Entzündung von Horn- und Bindehaut“Trockenes Auge”durch Medikamente?

Eine ausreichende und gleichmäßige Benetzung der Augen ist für beschwerdefreies Sehen unerlässlich. Besonders häufig ist die zu Trockenheit neigende Entzündung von Horn- und Bindehaut im mittleren Lebensalter. Was können die Ursachen sein?

Wird das Auge nicht mehr richtig befeuchtet, mach sich das in Form von Brennen, Rötung und Jucken bemerkbar.

Unter dem Begriff “Trockenes Auge” versteht man in der Umgangssprache eine Benetzungsstörung der Augenoberfläche, die durch eine Verminderung der Tränenmenge und/oder durch eine veränderte Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit hervorgerufen wird.

Infolge dieser Veränderungen wird das Auge nicht mehr ideal befeuchtet, was sich in Form von Brennen, Rötung, Jucken und einem Fremdkörpergefühl bemerkbar macht.

Jeder fünfte Patient betroffen

Das trockene Auge wird auch als Sicca-Syndrom oder Keratoconjunctivitis sicca bezeichnet. Es zählt zu den am weitesten verbreiteten Erkrankungen des Sehorgans. Experten schätzen, dass jeder fünfte Patient, der heutzutage eine Augenarztpraxis aufsucht, davon betroffen ist. Frauen sind deutlich öfter betroffen als Männer.

Eine ausreichende und gleichmäßige Benetzung des Auges gewährleistet der sogenannte Tränenfilm, der von verschiedenen Drüsen produziert wird, die sich in den Augenlidern, an den Lidrändern, in der Augenhöhle und der Bindehaut befinden. Oben auf dem Tränenfilm schwimmt eine Fettschicht, die den Tränenfilm gleichmäßig verteilt und stabilisiert, indem sie die Verdunstung verlangsamt.

Diese äußerste, zur Umwelt gerichtete Schicht, wird von den Liddrüsen (Meibom-Drüsen) gebildet. Ursachen für trockene Augen sind: Eine zu geringe Produktion von Tränenflüssigkeit, eine veränderte Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit, ein verminderter Lidschlag, die chronische Fehlfunktion der Meibomschen Talgdrüsen, das Sjögren-Syndrom, häufiges Tragen von Nasen-Mundschutzmasken oder die unerwünschte Wirkung von Medikamenten [1].

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen am oder im Auge können sowohl durch lokale, als auch durch systemisch wirkende Arzneistoffe hervorgerufen werden [2].

Wirkung von Arzneimitteln auf das Auge

Beta-Blocker reduzieren den Spiegel der Lysozyme und des Immunglobulin A, was zu einer Abnahme der Sekretion und damit zu Symptomen des trockenen Auges führen kann. Patienten, die Betablocker verwenden, neigen auch zu Hornhautanästhesie, vermindertem Tränenfilm und Augenreizungen. Die Europäische Datenbank der EMA verzeichnet für den verordnungsstarken Betablocker Metoprolol 95 gemeldete Fälle von trockenem Auge bis September 2021 [3 und 5].

Thiazide und andere Diuretika verursachen eine verminderte Produktion und Sekretion der Tränenflüssigkeit (Lakrimation), welches trockene Augenbeschwerden auslösen kann. Hydrochlorothiazid (HCT) kann Veränderungen im präcornealen Tränenfilm hervorrufen und ein trockenes Auge induzieren. Obwohl der Mechanismus der Augentrockenheit auf der Hand liegt, sind für Furosemid bei der EMA nur 16 und für Hydrochlorothiazid nur 18 Fälle verzeichnet [5].

Antihistaminika und Antiallergika, also Medikamente, die Histaminrezeptoren blockieren, lindern allergische Erkrankungen. Medikamente aus dieser Gruppe reduzieren Schleim- und Flüssigkeitssekretion und bewirken hierdurch trockene Augenbeschwerden. Sie vermindern den präcornealen Tränenfilm. Am häufigsten treten diese unerwünschten Wirkungen bei Diphenhydramin, Chlorpheniramin und Loratadin auf [3].

Die stärker H1-selektiven Antihistaminika Cetirizin, Desloratadin, und Fexofenadin verursachen seltener okuläre Trockenheit als weniger selektive Antiallergika, können aber den Tränenfilm beeinflussen. Für diese drei Arzneimittel findet man in der EMA-Datenbank zusammen 49 Einträge. Die unerwünschte Wirkung dieser Medikamente ist jedoch nicht so ausgeprägt wie bei Antihistaminika der älteren Generation [3].

Östrogene

Therapien mit Östrogenen allein oder in Kombination mit Gestagenen als Hormonersatztherapie oder zur Empfängnisverhütung sind häufig mit trockenen Augen assoziiert. Die genaue Ursache ist unbekannt, steht aber mit einem verminderten präcornealen Tränenfilm in Verbindung.

Es gibt viele Berichte über den Zusammenhang hormonspezifischer Therapien bei postmenopausalen Frauen und trockenem Auge. D. A. Schaumberg und Kollegen berichteten über einen 69-prozentigen Anstieg der trockenen Augensymptomatik bei Frauen, die Östrogen in einer kontrollierten Studie einnahmen. Dabei erhöhte sich das Risiko für ein trockenes Auge pro drei Anwendungsjahre um jeweils 15 Prozent.

Darüber hinaus zeigt diese Studie, dass Frauen, die ein Progesteron oder eine Progesteron-Kombination nahmen, einen 29-prozentigen Anstieg der trockenen Augensymptome gegenüber Frauen ohne Hormontherapie hatten, unabhängig von der verwendeten Dosis des Progesterons.

Diese Studie, basierend auf Beobachtungen an 25.000 Frauen nach der Menopause, zeigte außerdem ein signifikant erhöhtes Risiko für schwere Symptome des trockenen Auges bei Frauen, die Östrogen einnehmen. Da dieses Risiko nachweislich mit längerer Dauer der Östrogen-Anwendung zunimmt, sollten Patienten mit Hormonersatztherapie mit Östrogenen hinsichtlich auftretender Probleme mit trockenen Augen beobachtet werden [4].

Antidepressiva, Antipsychotika und Schmerzmittel

Vor allem trizyklische Antidepressiva können trockene Augen als Nebenwirkungen hervorrufen. Jedoch sind Symptome, wie verschwommenes Sehen, der Verlust der Akkommodationsfähigkeit des Auges (Zykloplegie) und trockenes Auge oft vorübergehend und reversibel. Antidepressiva wie Amitriptilin und Doxepin verursachen über anticholinerge Wirkungen das Sicca-Syndrom. Sertralin, ein Naphtylamin, ist mit 51 Meldungen, das trizyklische Amitriptylin mit 72 Meldungen in der EMA-Datenbank, somit aus der Gruppe der Antidepressiva am häufigsten zu finden [5].

Die Antipsychotika: Thioridazin und Chlorpromazin verringern die Flüssigkeitssekretion des Auges. Die Symptome sind vorübergehend und dosisabhängig [5].

Das weit verbreitete Schmerzmittel Ibuprofen, kann neben verschwommenem Sehen, auch ein trockenes Auge, Brechkraftveränderungen, Doppelsehen und Farbsichtänderungen verursachen, insbesondere wenn höhere Dosierungen eingenommen werden. Auch die Kombination oder die gleichzeitige Gabe von Hydrocodon und Paracetamol erhöht das Risiko für ein trockenes Auge. Von diesen Schmerzmitteln hat Paracetamol mit 44 Meldungen, die höchste Inzidenz in der Datenbank der EMA [5].

Isotretinoin, Magenmittel und Cyclophosphamid

Isotretinoin (13-cis-Retinsäure), ein Retinoid der ersten Generation, mindert die Lipidmenge der Öldrüsen in der Haut. Isotretinoin wird mit der Entstehung von meibomianen Drüsenfunktionsstörungen in Verbindung gebracht. Beschwerden durch das Retinoid sind trockenes Auge, Probleme mit Kontaktlinsen, die gleichzeitige Entzündung von Augenlid und Bindehaut, vorübergehend verschwommenes Sehen und akute, vorübergehende Brechkraftveränderungen, insbesondere Kurzsichtigkeit. Dies spiegelt auch die hohe Zahl der Verdachtsmeldungen in der Nebenwirkungsdatenbank wieder. Für Isotretinoin sind es 805! So wird diese Nebenwirkung in der Fachinformation als “sehr häufig”, das heißt > 10 Prozent, angegeben [5 und 6]. Trockene Augenbeschwerden verschwinden oft, wenn auch mit Latenz, nachdem Isotretinoin abgesetzt wird. Ungefähr 20 Prozent der zuvor erfolgreichen Kontaktlinsenträger müssen ihre Tragezeit verringern oder Gegenmaßnahmen ergreifen [3].

Magentherapeutika, wie die häufig angewendeten Protonenpumpenhemmer können trockene Augenbeschwerden hervorrufen. Zum ersten Vertreter dieser Substanzklasse, dem Omeprazol, liegen der EMA 52 Verdachtsmeldungen, zum verordnungsstarken Pantoprazol 52 Meldungen vor [5]. H2-Rezeptor-Antagonisten können, durch die antihistaminerge Wirkung ebenso trockene Augensymptome verursachen.

Cyclophosphamid, ein Zytostatikum wird zur Behandlung von okulärem Schleimhautpemphigoid und primärem Sjögren-Syndrom eingesetzt. Jedoch entwickeln bis zu 60 Prozent der Patienten, die Cyclophosphamid einnehmen, ein trockenes Auge [3].

Fazit

  • Die Entwicklung eines trockenen Auges ist in der postmeno- pausalen Hormontherapie, bei der Gabe von Isotretinoin und der Chemotherapie mit Cyclophosphamid eine sehr häufige unerwünschte Arzneimittelwirkung.
  • Aber auch in der Therapie mit anticholinerg wirkenden Arzneimitteln, wenn auch weitaus weniger häufig als zu erwarten wäre, ist mit einer Keratokonjunktivitis sicca zu rechnen.
  • Leidet der Patient unter dem Sicca-Syndrom ist neben anderen Ursachen auch die Arzneimitteltherapie ins Auge zu nehmen.

Literatur

  1. U. Kraft, S. Sperlich: Trockenes Auge (Sicca-Syndrom), aus: netdoktor.at, April 2019
  2. R.M. Santaella, F.W. Frauenfelder: Ocular Adverse Effects Associated with Systemic Medications, Drugs 67, S. 75-93, 2007
  3. E. Bowling: Which Oral Meds Cause Dry Eye?, Review of Cornea & Contact Lenses, June 15, 2011
  4. D.A. Schaumberg et. al.: Hormone replacement therapy and dry eye syndromes. JAMA, 286 (17), 2114-9, 2001
  5. www.adrreports.eu , Europäische Datenbank gemeldeter Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen der EUROPEAN MEDICINES AGENCY, Stand: 09.2021
  6. Fachinformation: Isotretionin-ratiophram, Stand 09.2021
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