KompressionstherapieVersorgungsaspekte bei Ulcus cruris venosum

Bei der Versorgung von Menschen mit einem Ulcus cruris venosum (UCV) sind verschiedene Aspekte zu beachten. Hierzu gehören die Auswahl einer individuell angepassten Kompressionstherapie, sachgerechte Pflege der verschiedenen Kompressionsversorgungen und der korrekte Umgang damit.

Kennzeichnend für eine chronisch venöse Insuffizienz (CVI) sind gestaute, ödematöse Unterschenkel. Weitere typische Symptome sind eine Dermatoliposklerose, Atrophie blanche (Abb. 1), Hyperpigmentierungen (Purpura jaune dòcre; Abb. 2), Hauttrockenheit, Schuppungen (Abb.3) und Juckreiz (Abb.4). Solche Reizungen entstehen durch Hautveränderungen aufgrund der CVI, die bis zur Ausbildung eines UCV führen kann.

Sie werden aber auch durch die Reibung der Kompressionsmaterialien auf der Haut, wie medizinische Kompressionsstrümpfe oder Kompressionsbinden, ausgelöst bzw. verstärkt.

Auswahl der richtigen Kompressionsversorgung

Die Kompressionstherapie ist eine grundlegende Säule in der konservativen Therapie von Menschen mit CVI und UCV. Die Auswahl der Kompressionsversorgung richtet sich nach der Therapiephase und den Bedürfnissen des Betroffenen sowie seinen körperlichen Fähigkeiten.

Die Therapie unterteilt sich in Entstauungs-, Erhaltungsphase und Prävention. In der Entstauungsphase dient eine kräftige Kompressionsversorgung der Reduktion des Ödems und der Unterstützung der Abheilung des UCV. Diese Phase sollte bei sachgerechter Durchführung und entsprechender Adhärenz des Patienten nach drei bis vier Wochen beendet sein. Da sich der Beinumfang bei adäquater Kompressionsversorgung schnell reduziert, kommen Materialien zum Einsatz, die sich der Umfangabnahme individuell anpassen lassen.

In der Erhaltungsphase liegt ein stabiler Zustand vor, Ödeme sind entstaut und die Ulkusheilung schreitet voran. Da sich der Beinumfang nun nicht mehr deutlich reduziert, sind keine aufwändigen und auftragenden Bindenbandagierungen mehr notwendig. Wenn das UCV abgeheilt ist, geht es in der Prävention darum, eine Neuentstehung zu vermeiden.

Um dies zu gewährleisten, sind medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) als Rezidivprophylaxe meist ein Leben lang zu tragen. Der unterstützende Einsatz von An- und Ausziehhilfen erhöht die Selbstpflegekompetenz des Patienten und schont das Strumpfmaterial. Diese sind auf einem extra Rezept als Hilfsmittel zu verordnen. Tabelle 1 gibt einen Überblick über den phasengerechten Einsatz der Kompressionsmaterialien.

Sachgemäße Pflege der Kompressionsmaterialien

Unsachgemäße Reinigung und nicht adäquater Umgang schädigt die Kompressionsmaterialien und reduziert deren Effizienz. Grundsätzlich sind immer die Herstellerhinweise zu beachten. In der Klinik werden Binden nach einmaliger Nutzung verworfen. Im Gegensatz dazu ist ihre sachgemäße Pflege im ambulanten Bereich von großer Bedeutung, da nicht nach jedem Gebrauch eine Neuverordnung erfolgt.

Kurzzugbinden können mindestens 15 mal bei bis zu 95 Grad gewaschen werden. Sie verlieren dann ihre Spannkraft und Form. Aus hygienischen Gründen sind diese täglich zu wechseln und zu waschen. Daher sind Kurzzugbinden nach zwei Wochen neu zu verordnen. Adaptive Kompressionsbandagen sind bei adäquater Pflege ein halbes Jahr haltbar.

Pro Halbjahr sind nur ein Paar medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) verschreibungs- und erstattungsfähig. Bei der Erstverordnung können dem Patienten einmalig zwei Paar MKS oder, wenn nur ein Bein betroffen ist, zwei MKS, verschrieben werden. Bei frühem Verschleiß infolge besonderer Beanspruchung (z. B. beruflich) oder einer Veränderung des Krankheitsbildes kann eine frühere Folgeverordnung gerechtfertigt sein. In Tabelle 2 sind Hinweise zur korrekten Materialpflege zusammengefasst.

Hautpflege – täglich und selbstverständlich

So wie die Kompressionstherapie begleitet auch die Hautpflege die Betroffenen ihr Leben lang und sollte als selbstverständlicher Bestandteil in den Alltag integriert werden. Sie erfolgt mindestens einmal täglich. Die Produkte werden nach dem Prinzip “feucht auf feucht und fett auf trocken” ausgewählt.

Auf trockener Haut kommen eher fettige hydrophobe Pflegeprodukte auf Wasser-in-Öl-Basis zur Anwendung und bei Feuchtigkeitsaufkommen sind hydrophile Produkte, wie Lotionen, einzusetzen. Fetthaltige Salbengrundlagen mit Feuchthaltefaktoren, wie Urea und Glycerin, sind insbesondere bei trockener, juckender Haut zu bevorzugen.

Auf Beimengungen, wie alkoholische Zusätze, die die Haut weiter austrocknen oder Allergene, z. B. Parabene, Perubalsam, Wollwachse, Propylenglykol sowie Duftstoffe, die die Haut weiter reizen können, ist zu verzichten. Lockere Hautschuppen sollten regelmäßig entfernt werden (Abb. 10), da sie eine Eintrittspforte für Bakterien und somit ein Infektrisiko sind.

Die Hautpflege sollte vor dem Anlegen der Kompressionsversorgung bereits eingezogen sein, da die MKS nicht gut darauf gleiten. Der Betroffene sollte daher dazu angeregt werden, die Beine abends vor dem Zubettgehen zu pflegen.

Routinemäßige Hautpflege steigert ihre Elastizität und mindert Juckreiz. Bei der Auswahl der Pflegeprodukte sind Vorlieben und Abneigungen des Betroffenen zu berücksichtigen. Sein Einverständnis ist Voraussetzung, da solche Produkte nicht verordnungs- und erstattungsfähig sind.

Tipp: Bei Kompressionsbandagierungen kann ein Baumwollschlauchverband, der unterhalb der Bandagierung angelegt wird, Unverträglichkeiten gegenüber Bindenmaterialien vorbeugen.

Kompressionsmaterialien

Die Entwicklung neuer Kompressionsmaterialien schreitet beständig voran und mittlerweile ist es den Betroffenen möglich, aus einer breiten Angebotspalette mit vielen Farben, Mustern und sogar Strassbesatz auszuwählen. Werden beispielsweise Unverträglichkeiten gegenüber MKS beobachtet, ist ein Umsteigen auf Modelle mit erhöhtem Baumwollanteil oder speziellen Pflegestoffen zu erwägen.

Manche MKS bestehen aus mit Silber ummantelten Fäden, die eine Besiedlung der Haut mit Bakterien reduzieren sollen. An- und Ausziehhilfen helfen dabei, das Strumpfmaterial durch schonenderen Umgang zu erhalten und erleichtern gleichzeitig das An- und Ausziehen, wodurch der Betroffene entlastet und seine Haut zudem geschont wird (Abb. 11).

Sie sind wie MKS als Hilfsmittel verordnungs- und erstattungsfähig. Zudem sind Patienten darüber zu informieren, ihre Fuß- und Fingernägel kurz zu halten und einer übermäßigen Hornhautbildung vorzubeugen. Dies schont ihre MKS.

Wundversorgung

Während der Entstauungsphase tritt eine hohe Exsudatmenge auf, daher kommen Wundauflagen mit einem hohen Aufnahmevermögen und guter Retention zum Einsatz,z. B. Vlieskompressen mit Superabsorber (Abb. 12). Als Mazerationsschutz können bei Bedarf Hydrofaser-/Hydrofiberprodukte sowie transparente Hautschutzfilme verwendet werden.

Nimmt dann die Exsudation in der Erhaltungsphase fortlaufend ab, wird die Versorgung z. B. auf feinporige Polyurethanschaum-/Hydropolymerverbände umgestellt. Um die empfindliche Haut weniger zu reizen, sind solche Produkte ohne Kleberand und mit hautfreundlichen Silikonbeschichtungen verfügbar.

Venensport

Erst bei Aktivierung der Muskelpumpen entfaltet die Kompressionstherapie ihre volle Wirkung. Daher sind regelmäßige Venensportübungen, wie Spazierengehen, Treppensteigen, Greifübungen mit den Zehen, Fuß auf-/abwippen/-kreisen Bestandteil von Therapie und Prophylaxe des UCV. Eine gute Gedächtnisstütze ist die 3-S- und 3-L-Regel: Sitzen und Stehen ist Schlecht, Lieber Laufen und Liegen.

Quellen:

Deutsche Gesellschaft für Phlebologie. AWMF S2k-Leitlinie: Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), Phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und Medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK). 2018. Leitlinien-Register Nr. 037/005

Dissemond J, Protz K, Reich-Schupke S, Stücker M, Kröger K. Kompressionstherapie des Ulcus cruris. Der Hautarzt 2016; 67: 311-325.

Machet L, Couhé C, Perrinaud A, Hoarau C, Lorette G, Vaillant L. A high prevalence of sensitization still persists in leg ulcer patients: a retrospective series of 106 patients tested between 2001 and 2002 and a meta-analysis of 1975-2003 data. Br J Dermatol 2004; 150(5): 929-935.

Protz K, Dissemond D, Kröger K. Kompressionstherapie – Ein Überblick für die Praxis. Heidelberg: Springer; 2016

Protz K, Timm JH. Moderne Wundversorgung, Praxiswissen, 9.Auflage, München: Elsevier; 2019

Wundzentrum Hamburg e.V., Standards: http://www.wundzentrum-hamburg.de/standards/downloads/

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