DiagnostikAllergien sind keine Bagatellerkrankungen

Das Spektrum der allergischen Erkrankungen, mit dem der Hausarzt konfrontiert wird, ist breit. Dazu gehören Heuschnupfen, Asthma bronchiale, Arzneimittel- und Nahrungsmittelallergien, atopische Dermatitis und Kontaktekzeme. Diese Erkrankungen können das Leistungsvermögen und die Lebensqualität stark beeinträchtigen.

Am Anfang steht die Anamnese

Bei der Diagnostik allergischer Erkrankungen ist die sorgfältige Anamnese von besonderer Wichtigkeit. Damit lassen sich vermeintliche Allergieauslöser oft schon identifizieren. Die Allergieanamnese sollte berufliche wie private, jahreszeitliche und regionale Faktoren berücksichtigen und auch alle eingenommenen Medikamente. Wichtig können auch Veränderungen des Lebensstils wie Umzug oder Urlaub sein.

Auch sollte immer nach Haustieren und einer etwaigen familiären Belastung gefragt werden. Basierend auf der Anamnese werden im zweiten Schritt vermeintliche Allergene in vivo oder in vitro getestet, um eine IgE-vermittelte Sensibilisierung bestätigen oder ausschließen zu können. Im Zweifelsfall kann auch ein nasaler oder bronchialer Provokationstest durchgeführt werden.

Die 10 wichtigsten Nahrungsmittelallergien

Die Vielfalt der in Nahrungsmitteln enthaltenen Substanzen ist unüberschaubar. Gerade im Kleinkindesalter muss sich das Immunsystem mit ständig neuen Proteinen auseinandersetzen. Doch die Liste der Nahrungsmittel, die häufig Allergien auslösen, ist überschaubar. Dazu gehören:

  • Kuhmilch: Ist das häufigste Nahrungsmittelallergen im Säuglings- und Kleinkindalter. Die Prognose ist gut, d.h. bis zu 80 Prozent der Kinder haben bis zum fünften Lebensjahr eine Toleranz entwickelt.
  • Hühnereiweiß: Auch hier ist die Prognose gut, bis zum Schuleintritt sind 70 Prozent tolerant.
  • Erdnuss: Es besteht ein hohes Anaphylaxierisiko und die Prognose ist eher ungünstig, nur ca. 20 Prozent der Kinder werden tolerant.
  • Haselnuss und andere Schalenfrüchte: Die Prognose ist wie bei der Erdnussallergie eher ungünstig.
  • Fisch: Es besteht ein hohes Anaphylaxie-risiko.
  • Weizen: Kann ein relevanter Faktor für ein Ekzem sein.
  • Soja: Spielt als klinisch relevantes Allergen nur eine untergeordnete Rolle. Sojabasierte Formulanahrungen werden auch bei nachgewiesener Kuhmilchallergie nicht mehr empfohlen.
  • Apfel: Allergien gegen Äpfel treten mit zunehmendem Alter häufiger auf, Anaphylaxien sind aber sehr selten.
  • Karotten: Eine primäre Nahrungsallergie gegen Karotten ist eine Rarität. Die Reaktion ist meist ein mildes orales Allergiesyndrom.
  • Schalentiere: Eine Allergie gegen Schalentiere tritt meist erst bei Jugendlichen auf. Das Allergen kommt auch in Hausstaubmilben vor.

Polyposis nasi ist eine IgE-Erkrankung

Man schätzt, dass zirka vier Prozent aller Menschen an einer chronischen Sinusitis mit Polyposis nasi leiden. Betroffene klagen über eine nasale Kongestion, einen Verlust des Riechvermögens, starke Kopfschmerzen und einen postnasalen Drip mit chronischem Hustenreiz. Es handelt sich um eine eosinophile Entzündung, wobei die von Staphylococcus aureus freigesetzten Antigene die lokale Bildung von IgE-Antikörpern induzieren.

Häufig liegt auch ein Asthma bronchiale vor. Auch eine Nebenhöhlenoperation löst das Problem nicht immer dauerhaft, sondern es kommt häufig zu Rezidiven. Therapie der Wahl sind topische Antihistaminika, in schweren Fällen insbesondere bei Asthma-Patienten empfiehlt sich auch eine Therapie mit dem Anti-IgE-Antikörper Omalizumab.

Bierallergie: Gibt es so etwas?

Als ein 46-Jähriger, bei dem eine allergische Rhinitis bekannt war, im Biergarten 30 Minuten nach dem Genuss von Wurstsalat mit Zwiebeln und einer Halben Bier ein ausgeprägtes Quinckeödem entwickelte, wurde nach zahlreichen Nahrungsmittelallergien gefahndet. Im Pricktest zeigte sich dann eine deutliche Hautreaktion auf Bier und in den spezifischen IgE-Testungen konnte eine Sensibilisierung auf Malz nachgewiesen werden. Somit handelt es sich um eine Braumalzallergie. Braumalz wird aus Gerste hergestellt.

Beim Mälzprozess entstehen Malzzucker, Proteine und viele Enzyme. Somit ist es sehr schwierig, das verantwortliche Allergen genau zu identifizieren. Auf eine orale Provokationstestung sollte der Patient aber in jedem Fall verzichten.

Meeresfrüchteallergie bei Köchen

Meeresfrüchte sind potente Allergene, wobei das Spektrum der klinischen Symptomatik sehr breit ist. Es reicht von milden Reaktionen nur an der Haut bis zu schweren lebensbedrohlichen anaphylaktischen Reaktionen. Besonders bei Köchen sollte man bei einer unklaren Allergie immer an Meeresfrüchte denken, wobei Sensibilisierungen gegen Kabeljau, Lachs, Forelle und Hering am häufigsten sind.

Da eine strikte und lebenslange Allergiekarenz erforderlich ist, muss bei den Betroffenen auf eine baldige Berufsaufgabe hingewirkt werden. Darüberhinaus ist eine Versorgung mit einem Notfallset, welches einen Epinephrin-Autoinjektor enthält, unabdingbar.

Molekulare Diagnostik bei Anaphylaxie

Die dramatischste Manifestation einer allergischen Reaktion, die immer eine lebensbedrohliche Situation darstellt, ist die Anaphylaxie. Für betroffene Patienten ist es deshalb zwingend erforderlich, die gefährlichen Allergene genau zu erkennen. Hier bietet die molekulare Diagnostik einen wesentlichen Fortschritt. Dabei werden nicht nur die Allergenquellen sondern die für die Sensibilisierung verantwortlichen Allergenkomponenten, also Proteine genau identifiziert.

So kann man zum Beispiel mit einer Messung von IgE gegen ein Speicherprotein aus Erdnüssen eine Erdnussallergie beziehungsweise das Anaphylaxierisiko mit größerer Genauigkeit vorhersagen als mit einem Pricktest oder einer IgE-Bestimmung. Einen Fortschritt bedeutet die molekulare Diagnostik insbesondere auch bei anaphylaktischen Reaktionen nach einem Insektenstich, wenn das verursachende Insekt nicht genau bekannt ist.

Doch die genaue Kenntnis des auslösenden Allergens ist wichtig, um eine individualisierte spezifische Immuntherapie einleiten zu können. Ansonsten müsste man eine solche gegen alle Insektengifte durchführen.

Quinckeödem: Nicht immer ist Histamin der Auslöser

Akute Angioödeme, auch Quinckeödem genannt, sind immer eine lebensbedrohliche Situation, vor allem wenn sie im Gesichts- beziehungsweise Mund- und Rachenbereich auftreten. Betroffen sind nicht nur das Gesicht, die Genitalien, Hände und Füße sondern auch der Bauchraum, so dass man auch bei rezidivierenden Bauchschmerzen an ein solches Krankheitsbild denken sollte.

Die zugrunde liegende Ursache zu finden, ist nicht immer einfach. Grundsätzlich können solche Ödeme durch eine Mastzellaktivierung, also durch Histamin, oder Bradykinin-vermittelt auftreten. Bei ersterem findet sich häufig auch eine Urtikaria. Ein Bradykinin-vermitteltes Angioödem ist eine typische Komplikation einer ACE-Hemmer-Therapie.

Weitere Ursachen sind ein hereditärer oder erworbener C1-Esterase-Inhibitor-Mangel. Die genaue ursächliche Abklärung ist notwendig, da Bradykinin-induzierte Angioödeme nicht auf Anthistaminika ansprechen. Für solche Patienten stehen heute der Bradykinin-Rezeptor-Antagonist Icatibant und C1-Inhibitor-Präparate zur Verfügung. Bei schwer betroffenen Patienten, die bereits eine lebensbedrohliche Situation überstanden haben, empfiehlt sich sogar eine Prophylaxe mit einem C1-Inhibitor-Präparat.

Spezifische Immuntherapie wird zu selten eingesetzt

Die Spezifische Immuntherapie (SIT) ist der einzige kausale Therapieansatz bei IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen. Obwohl Wirksamkeit und Sicherheit durch entsprechende Studien belegt sind, ist der Einsatz dieser Therapie in den letzten Jahren zurückgegangen. Man schätzt, dass weniger als 10 Prozent der Patienten mit allergischer Rhinitis oder Asthma bronchiale in den Genuss dieser Therapieoption kommen.

In den letzten Jahren sind patientenfreundlichere Präparate auf den Markt gekommen, die eine kürzere Aufdosierung und verlängerte Intervalle in der Erhaltungsphase erlauben. Den Erwartungen allergischer Patienten an eine gute Therapie, nämlich hohe Effektivität mit langanhaltender Wirksamkeit bei leichter Durchführbarkeit mit geringem Zeitaufwand, wird SIT weitgehend gerecht.

Mögliche Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert

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