche Hausärzteverband zum wiederholten Mal an (s. Artikel). Denn immer wieder traten neue Regelungen quasi über Nacht in Kraft, ohne die Folgen für die Hausarztpraxen zu bedenken.

2. Einschränkungen abwägen, interdisziplinär zusammenarbeiten

Franz Knieps, ehemals selbst im Bundesministerium für Gesundheit tätig und jetzt Chef des BKK-Dachverbandes, machte keinen Hehl daraus, dass er die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen zu Beginn der Pandemie kritisch beurteilt.

Seine Empfehlung: Rechtliche Schritte sollten sorgfältiger abgewogen, die Perspektiven von unterschiedlichen Experten kontinuierlich eingebunden werden. Knieps gehört auch einer Forschergruppe um Prof. Matthias Schrappe an.

Der Gesundheitswissenschaftler gilt als einer der Pandemieexperten in Deutschland und hat seit Frühjahr 2020 mehrere Thesenpapiere verfasst, eben gemeinsam mit unterschiedlichen Medizinern und Forschern. Knieps dazu: “Dieser Austausch ist ein Gewinn für mein Leben.”

3. Risiken klar definieren, Infos bereitstellen, Bedarfe aufnehmen

Dr. Dominik von Stillfried, selbst beim Zi tätig, sieht eine der Hauptaufgaben der Zukunft darin, frühzeitig für die niedergelassenen Ärzte mögliche Gefährdungen sowie Risiken zu definieren und entsprechende Infos bereitstellen zu können.

So sei der Krisenstab bei der KV Berlin in der ersten Pandemiephase vor allem damit beschäftigt gewesen, dringend benötigtes Schutzmaterial in ausreichender Anzahl zu organisieren.

Auch zum Impfen, so beobachtet von Stillfried, hätten unterschiedliche Meldungen und Zielsetzungen die Bürger zunehmend verunsichert. Heute würden sich viele von ihnen fragen, ob sie sich auf eine Impfung überhaupt verlassen können.

4. Verlässliche Daten zur Versorgung

Prof. Christian Karagiannidis, Intensivmediziner aus Köln, baut zusammen mit einem Kollegen ehrenamtlich das DIVI-Intensivregister auf. Zentraler Knackpunkt dabei: “Es ist nicht einfach zu definieren, wie ein Bett auf einer Intensivstation ausgestattet sein muss. Klar ist, dass das Bett allein nicht reicht. Es wird Personal benötigt, in der Pflege, bei den Ärzten.

Schwer kranke Covid-Patienten brauchen zudem Beatmungsgeräte.” Für das Intensivregister, dessen Aufbau im Vorfeld der Pandemie immer wieder gescheitert ist, definiert er nun drei Stufen von Intensivmedizin: Low-Care-Betten ohne Narkose, ohne Intubation; High-Care-Betten mit umfassender Versorgung; High-Care-Betten mit ECMO-Geräten. Nach diesen Kriterien gibt es deutschlandweit rund 9.000 Intensiv-Betten.

5. Nebenwirkungen von Schutzmaßnahmen bedenken

Aktuell bereitet Karagiannidis vor allem die mögliche Immunschwäche der Kinder Sorgen. Erstmals in seinem Medizinerleben registriert er eine Häufung an Influenza und RSV-Erkrankungen bei Kindern – so viel, wie üblicherweise erst in den Wintermonaten zutage tritt. Sein Appell: “Masken nicht frühzeitig abnehmen!”

Dieser Ansicht widersprach Dr. Thomas Fischbach, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, der im Publikum saß. Auch er erlebt, dass Kinder aktuell deutlich anfälliger für Influenza und RSV sind.

Die Corona-Schutzauflagen haben aus seiner Sicht jedoch erhebliche Nebenwirkungen: “Die Kollateralschäden, die durch die Corona-Auflagen bei den Kindern ausgelöst werden, sind gigantisch. Sorgen bereitet mir, dass durch die im letzten Winter stattgefundenen Kontaktverbote bei Kindern eine Immunschuld erzeugt wurde.” Eine weiter andauernde Verpflichtung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sei aus seiner Sicht nicht gerechtfertigt.

6. Den Bürgerinnen und Bürgern mehr vertrauen

BKK-Vorstand Franz Knieps beobachtet eine “Wut zum Regulieren” in der Politik. Das sei ein grundsätzlich falsches Denken. Gesundheit sei kein individuelles Gut, sondern ein öffentliches. “Einer allein”, sagt Knieps, “kann dies nicht richten und von daher ist es dringend geboten, nicht alles normativ zu regeln, sondern ein Grundvertrauen zu entwickeln, dass sich die Bürger kooperativ verhalten werden.”

Die Politik hätte mehr aus der Pandemieerfahrung mit HIV und Aids lernen können. Damals setzte das Gesundheitsministerium auf kooperatives Verhalten und Vertrauen. Dass heute beispielsweise in einem Positionspapier aus dem Bundesministerium des Inneren bewusst mit Corona-Schreckensszenarien gearbeitet worden ist, empfindet Knieps als “dilettantisch”.

Persönlich sprach er sich dafür aus, lieber offen zu einer Impfpflicht zu stehen als nach und nach Hürden einzubauen für jene, die sich nicht impfen lassen wollen.

7. Mehr Handlungsspielraum für die Wissenschaft

Prof. Wolfgang Hoffmann, Direktor des Instituts für Community-Medicine an der Universität Greifswald, hätte sich mehr Spielraum für ergänzende Forschung gewünscht. “Wir hätten über die Nako-Gesundheitsstudie unmittelbar Daten zur Ausbreitung des Virus sammeln können.

Das ist eine deutschlandweite Langzeit-Bevölkerungsstudie, in der wir zum Beispiel nachfragen, warum der eine erkrankt, aber andere gesund bleiben. Leider wurde unser Angebot nicht aufgenommen.” Die Anforderungen des Datenschutzes würden, so bedauerte er, von einigen Vertretern in den Institutionen aktuell nicht richtig verstanden und gegen fast jede wissenschaftliche Nutzung von personenbezogenen Daten ausgelegt. Hoffmann: “Es sollte nicht so werden, dass wir zivilen Ungehorsam entwickeln müssen, um überhaupt noch forschen zu können.”

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