Gerard van Swieten: Arzt, Reformer und Vampirjäger

Der holländische Arzt Gerard van Swieten wurde Mitte des 18. Jahrhunderts von Kaiserin Maria Theresia nach Wien geholt, um das Medizin- und Krankenhauswesen zu reformieren. Dort wurde er auch zum "Vampirjäger".

Dracula: Daniel Day-Lewis als Dracula in einer Aufführung am Half Moon Theatre in London (1984).

Am Anfang des derzeitigen Vampir-Hypes stand ein Roman des Iren Bram (Abraham) Stoker: “Dracula”, 1897 erschienen, war zwar nicht der erste Vampir-Roman, aber der entscheidende. Es war Stokers Dracula, der das Bild des Vampirs in Literatur und Filmgeschichte geprägt hat.

Die Geschichte um den unheimlichen transsilvanischen Grafen Dracula mit den langen spitzen Zähnen ist hinreichend bekannt. Ebenso bekannt ist sein Gegenspieler und Erzfeind, der holländische Arzt und Gelehrte Professor Abraham von Helsing.

Weniger bekannt ist wohl, dass es diesen wirklich gegeben hat. Nämlich in der Figur des Gerard van Swieten (1700 bis 1772), ebenfalls holländischer Arzt und Gelehrter. Der Vertreter der Aufklärung war von Kaiserin Maria Theresia nach Wien geholt worden, um das Medizin- und Krankenhauswesen zu reformieren. Dort wurde er auch zum “Vampirjäger”.

Der Vampir als Sündenbock

Menschen haben immer nach Sündenböcken wie Dämonen oder Hexen gesucht, die für unerklärliche, schreckliche Ereignisse, für Krankheiten oder Missernten verantwortlich gemacht werden konnten. Eine Variante davon ist der Vampir.

Der Glaube an Vampire stammt aus dem südosteuropäischen Raum, dem Balkan. Vor allem im 17. und im 18. Jahrhundert breitete er sich aus. Dabei kam es in manchen Dörfern in Serbien und anderen osteuropäischen Regionen zu regelrechten Vampirepidemien.

Das Blutsaugen hatte zunächst gar nichts mit Vampiren zu tun. Sondern sie waren Untote, die ihr Grab verließen, um Unheil anzurichten. Sie sollen Menschen im Schlaf gewürgt und Krankheiten verursacht haben. Sie sollen auch hinter unerklärlichen Ereignissen gesteckt haben wie fliegenden Tieren oder fliegenden Kalbsköpfen.

Um ihrer Herr zu werden, musste ihr Grab gefunden werden. Hinweise waren schief-stehende Kreuze oder Mäuselöcher. Dann wurde der Leichnam ausgegraben. War er kaum verwest und sah er frisch aus, wusste man: Das ist ein Vampir. Dann wurde diesem der Prozess gemacht, und der Leichnam musste von einem nahen Verwandten noch einmal getötet, meist gepfählt oder geköpft, und dann verbrannt werden, damit das Dorf Ruhe vor seinen Untaten hatte.

Bei den exhumierten “Vampiren” wurde mitunter auch Blut an den Körperöffnungen entdeckt. So entstand die Vorstellung vom Vampirismus, dass die Untoten das Blut von lebenden Opfern getrunken hatten.

Oft wurden gleich mehrere gut erhaltene Leichen gefunden. Dann kam es zu “Vampirmassenmorden”, bei denen ganze Friedhöfe umgegraben und die gefundenen Leichen verbrannt wurden. Das wiederum hatte Auswirkungen auf die Lebenden. Denn viele, die befürchteten, nach dem Tod angeklagt zu werden, verließen ihr Dorf.

“Barbarei der Unwissenheit”

Teile Südosteuropas gehörten damals zum Habsburgerreich. So verbreitete sich die Vampir-Hysterie auch im k.u.k.-Gebiet. Mitte des 18. Jahrhunderts schickte die Regierung in Wien kaiserliche Beamte und Ärzte, um Vampir-Fälle zu untersuchen.

Kaiserin Maria Theresia selbst war von diesen Grusel-Geschichten aus Teilen ihres Reiches regelrecht abgestoßen. Im Jahr 1755 sandte sie deshalb ihren Leibarzt van Swieten als Leiter einer Kommission von Ärzten und Gelehrten nach Mähren, um den dortigen Vampirglauben zu klären.

Der niederländische Arzt Gerard van Swieten war ein typischer Vertreter der Aufklärung. Er war einer der wichtigsten Kämpfer gegen den Aberglauben des “einfachen Volkes”. Der Vampir-Mythos war für ihn eine “Barbarei der Unwissenheit”.

Der kaiserliche Vampirjäger untersuchte angebliche Vampirfälle gründlich – und fand natürliche Ursachen als Erklärung für den Mythos. Das Kriterium, das alle “Vampire” gemeinsam hatten, war eine unvollkommene Verwesung.

Das kannte van Swieten aus persönlichen Erfahrungen mit Grab- und Sargöffnungen. Er wusste, dass Leichen intakt bleiben, wenn sie unter besonders starkem Luftabschluss bestattet worden waren. Sauerstoff war damals noch nicht bekannt, er wurde erst 1774 entdeckt.

Aber van Swietens Überlegungen decken sich mit heutigen Thesen. Unter Ausschluss von Sauerstoff kann ein Leichnam nicht nur nicht verwesen, sondern es kann auch zu Gärvorgängen kommen, die den Körper aufblähen und sogar Körperflüssigkeiten aus den Öffnungen des Gesichts drücken können.

Sieg der Vernunft

Seine Erkenntnisse fasste van Swieten 1768 in einem nüchternen Bericht zusammen: “Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus”. Aufgrund dieses Berichts verbot Kaiserin Maria Theresia alle traditionellen Abwehrmaßnahmen gegen Vampire wie Pfählen, Köpfen und Verbrennen von Toten. Alles in allem also ein Sieg der Vernunft.

Nicht ganz. Van Swieten befasste sich auch mit den vermeintlich von Vampiren verursachten übernatürlichen Geschehnissen. Etwa den fliegenden Tieren, die vor allem an Friedhöfen erschienen sein sollen. Vieles davon tat van Swieten als Aberglauben und Unsinn ab. Aber nicht alles. Manches konnte er nur so erklären: Hier war der Teufel am Werk. Auch Aufklärer waren eben gute Christen.

Der Vampirismus lebt

Mythen über Vampire gab es weltweit, vor allem in Teilen Asiens, Afrikas und Südamerikas, und es gibt sie immer noch. Auch in Südosteuropa ist der Glaube an Untote, die aus ihren Gräbern auferstehen, bis heute in abgelegenen Regionen verbreitet. “In manchen bulgarischen Dörfern werden den Toten noch immer die Füße gebunden, um ihre Wiederauferstehung als Vampir zu vermeiden”, heißt es 2012 in der Stuttgarter Zeitung.

Auch aus Ostserbien würden in der sommerlichen Saure-Gurken-Zeit immer wieder herumgeisternde Vampire vermeldet. Der letzte bekannt gewordene Fall in Europa stammt aus dem EU-Mitgliedsland Rumänien: Im Dorf Marotinu de Sus verdächtigten die Bewohner im Jahr 2005 einen zwei Jahre zuvor Gestorbenen, als Vampir sein Unwesen zu treiben.

Der Leichnam wurde ausgegraben, Familienangehörige schnitten sein Herz heraus, verbrannten es und tranken die Asche, in Wasser aufgelöst. Der Vampirismus ist also so untot wie ein Vampir.

Quellen u.a.:

Eckart, Wolfgang U.: “Geschichte der Medizin”, Springer-Lehrbuch.

Eckart, Wolfgang U., Gradmann, Christoph: “Ärztelexikon.” Verlag C.H.Beck

www.vienna.at: “Gerard Van Swieten. Kaiserlicher Vampirjäger”.

www.100things.at: “Gerard van Swieten: Vampirjäger der Habsburger”

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