kurz + knappLeserbrief

Nicht ohne Körperschaften

Betreff: „Bündnis für eine humane Medizin“, FAZ, 26.4.17, von W.-R. Weisbach, Buchautor „Doktor, ich brauche Ihre Hilfe“ (mm medizin+medien Verlag GmbH)

Sehr geehrter Herr Weisbach, erlauben Sie mir bitte, den Artikel (…) zu kommentieren ohne Kenntnis Ihres dazu gehörigen Buches.

Ich selbst bin Facharzt für Allgemeinmedizin, Palliativmedizin. In Ihrer Grundüberzeugung stimme ich Ihnen zu und kenne auch in Deutschland etwa mit Prof. Maio, Freiburg, Ethiker, die in die gleiche Richtung argumentieren. Die Antworten und insbesondere die Überlegungen nach den Ursachen der Entwicklung sind schwierig.

Um es zu verändern, müssen wir aber bedenken, dass die (…) Kollegen der Nachwuchsgeneration inzwischen eine andere Entwicklung erleben als zum Beispiel unsere. Notzeiten werden etwa nicht mal mehr von den Eltern angesprochen, Mitgefühl beschränkt sich häufig auf eine schnell getätigte Geldspende. Die Schule vermittelt schon früh ein Spezialwissen, ohne der sogenannten Allgemeinbildung den nötigen Raum zu geben. Das führt zweifellos dazu, in immer engeren Kontingenten zu denken oder sich darin zurück zu ziehen. Darüber hinaus hat sich eine Rollenverteilung entwickelt, die man gewollt hat und gutheißen muss.

Zur Hinwendung und damit zur Betonung des kommunikativen Austausches gehört jedoch in erster Linie die Zeit. Und die wird u.a. heute aufgeteilt zwischen Beruf, Familie und Freizeitgestaltung. Zwangsläufig auch, weil häufig beide Lebenspartner arbeiten und deswegen Hausarbeit und Kinderbetreuung zuverlässig von allen abwechselnd geleistet werden muss. Insofern bin ich selbst inzwischen verunsichert, wie viel ich (…) Kollegen zumuten darf, wenn ich von meiner Einstellung und Leistung ausgehe. Viel zu oft erlebe ich, dass gerade junge Ärzte die eingeplante Arbeitszeit einhalten wollen. Pauschalen und Budgets bevorzugen zusätzlich den Patientendurchsatz, nicht die intensive Zuwendung.

„Hilfe kann nicht von den verkrusteten Strukturen der Körperschaft kommen“ – ein plakatives Stereotyp, welches über 20 Jahre möglicherweise auch junge Ärzte davor abschreckt, sich auf dieses System einzulassen. Nun sind die Körperschaften rechtlich den Ministerien unterstellt, oftmals missbraucht als Überbringer unsinniger Ideen aus der Politik, ohne sie nachhaltig beeinflussen zu können. Die Kollegen sehen weniger den Versorgungsauftrag als das Honorar, was am Monatsende auf dem Konto ist. Und die Kontrolle Ihrer „bürokratischen Regelmechanismen“ ist leider für einige wenige notwendig, weil sie unsere gemeinsame Versorgung zu ihren Gunsten so auslegen, dass es uns als Ärzteschaft nicht nur im Ansehen schadet. Ich wünsche mir nicht die Zeit zurück, die am Anfang der Praxiszeit meines Vaters stand.

Ja, wir müssen darüber nachdenken, wohin die ambulante Gesundheitsversorgung gehen soll, wir sollten das aber nicht ohne unser Körperschaftssystem machen. Im Gegenteil: Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssen gestärkt werden und mehr Spielraum bekommen, die gemeinsamen Ideen auch durchzusetzen. In diesem Punkt stimme ich Ihnen also nicht zu und habe Angst vor einer krankenhauszentrierten Versorgung, in der Aktiengesellschaften mit ihren Aktionären das Sagen haben.

Dr. Eckhard Starke, Hausärztlicher Vorstandsvorsitzender der KV Hessen

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