Hausarzt Medizin ChecklisteChronische Borreliose: Hier scheiden sich die Geister

Gibt es sie oder gibt es sie nicht, die chronische Lyme-Borreliose? Und wenn es sie gibt, wie lässt sie sich diagnostizieren und behandeln? Gespräche zwischen den gespaltenen Lagern könnten helfen.

Zecke

“Auf einen Blick”: Borreliose – Checkliste zum Sammeln

Vor zehn Jahren gründete Dr. Carsten Nicolaus die BCA-Klinik. BCA steht für Borreliose Centrum Augsburg. Die privatärztlich abrechnende Tagesklinik hat sich auf die Behandlung von Patienten mit zeckenübertragenen Erkrankungen wie insbesondere der chronischen Borreliose spezialisiert.

Seit 2006 hätten in der Klinik über 25.000 Patienten aus dem In- und Ausland Hilfe gesucht und oft auch gefunden, leitete Nicolaus in einen Workshop anlässlich des Jubiläums ein. Spektakuläre Erfolge seien etwa ­vermeintliche MS-, Fibromyalgie- oder chronische Fatigue-Patienten, deren Beschwerden sich im Verlauf einer komplementärmedizinisch begleiteten Langzeitantibiose gegen chronische Borreliose entscheidend gebessert haben.

Maßgebliche Institutionen wie die ­ IDSA (Infectious Disease ­Society of America) oder das RKI-nahe Nationale Referenzzentrum für Borrelien sehen bislang keine überzeugenden Daten, die den Einsatz einer mehrmonatigen Antibiotika-Therapie gegen Borrelieninfektionen rechtfertigen. Die Existenz einer seronegativen chronischen Borreliose wird von dieser Seite ohnehin weitestgehend verneint.

Keine zuverlässigen Labormarker

Dem halten Nicolaus und der beim Augsburger Workshop anwesende renommierte französische Infektiologe und Borreliose-Experte Professor Christian Perronne aus Paris die 2004 erstpublizierten und 2014 aktualisierten Leitlinien der ILADS (International Lyme and Associated Diseases Society) entgegen1). Denen zufolge ist das Krankheitsbild einer auch seronegativen chronischen Borreliose in der Literatur ausreichend dokumentiert.

Bislang gibt es leider keine zuverlässigen Labormarker, die eine chronische Borreliose sicher nachweisen oder ausschließen lassen, stellte der Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie Dr. Horst-Günter Maxeiner, Laborleiter an der BCA-Klinik, klar. Serologie, Lymphozytentransformationstests (LTT) oder auch eine PCR können sowohl falsch positive als auch falsch negative Ergebnisse liefern. Die Diagnose einer chronischen Borreliose sei deshalb Ergebnis eines oft aufwendigen Puzzles, in dem möglichst viele anamnestische, klinische und labormedizinische Indizien zusammen passen sowie potenzielle Differenzialdiagnosen gewissenhaft ausgeschlossen sein müssen, resümierte Nicolaus.

Mehr miteinander reden

Der Klinikleiter wünschte sich abschließend, dass zum Thema Borreliose zwischen den Lagern mehr miteinander als gegeneinander geredet würde. Seiner Überzeugung nach gebe es mehr Übereinstimmungen als Differenzen. Eine wichtige Botschaft von beiden Seiten ist beispielsweise, Patienten mit einem Erythema migrans schnellstmöglich und unabhängig von einem serologischen Ergebnis zwei bis drei Wochen antibiotisch zu behandeln, ergänzte Dr. Walter Berghoff, niedergelassener Internist aus Rheinbach (NRW) und Mitglied der Leitlinienkommission der Deutschen Borreliose-Gesellschaft.

Quelle: Workshop „Diagnose und Therapie der Spätformen der Lyme Borreliose“ anlässlich des zehnjährigen Bestehens der BCA-Klinik in Augsburg.

1) Cameron D J et al.: Expert Rev Anti Infect Ther 2014; 12 (9): 1103-1135

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