Multimedikation“Wenn ich alle Pillen gegessen habe, bin ich satt!”

Multimedikation betrifft viele Patienten: Schon jetzt kommen 80 Prozent der Konsultationen in der Allgemeinmedizin durch Patienten mit mehreren Erkrankungen und Beschwerden zustande. Etwa die Hälfte der Patienten über 65 Jahren nimmt fünf oder mehr Dauermedikamente ein.

Multimedikation betrifft viele Patienten: Schon jetzt kommen 80 Prozent der Konsultationen in der Allgemeinmedizin durch Patienten mit mehreren Erkrankungen und Beschwerden zustande. Etwa die Hälfte der Patienten über 65 Jahren nimmt fünf oder mehr Dauermedikamente ein.
Im Krankenhaus werden oftmals neue Medikamente verordnet. Ob sie diese zuhause weiter einnehmen sollen, ist den Patienten oft nicht klar.© mauritius images Robert Kneschke Alamy

Bei Patienten mit Multimedikation kommt es häufig zu Interaktionen, die gefährlich sein können und mit einem durchschnittlichen Anteil von 6,5 Prozent ein relevanter Grund für Notaufnahmen im Krankenhaus sind.

Zu einer Multimedikation kann es aus verschiedenen Gründen kommen. Beispielsweise ist für die Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt nicht immer klar, welche dort gestartete Medikation weiter eingenommen werden soll und welche schon vor der Aufnahme bestehende Medikation weiter eingenommen werden muss. Infolgedessen nehmen manche Patienten für eine einzelne Indikation doppelt Medikamente ein.

Darüber hinaus werden Dauermedikamente oft von verschiedenen Fachspezialisten verschrieben. Die Abstimmung untereinander funktioniert leider nicht immer, oftmals auch, weil patientenrelevante Auskünfte fehlen.

Außerdem kann es schwierig sein, Nebenwirkungen und Interaktionen von Symptomen zu unterscheiden, die im Zusammenhang mit einer neuen Erkrankung stehen, vor allem wenn ein aktueller Überblick über die Gesamtmedikation fehlt. Immer wieder werden auch Medikamente verordnet, um Nebenwirkungen zu behandeln, dann spricht man von Verschreibungskaskaden.

Hinzu kommt, dass jede Fachgruppe ihre eigene Leitlinie hat, und dass die Leitlinien kaum auf ältere Menschen zugeschnitten sind, weil diese häufig von klinischen Studien ausgeschlossen werden. Ein weiteres Problem ist, dass Ärzte im Allgemeinen etwas tun wollen, d. h. Medikamente verordnen. Bereits in den Leitlinien liegt der Fokus eher auf der Verordnung von Arzneimitteln und weniger auf der Nicht-Verordnung, der Reduzierung oder dem Absetzen von Medikamenten.

Unterversorgung trotz Multimedikation

Multimedikation kann für die Patienten eine erhöhte Belastung bedeuten, einerseits, weil sie viele Medikamente einnehmen sollen, und andererseits, weil viele Hausarzt- und Facharztbesuche notwendig sind. Doch auch bei Patienten mit Multimedikation kann eine Unterversorgung bestehen. Mit der Zahl der Medikamente steigt das Risiko einer Untertherapie, d. h. obwohl die Leitlinien eine medikamentöse Therapie empfehlen und es keine Kontraindikation, Therapieversagen oder relevante Nebenwirkungen gibt, werden diese Medikamente nicht verordnet. Insbesondere Schmerzen sind bei Patienten mit Multimedikation relativ häufig unterbehandelt.

Präferenzen der Patienten berücksichtigen

Viele Ärzte können auch die Präferenzen ihrer Patienten schwer einschätzen. Damit die Patienten das Gefühl haben, dass einer zuhört, dass sie verstanden, respektiert und in die Versorgung miteinbezogen zu werden, wäre es wichtig, die Patientenpräferenzen zu kennen und in die klinische Entscheidungsfindung einzubinden. Dazu können die persönlichen Präferenzen von Patienten und deren Angehörigen in Bezug auf ihre Wünsche im Alltag und in Bezug auf die gesundheitlichen Endpunkte erfragt werden.

Multimedikation in der Hausarztpraxis

  • Der Hausarzt sollte einen realistischen Überblick über die verwendeten Medikamente haben, d. h. er sollte die Adhärenz offen besprechen, aber auch rezeptfreie Medikamente, die eingenommen werden, auflisten. Manchmal verzichten Patienten auch bewusst auf Medikamente.
  • Die Therapietreue wird verbessert, wenn die Patienten wissen und verstehen, wozu ihnen die Medikamente verschrieben wurden, und wenn sie in Bezug auf mögliche Nebenwirkungen vorgewarnt sind. Dies erfordert eine Investition an Zeit, die sich meistens auszahlt.
  • Bei neuen Beschwerden sollte der Hausarzt herausfinden, ob die Beschwerden von einer Erkrankung stammen oder ob sie die Folge von Interaktionen oder Nebenwirkungen sein können. Ziel ist, Verschreibungskaskaden möglichst zu vermeiden.
  • Viele Patienten finden es schwierig, über ihre Medikamentenverordnungen mitzuentscheiden, sie können sich aber fast immer gut dazu äußern, was ihnen im Alltag wichtig ist und was sie vermeiden wollen. Diese Informationen kann der Hausarzt in seine Therapieentscheidungen einfließen lassen.

Literatur bei der Verfasserin.

Mögliche Interessenkonflikte: Die Autorin hat keine deklariert.

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