Transtheoretisches Modell Fünf Tipps: So können Hausärzte Lebensstiländerungen unterstützen

Alte Gewohnheiten abzulegen und neue, gesündere zu etablieren, schaffen nur wenige problemlos. Viele scheitern dauerhaft daran, manche nach wenigen Tagen, andere etwas später. Problematisch ist das, wenn die Veränderung bestimmter Gewohnheiten die Manifestation einer Krankheit verhindern oder die Ausprägungen abmildern könnte.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass ein (aus welchen Gründen auch immer) erlerntes Verhalten geändert werden soll. Das bedeutet Aufwand, weil aus einem Automatismus ausgebrochen und bewusst etwas anderes gewählt werden muss.

Verhaltenstheoretisch betrachtet liegt einer Verhaltensänderung das fünf- bzw. sechsstufige transtheoretische Modell der Verhaltensänderung von Prochaska und DiClemente [1] zu Grunde.

Von der Phase der Absichtslosigkeit, in der noch kein Problembewusstsein für das zu ändernde Verhalten vorhanden ist, über die Phasen der Bewusstwerdung oder Absichtsbildung und Vorbereitung hin zu den ersten konkreten Schritten (Handlungsstadium), dem Versuch der Aufrechterhaltung und einem dauerhaft neu etablierten Verhalten vergehen im günstigsten Fall mehrere Wochen, doch auch Monate bis Jahre sind möglich, auch weil Rückfälle nicht selten sind.

Ärzte sind häufig die Überbringer der “schlechten” Botschaft, dass eine Verhaltensänderung für die Gesundheit sinnvoll und notwendig ist. Im Praxisalltag bleibt es beim Blick auf die Blutwerte, das Ultraschallbild, den BMI, das EKG oder die Lungenfunktionsmessung häufig bei allgemeinen Empfehlungen zu gesünderer Ernährung, dem Appell, das Rauchen aufzugeben und sich mehr zu bewegen.

Gründe dafür sind nicht nur fehlendes Detailwissen, wie Lebensstiländerungen begleitet werden könnten, sondern es fehlt auch an Zeit für eine umfassende Beratung. Bei Krankheiten wie Diabetes ist es inzwischen etabliert, Patienten zum Ernährungsberater zu überweisen.

Doch besonders im Rahmen von Sekundär- und Tertiärprävention, zum Beispiel bei Krebserkrankungen, weiß man, dass Sport und Ernährung große Effekte auf die Rückfallraten und das Überleben haben können.

Unterstützung im Praxisalltag

Beratung wird im Allgemeinen eher schlecht vergütet. Wie können Hausärzte also in ihrem Berufsalltag mit vertretbarem Aufwand ihre Patienten zu einer Änderung bestimmter Gewohnheiten motivieren oder den Prozess begleiten?

1. Empathie

Diverse Untersuchungen zeigen es und Ärzte und Patienten spüren es: Empathie ist die Basis einer guten Arzt-Patienten-Kommunikation. Empathie wird dabei als die Fähigkeit des Arztes verstanden, die Situation, Perspektive und die Gefühle des Patienten zu verstehen, dieses Verständnis zu vermitteln und darauf aufbauend in hilfreicher Weise zu unterstützen.

Beinahe 80 Prozent der Patienten würden einen empathischen Arzt weiterempfehlen. Empathische Ärzte erhalten von den Patienten auch mehr Informationen, beispielsweise über psychosoziale und soziale Probleme, die teilweise wichtig für die Diagnose und Therapie von Beschwerden und Krankheiten sein können.

Dennoch wird eine Abnahme des Interesses an guter Arzt-Patienten-Kommunikation hin zu technologischen Aspekten und größerer Produktivität in der Arztpraxis beobachtet [2].

2. Tiefergehendes Verständnis der Thematik

Eine Umstellung der Ernährung oder gezielte Bewegung haben teilweise eindrucksvolle Effektstärken. Diese kann ein Arzt nur überzeugend an seine Patienten vermitteln, wenn er sie selbst kennt. Fortbildungen im Bereich der Präventionsmedizin liefern dafür die Datengrundlage. Die jeweilige Lebenssituation des Patienten spielt bei der Wahl des Vorgehens eine Rolle.

Wie alt ist ein Patient, alleinstehend oder mit Familie, Frau oder Mann, im gebärfähigen Alter oder in der Menopause? Erklärungen über die Veränderungen im Hormonhaushalt und deren Wirkungen, Informationen darüber warum man mit zunehmendem Alter an Gewicht zunimmt, auch wenn man nicht mehr isst, können die Compliance verbessern.

Auch das Wissen, dass nach Beginn eines Krafttrainings das Gewicht wegen der Zunahme der Muskelmasse steigen kann, hilft dabei, die Frustration zu vermeiden, die entsteht, wenn man darauf nicht vorbereitet ist. Werden Muskelmasse und der Körperfettanteil vor Beginn der Änderung und immer wieder im Verlauf bestimmt, kann das den Veränderungsprozess sichtbar machen.

3. Teilhabe und positive Verstärkung

Veränderungen des Ernährungs- oder Bewegungsverhaltens sind anstrengend. Zu große Zielsetzungen können dazu führen, dass gar nicht erst damit begonnen wird. Daher ist das Setzen von Zwischenzielen und die Belohnung für das Erreichen dieser Etappen für die Psyche entscheidend.

Wer sich bis jetzt nicht bewegt hat, für den sind plötzlich 10.000 Schritte pro Tag unerreichbar. Besser ist es, sich am Status Quo zu orientieren und langsam zu steigern. Mittels eines Schrittzählers kann über einige Tage die durchschnittliche Schrittzahl gemessen werden.

Dann wird gemeinsam überlegt, welches Mehr an Bewegung machbar wäre, z.B. 1.000 Schritte täglich mehr zu gehen als bisher. Soll die Ernährung geändert werden, können Fotos der Mahlzeiten helfen, typische Ernährungsfehler aufzudecken und zu ändern.

Der Arzt lässt den Patienten entscheiden, welche eine (nur eine einzige) Sache er zunächst ändern möchte. Regelmäßiges Nachfragen, ob das Ziel erreicht wurde und weitere, höher gesteckte Ziele sowie Informationen über Dinge, die nicht funktionieren, liefern wertvolle Informationen und die notwendigen Erfolgserlebnisse.

4. Ein Vertrag mit dem Patienten

Fühlt sich der Patient mit seinem Problem ernst genommen, entsteht eine größere Verbindlichkeit. Der Arzt kann das nutzen, in- dem er mit dem Patienten einen “Vertrag” über die angestrebte Änderung schließt, den beide unterzeichnen.

5. Der Wert des Genusses

Ein Verhalten wird nur dauerhaft etabliert werden können, wenn es dem eigenen Charakter, den eigenen Vorlieben, dem eigenen Geschmack (im wahrsten Sinne des Wortes) entspricht. Wer nicht gerne spazieren geht, für den sind 1.000 Schritte pro Tag eine Qual. Darum hilft es nach den Dingen zu suchen, die Spaß machen und/oder gut schmecken.

Ob das Schwimmen, Tanzen oder Gartenarbeit ist, ist dem Herzkreislaufsystem weitgehend egal. Ärzte können dazu ermutigen, Neues zu probieren und erste Anstöße zu geben. Der Genuss, das Vergnügen und das gute Gefühl sollten dabei nicht zu kurz kommen.

Quellen

1. Prochaska JO, DiClemente CC. Self change processes, self efficacy and decisional balance across five stages of smoking cessation. Prog Clin Biol Res. 1984;156:131-40

2. Derksen F, Bensing J, Lagro-Janssen A. Effectiveness of empathy in general practice: a systematic review. British Journal of General Practice. 2013; doi: 10.3399/bjgp13X660814

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