DepressionE-Mental-Health in der Hausarztpraxis – so geht’s

Menschen mit Depression müssen oft lange auf eine Psychotherapie warten. Ihnen können digitale Interventionen helfen. Ein Beispiel aus der Praxis: ein speziell für die hausärztliche Nutzung zugeschnittenes Programm.

Digitale Interventionen weisen mit professioneller Begleitung eine vergleichbar gute antidepressive Wirksamkeit auf wie Face-to-Face Psychotherapien.

In der hausärztlichen Versorgung zählen Depressionen (F32.- und F33.-) durch ihre hohe Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung zu den häufigsten Erkrankungen. Innerhalb eines Jahres erkranken 9,5 Prozent der Frauen und 3,4 Prozent der Männer an einer behandlungsbedürftigen Depression [1]. Dabei wird ein großer Anteil der Erkrankten hausärztlich behandelt [2].

Die Schwere dieser Erkrankung wird unter anderem in der bei Betroffenen um zehn Jahre reduzierten Lebenserwartung sichtbar, sowie dadurch, dass Depressionen die häufigste Ursache für die mehr als 9.000 Suizide und schätzungsweise 200.000 Suizidversuche pro Jahr in Deutschland sind [3], [4].

Psychotherapie oft erst nach langer Wartezeit

Entsprechend der S-3 Leitlinie stehen als Hauptsäulen der Behandlung mit guten Wirksamkeitsnachweisen Antidepressiva und Psychotherapie zur Verfügung [5]. In der hausärztlichen Praxis werden Betroffene häufig medikamentös behandelt.

Kurze Zeitfenster lassen in diesem Setting jedoch kaum eine tiefergehende Vermittlung von Krankheitswissen oder Strategien zum Umgang mit Symptomen zu. Auf der anderen Seite ist der Zugang zur Psychotherapie häufig erst nach langer Wartezeit der Betroffenen möglich.

Neue Wege durch E-Mental-Health

E-Mental-Health-Angebote eröffnen hier neue Wege. Sie versprechen flexibel und schnell Zugang zu Informationen und psychotherapieähnlichen Interventionen. Die Wirksamkeit von digitalen Interventionen in der Behandlung von Depressionen wurde bereits wiederholt gezeigt [6].

Insbesondere wenn sie in Kombination mit professioneller Begleitung angeboten werden, weisen digitale Interventionen eine mit einer Face-to-Face Psychotherapie vergleichbare [7] oder sogar überlegene antidepressive Wirksamkeit [8] (14 Studien, 1.136 Patienten) auf.

Digitales Programm für Hausärzte

Ein speziell auch für eine hausärztliche Nutzung zugeschnittenes, nicht-kommerzielles digitales Programm ist das iFightDepression® Tool (iFD Tool) [9], das im Rahmen eines europäischen Projektes [10] entwickelt worden ist und zur Zeit in sieben europäischen Ländern eingesetzt wird.

Es wird in Deutschland durch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe verbreitet. Um die Patienten bei der Nutzung begleiten zu können, steht Ärztinnen und Ärzten oder Psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten eine ebenfalls kostenfreie Web-Schulung ( https://ifightdepression.com/webinar/ ) zur Verfügung.

Ist diese absolviert, kann den eigenen Patienten das iFD Tool angeboten werden. Im iFD Tool werden psychoedukative Inhalte vermittelt und bewährte Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie erlernbar gemacht. Interaktive Elemente unterstützen Patienten dabei, die beschriebenen Übungen im eigenen Alltag umzusetzen.

Vom IHF zertifiziert

Das iFD Tool ist die einzige, vom Institut für Hausärztliche Fortbildung als “für Patienten geeignet” zertifizierte, digitale Intervention für depressiv Erkrankte und steht aktuell in 12 Sprachen inklusive einer arabischen Version zur Verfügung.

Die Wirksamkeit des Programms wurde in einer randomisierten kontrollierten Studie bestätigt, in der 347 Patienten mit leichten bis mittelschweren Depressionen entweder für sechs Wochen mit dem iFD Tool arbeiteten oder als aktive Kontrollbedingung ein im Zeitaufwand vergleichbares Entspannungstraining erhielten.

Das iFD Tool zeigte gegenüber der Kontrollbedingung eine signifikante Überlegenheit bezüglich Lebensqualität und depressiver Symptomatik [11].

Nicht Alternative, sondern Ergänzung

Das IFD Tool ist nicht als Alternative zu einer regulären Behandlung mit Medikamenten oder einer Face-to-Face Psychotherapie, sondern als Ergänzung gedacht.

Besonders geeignet ist es in der hausärztlichen Behandlung ergänzend zur Pharmakotherapie oder bei leichten Depressionen als unterstützende Maßnahme im Sinne einer aktiv-abwartenden Begleitung (“watchful waiting” oder “niedrigschwellige psychosoziale Intervention”) entsprechend den S3-Behandlungsleitlinien.

Auch zur Überbrückung der Wartezeit auf eine Face-to-Face Psychotherapie oder bei eingeschränkter Mobilität und geringen Zeitressourcen kann das iFD Tool hilfreich sein. Bisher haben in Deutschland bereits mehr als 1.300 Begleiterinnen und Begleiter die oben genannte Web-Schulung oder eine Face-to-Face-Schulung absolviert und über 5.500 Patienten das iFD Tool zur Nutzung angeboten.

DiGA-Verzeichnis erleichtert Auswahl

Bezüglich der weiteren Implementierung digitaler Gesundheitsanwendungen geht Deutschland einen fortschrittlichen Weg. Im Ende 2019 in Kraft getretenen “Digitale-Versorgung-Gesetz” wird unter anderem der Anspruch aller gesetzlich Krankenversicherten auf die Nutzung von wirksamen digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs) geregelt.

Die Wirksamkeit sowie die Sicherheit der entsprechenden Anwendung müssen dabei in einem Antragsprozess beim BfArM belegt werden. Anschließend ist eine Verordnung der entsprechenden DiGA, ähnliche einer Medikamentenverordnung, über das Muster 16 möglich.

Zugleich erleichtert das DiGA-Verzeichnis die Auswahl der Intervention, die zuvor im unübersichtlichen Wald der Mobile- und Browser Apps jeglicher Qualität kaum zu bewältigen war. Momentan sind bereits zwei kommerzielle DiGAs für Depression im Verzeichnis aufgenommen und weitere befinden sich im Antragsprozess (“Deprexis” [12], “Selfapy” [13]).

Professionelle Begleitung  ist wichtig

Da die antidepressive Wirksamkeit derartiger Angebote deutlich besser ist, wenn die Patienten bei der Nutzung ärztlich oder psychotherapeutisch begleitet werden, sollte Angeboten, die eine derartige Begleitung vorsehen, der Vorzug gegeben werden.

Zudem erhöht der direkte Kontakt mit dem Patienten die Chance, dass suizidale oder andere akute Krisen entdeckt werden. Auch können so negative Reaktionen der Patienten auf digitale Versorgungsangebote besser erkannt und eventuell aufgefangen werden.

Dieses bisher oft nur unzureichend beleuchtete Thema der Nebenwirkungen psychotherapeutischer Angebote wurde am Beispiel des iFD Tools tiefergehend untersucht [14]. Frustration im Falle von Problemen im Umgang mit der Technik, Überforderungsgefühle sowie ein Gefühl, vom Programm “nicht ernst genommen” zu werden, sind Beispiele für unerwünschte Nebenwirkungen, die bei professioneller Begleitung aufgefangen werden können.

Erklärung zu Interessenkonflikten:

Das iFD Tool wurde von der European Alliance Against Depression (EAAD) entwickelt, deren Vorstandsvorsitzender UH ist. In Deutschland wird das iFD Tool von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, einer Mitgliedsorganisation der EAAD, betrieben, kontinuierlich weiterentwickelt und evaluiert. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist eine unabhängige, gemeinnützige Stiftung des bürgerlichen Rechts, die sich vor allem durch Spenden, Zustiftungen, Zuschüsse und Drittmittel für Projekte und Forschung finanziert und arbeitet unter dem Vorsitz von UH.

UH ist Mitglied des Advisory Boards von Janssen Pharmaceutica, erhielt Reisekosten und Honorar als Referent von Medice und Servier.

Literaturverzeichnis

  1.  Jacobi F, Höfler M, Strehle J, Mack S, Gerschler A, Scholl L, et al. Erratum zu: Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul „Psychische Gesundheit“ (DEGS1-MH). Nervenarzt 2016;87:88–90. https://doi.org/10.1007/s00115-015-4458-7.
  2.  Trautman S, Beesdo-Baum K. The Treatment of Depression in Primary Care. Dtsch Aerzteblatt Online 2017. https://doi.org/10.3238/arztebl.2017.0721.
  3. CAVANAGH JTO, CARSON AJ, SHARPE M, LAWRIE SM. Psychological autopsy studies of suicide: a systematic review. Psychol Med 2003;33:395–405. https://doi.org/10.1017/S0033291702006943.
  4. Bundesamt S. Todesursachenstatistik n.d. www.gbe-bund.de.
  5. DGPPN, BÄK, KBV, Depression*. A (Hrsg. . für die LU. S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Langfassung. 2. Auflage. 2015. https://doi.org/10.6101/AZQ/000364.
  6. Wright JH, Owen JJ, Richards D, Eells TD, Richardson T, Brown GK, et al. Computer-assisted cognitive-behavior therapy for depression: a systematic review and meta-analysis. J Clin Psychiatry 2019;80:0.
  7. Andersson G, Topooco N, Havik O, Nordgreen T. Internet-supported versus face-to-face cognitive behavior therapy for depression. Expert Rev Neurother 2016;16:55–60. https://doi.org/10.1586/14737175.2015.1125783.
  8. Luo C, Sanger N, Singhal N, Pattrick K, Shams I, Shahid H, et al. A comparison of electronically-delivered and face to face cognitive behavioural therapies in depressive disorders: A systematic review and meta-analysis. EClinicalMedicine 2020;24:100442.
  9. Oehler C, Görges F, Böttger D, Hug J, Koburger N, Kohls E, et al. Efficacy of an internet-based self-management intervention for depression or dysthymia – A study protocol of an RCT using an active control condition. BMC Psychiatry 2019;19:1–12. https://doi.org/10.1186/s12888-019-2063-1.
  10. Arensman E, Koburger N, Larkin C, Karwig G, Coffey C, Maxwell M, et al. Depression Awareness and Self-Management Through the Internet: Protocol for an Internationally Standardized Approach. JMIR Res Protoc 2015;4:e99. https://doi.org/10.2196/resprot.4358.
  11. Oehler C, Görges F, Rogalla M, Rummel-Kluge C, Hegerl U. Efficacy of a Guided Web-Based Self-Management Intervention for Depression or Dysthymia: Randomized Controlled Trial With a 12-Month Follow-Up Using an Active Control Condition. J Med Internet Res 2020;22:e15361. https://doi.org/10.2196/15361.
  12. Twomey C, O’Reilly G, Bültmann O, Meyer B. Effectiveness of a tailored, integrative Internet intervention (deprexis) for depression: Updated meta-analysis. PLoS One 2020;15:e0228100. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0228100.
  13. Krämer R, Köhler S. Evaluation of the online-based self-help programme “Selfapy” in patients with unipolar depression: study protocol for a randomized, blinded parallel group dismantling study. Res Sq 2020;(Preprint). https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-26062/v1.
  14. Oehler C, Görges F, Hegerl U, Rummel-Kluge C. Negative effects of web-based interventions A closer look at negative effects in a guided web-based intervention for mild to moderate depression. Clin Psychol Sci Pract 2021;(in press). https://doi.org/10.1037/cps0000004.
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