Forum Politik“Nehmen Sie mir meine Sorgen, und ich werde Hausarzt”

Schon im Studium können sie Patienten über einen längeren Zeitraum in einer Lehrpraxis begleiten und lernen nebenbei nicht nur ihre medizinischen Kenntnisse praktisch anzuwenden, sondern auch, wie sie eine Praxis organisieren. Eine erste Bestandsaufnahme des Projekts „Mainzer Allgemeinmedizin – Begleitetes Studieren“.

Studierende wollen ihr theoretisches Wissen über Diagnostik schon im Studium praktisch anwenden, aber auch auf die Praxisführung vorbereitet werden. Das zeigen Interviews mit den ersten sieben Teilnehmern des Projekts „Mainzer Allgemeinmedizin – Begleitetes Studieren“ (MA-BS), mit dem das Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie (ZAG) der Universitätsmedizin Mainz im Herbst 2016 gestartet ist. Die Stiftung Perspektive Hausarzt fördert MA-BS, bei dem Studierende vom fünften bis zehnten Semester unter anderem in einer Lehrpraxis Patienten über längere Zeit begleiten können. An die Patientenbetreuung schließt sich eine intensive Reflexion und Diskussion in gemeinsamer Gruppenarbeit an.

„Wir möchten wissen, was aus Sicht eines durchaus an der Allgemeinmedizin interessierten Studierenden dem Berufsziel Hausarzt entgegensteht und hierzu mit MA-BS praxisnahe Lösungen anbieten“, sagt Prof. Michael Jansky, Lehrstuhlinhaber für das Fach Allgemeinmedizin und Direkter des ZAG. Daher führt das Institut einmal im Jahr ausführliche Gespräche mit den Teilnehmern, um die MA-BS-Inhalte zu evaluieren, aber auch, um Bedürfnisse und Unsicherheiten zu bestimmen.

Das Projekt soll ihnen ihre Sorgen nehmen und anwendungsnahes Wissen vermitteln, um ihre Motivation, Hausarzt zu werden, zu stärken. In den Gesprächen verdeutlichen die Teilnehmer, warum sie bei MA-BS mitmachen. Ein Großteil nennt die Praxis- und Anwendungsorientierung von MA-BS als zentrale Motivation.

„Es gibt dieses Methodentraining wie Ultraschall, das ganze Praktische. Das kommt im Studium viel zu kurz. In dieser kleinen Gruppe kann man Dinge lernen, die nachher wichtig sind. Ganz konkret am Patienten und nicht irgendein abstraktes Wissen.“ (m)

„Ich glaube, dass dieses Projekt eine Chance ist, schon im Vorfeld konkrete Dinge mitzunehmen, die ich sonst vielleicht irgendwann relativ spät per Erfahrung aufschnappen würde, wenn ich mich tatsächlich entscheiden würde, Hausarzt zu werden. Das ist ungeheuer wertvoll.“ (w)

„Insgesamt finde ich, dass das Studium zu theorie-lastig ist und zu spezialisiert in Teilen. Und deshalb finde ich es wichtig, (…) über einen längeren Zeitraum Dinge einzuüben.“ (w)

Neben dem Erlernen konkreter diagnostischer Kompetenzen wollen sie Praxisgeschehen und -alltag kennenlernen. Besonders auf den Patientenbezug legen sie Wert. Zum einen wird die Langzeitbetreuung von Patienten als entscheidend erachtet, zum anderen erhoffen sie sich, Erfahrungen und Strategien zum richtigen Umgang mit Patienten zu lernen, um so die Arzt-Patienten-Bindung oder die Compliance der Patienten zu erhöhen.

„Gerade Langzeitpatienten, dieses Thema reizt mich. Dass man Patienten wirklich über Jahre betreut, diese Bindung aufbaut und ein Vertrauensverhältnis.“ (m)

„Ich finde es sehr gut, von Anfang an einen Patientenbezug zu haben. […] Sonst haben wir ja nie die Chance, jemanden über Jahre zu sehen.“ (w)

„Was ich mir verspreche, ist sicherlich den Umgang mit Patienten zu erlernen, sich daran zu gewöhnen und ein bisschen Routine reinzukriegen. Also auch so Verhaltensstrategien, damit der Patient kooperiert.“ (w)

Auch versprechen sich die Teilnehmer eine persönlichere Betreuung und Begleitung durch das Studium, etwa durch die Mentoren bei MA-BS. Der intensive, praxisnahe Austausch mit den Mentoren sei wichtig, um einen auf die hausärztliche Tätigkeit vorzubereiten.

„Das ist eine viel persönlichere Betreuung als im normalen Studium. […] Und das wünsche ich mir, wenn ich Hausarzt werden soll. Dass mich jemand begleitet, dem ich über das Studium verschiedene Fragen stellen kann.“ (m)

Mehrere Studierende regen an, MA-BS als Plattform für einen Erfahrungstransfer zu nutzen, der ihnen hilft, frühzeitig zu erkennen, wie sich die Behandlungsrealität in der Hausarztpraxis vom Studium unterscheidet.

„Der Witz ist ja: Wir werden ja eigentlich zum ­Allgemeinmediziner ausgebildet im ­Studium, denn wir ­spezialisieren uns noch nicht, aber wenn wir etwas nicht kennenlernen, dann ist es den Praxisalltag und den Alltag eines Hausarztes und die Herausforderungen, mit denen er täglich zu tun hat. […] Und da ist dieser Erfahrungsaustausch super wichtig.“ (w)

„Wenn ich einen guten Mentor habe, kann ich mein theoretisches Ballastwissen sinnvoll filtern. Was brauche ich wirklich. […] Ich denke, das Programm wäre ­eine gute Plattform dafür. Ich habe das auch so verstanden, dass man andere Ärzte einladen kann und die einem dann aus erster Hand wirklich geballtes praktisches Wissen mitgeben und sich auch den Sorgen stellen.“ (w)

Obwohl sich fast alle Teilnehmer für die Hausarztmedizin stark interessieren, kamen Unsicherheiten im Hinblick auf die Berufsperspektive Hausarzt zur Sprache. Dabei dominieren Fragen des Praxismanagements und -führung. Nahezu alle äußern die Sorge, mit einer eigenen Praxis womöglich überfordert und orientierungslos zu sein, da sie das Studium nicht adäquat auf eine solche Verantwortung vorbereite.

„Ich mache sechs Jahre Studium, und danach heißt es: Jetzt bist Du in der Praxis. Sieh zu, wie Du klarkommst. Und das ist ein Problem (…). Ich habe keine Ahnung von dem ganzen organisatorischen Kram, ich weiß nicht, wo Gelder herkommen, ganz zu schweigen davon, dass ich plötzlich so selbstständig sein soll. […] Patienten behandeln ist das eine. Aber eine Praxis mit allem, was dazugehört. Das ist eine große Unsicherheit.“ (w)

„Praxisführung, Abrechnung mit den Krankenkassen…, da habe ich zumindest Angst vor. Da fühlt man sich unsicher und unvorbereitet. Und das ist ein Grund, der einen abschreckt, dass man sagt: Ich gehe doch lieber ins Krankenhaus. Weil es eben etwas Unbekanntes ist, was man mit viel Aufwand verbindet und man gerade in dem Zusammenhang immer wieder sehr viel Negatives hört. […] Dieser Kampf zwischen Patientenversorgung, Abrechnung, Krankenkassen. […] Wie kann ich mich in diesem Dschungel zurechtfinden?“ (m)

Die Studierenden erhoffen sich, dass MA-BS ihnen nützliche Einblicke verschaffen kann, wie eine Praxis zu organisieren ist – von der Übernahme über Personalführung bis zur Abrechnung. So könne ein wichtiger Beitrag geleistet werden, dass Sorgen und Unsicherheiten vor der hausärztlichen Selbstständigkeit nicht in eine Flucht in andere Berufe umschlügen.

Die Auftaktinterviews haben wertvolle Einblicke geliefert, welche Prioritäten, Erwartungen, Wünsche und Sorgen die MA-BS-Teilnehmer haben. Sie werden dabei helfen, ein Programm zu erarbeiten, das bedarfsorientiert auf diese und weitere Aspekte eingeht. „Die Ergebnisse haben uns gezeigt, dass das Medizinstudium in seiner derzeitigen Form nicht ausreichend auf eine hausärztliche Tätigkeit vorbereitet – weder in Bezug auf die Diagnostik noch auf den Umgang mit Praxis oder Patienten“, stellt Jansky fest. „Darin liegt ein gewisses Verunsicherungspotenzial für spätere berufliche Entscheidungen. Am Ende geht uns Potenzial verloren, genau dieses wollen wir mit MA-BS fördern und wachhalten.“ Jansky und sein Team vom ZAG sind optimistisch, dass MA-BS dazu beitragen wird, das Interesse von Studierenden am Hausarztberuf langfristig zu stärken. Die ersten Teilnehmer haben ähnliche Hoffnungen:

„Letztendlich wünsche ich mir, dass ich mit dem richtigen Selbstvertrauen, dass ich das schon hinkriege als Hausarzt, ins Berufsleben starten kann.“ (m)

„Nehmen Sie mir meine Sorgen, und ich werde Hausarzt.“ (w)

Mainzer Allgemeinmedizin – Begleitetes Studieren (MA-BS)

Im Wintersemester 2016/2017 hat das Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie (ZAG) der Universitätsmedizin Mainz das Projekt MA-BS gestartet, um bei Studierenden Interesse für den Hausarztberuf zu wecken. Die Stiftung Perspektive Hausarzt fördert es mit 45.000 Euro; eine entsprechende Gegenfinanzierung trägt das ZAG. Das Projekt dauert zunächst 4,5 Jahre. Jedes Semester werden acht bis zehn Studierende neu aufgenommen. Vom fünften bis zehnten Semester werden Studierende intensiv betreut und Theorieveranstaltungen eng mit der Praxis verzahnt. So teilen die Lehrpraxen jedem Teilnehmer mehrere Langzeitpatienten mit unterschiedlichen Krankheitsbildern zur kontinuierlichen Begleitung zu, die einmal im Quartal mitbetreut werden. Ergänzend sind Exkursionen vorgesehen, bei denen Studierende Gelegenheit haben, sich direkt mit Ärzten, Gemeindevertretern, Hausärzteverband, Kassenärzt­licher Vereinigung oder Gesundheits- und Pflegediensten auszutauschen.

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