Arbeit und GesundheitDas Problem ist ein Zuviel, nicht ein Zuwenig”

Immer mehr Patienten leiden unter einem Zuviel an beruflicher Belastung. Dr. Sandra Quantz, Fachärztin für Allgemeinmedizin, gibt Tipps, wie Sie Betroffenen helfen können.

Frau Dr. Quantz, wie sind Sie darauf gekommen, sich näher mit dem Thema Arbeit und Gesundheit zu beschäftigen?

Das war keine bewusste Entscheidung. In der Praxis habe ich die Not vieler Patienten wahrgenommen, dazu kam mein erweiterter Blick durch die Coaching-Ausbildung. Ich sehe auch ein gewisses Defizit in der schulmedizinischen Ausbildung: Wir lernen nicht, wie wir mit Patienten umgehen sollen, die unglücklich sind und soziale Sorgen haben.

Nehmen wir psychische Belastungen durch Arbeit noch zu wenig wahr?

Ich glaube, dass sich das gerade ändert. Das mag auch daran liegen, dass ich mich viel mit dem Thema beschäftige und daher verstärkt wahrnehme, dass das auch andere tun. Aber in der Medizin sind wir bisher sicherlich schlecht darauf vorbereitet. Die Arbeitsmedizin beschäftigt sich hauptsächlich mit körperlichen Aspekten – Lärmschutz, Ergonomie am Arbeitsplatz, toxische Stoffe.

Dabei hat sich die Arbeitswelt verändert. Früher waren Menschen körperlich mehr belastet. Das ist insgesamt zurückgegangen, dafür ist die psychische Belastung in meiner Wahrnehmung massiv gestiegen.

Wie oft sehen Sie berufliche Belastung bei Ihren Patienten?

Täglich. Gestern waren es drei Patienten. Wobei das natürlich auch Definitionssache ist: Oft ist ja nicht nur die berufliche Belastung alleine da, die Übergänge sind fließend. Und es spielt auch eine Rolle, wie aufmerksam ich gucke: Durch meine Beschäftigung mit dem Thema sehe ich mehr, spreche ich mehr an.

Ich weiß nicht, wie andere Hausärzte diese Frage beantworten würden. Aber ich glaube, das Problem ist auch in anderen Praxen nicht selten.

Mit welchen Symptomen kommen die Patienten?

Schlafstörungen zum Beispiel sind sehr häufig. Manche Patienten kommen auch mit diffusen Erschöpfungszuständen. Oder mit einem verspannten Nacken, der ja immer auch viel über die innere Haltung aussagt – sitze ich entspannt bei der Arbeit oder habe ich Angst und verkrampfe?

Manchmal fällt es auch beim Gesundheitscheck auf. Wir haben dafür einen Fragebogen entwickelt, der auch Belastungsfaktoren im beruflichen und privaten Bereich erfasst.

Erkennen die Patienten den Zusammenhang zwischen körperlichen Beschwerden und beruflichem Druck?

Teils, teils. Viele sagen: Ich bin völlig erschöpft, ich kann nicht mehr, ich hatte zu viel Stress. Und andere kommen und bitten mich, den Zink- oder Eisenstatus zu bestimmen. Die Mangeltheorie – “mir fehlt etwas” – ist bei uns ja sehr verbreitet. Und dann sage ich oft: “Sie haben nicht zu wenig, sondern zu viel von etwas – das Problem liegt woanders.”

Was genau belastet die Menschen in der Arbeit denn so?

Erstens hat sich die Arbeit unheimlich verdichtet. Einer macht viel mehr als früher. Dazu kommt ein hohes Maß an Veränderung. Nach der Umstrukturierung ist vor der Umstrukturierung, Flexibilität und Agilität werden immer wichtiger. Zudem gibt es viele interpersonelle Konflikte. Nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Arbeitsleben wird der Ton immer rauer. Hier spielt es natürlich auch eine Rolle, wie gut ich als Mensch Konflikte aushalten kann.

Die eigene Persönlichkeit ist also auch entscheidend.

Auf jeden Fall. Wir können das Arbeitsleben manchmal nicht ändern. Aber es hilft sehr, wenn wir wissen, was wir brauchen, was uns gut tut, was unsere Schwächen und Stärken sind.

Wichtig ist auch, dass wir in der Lage sind, Grenzen zu setzen. Die Arbeitswelt ist immer entgrenzter, hier müssen wir zunehmend selbst für uns sorgen. Wann sage ich “Stopp”, wann wechsle ich in ein für mich bekömmlicheres Umfeld? Was kann ich gut aushalten und was macht mich krank?

Was können Hausärzte konkret tun, um betroffenen Patienten zu helfen?

Zunächst ist es wichtig, den Zusammenhang herzustellen. Ich erkläre den Patienten anhand von Modellen, wie sich akuter und chronischer Stress im Körper auswirkt. Damit sie zum Beispiel verstehen, warum sie schlecht schlafen. Dieses Wissen schafft schon mal Entlastung.

Schreiben Sie die Patienten auch krank?

Krankschreibung löst keine arbeitsplatzbezogenen Probleme. Oft ist sie aber notwendig, damit Patienten in eine Verfassung kommen, in der sie ihre Probleme mit mehr Abstand sehen und so auch lösen können. Meist schreibe ich Betroffene dann erst mal für eine oder maximal zwei Wochen krank.

Ich bereite sie darauf vor, dass sie zunächst in eine noch tiefere Erschöpfung fallen können. Ich versuche auch, mit ihnen ein “Kurprogramm” zu entwerfen: Was können sie tun, um in dieser Zeit der Krankschreibung wieder in einen Erholungszustand zu gelangen? Helfen kann zum Beispiel Bewegung, gute Ernährung, Freunde treffen.

Möglichst nicht zu viel an die Arbeit denken und auch nicht die liegengebliebene Steuererklärung und den Berg Bügelwäsche abarbeiten – es sei denn, sie haben große Lust dazu. Wenn nötig berate ich sie auch, wie sie ein Gespräch mit dem Betriebsrat oder Vorgesetzen vorbereiten. Dann begleite ich sie relativ engmaschig. Manchmal ist im Verlauf doch eine Tagesklinik, Psychotherapie oder Reha nötig.

Gespräche über psychische Belastungen kosten oft viel Zeit. Wie schaffen Sie das im Praxisalltag?

Das ist eine Mischkalkulation. Wir haben Zehn-Minuten-Termine für die Patienten. Und wir haben ein sehr rigides Bestellsystem – bei uns bekommt jeder einen Termin, wir lassen nicht zu, dass sich Patienten unangemeldet dazwischen drängeln. Ich brauche nicht für jeden Patienten zehn Minuten, insofern reicht die Zeit, mit einigen auch mal länger zu reden. Und wenn der Zeitpunkt gerade schlecht ist, der Patient aber ein längeres Gespräch braucht, bestelle ich ihn nochmals ein.

Kommt es auch vor, dass Sie Medikamente verschreiben, zum Beispiel bei Schlafstörungen?

Ja, vor allem Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva setze ich immer wieder mal ein. Wie viele Kollegen verschreibe ich wegen des Abhängigkeitspotenzials ungern die klassischen Schlafmittel. Zum Schlafen verordne ich eher niedrig dosierte Antidepressiva wie Mirtazapin oder Trimipramin, bei Angststörungen können Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sehr hilfreich sein. Solche Therapien kann ich als Hausärztin selber einleiten und überwachen.

Erst wenn die Patienten nicht ansprechen – und eventuell auch auf einen Wechsel nicht – ist es für mich an der Zeit, sie zum Psychiater zu schicken.

Und wann empfehlen Sie eine Psychotherapie?

Immer wenn ich das Gefühl habe, dass das, was ich mache, am Ende nicht reicht. Etwa wenn Patienten gar nicht mehr aus einem Tief herauskommen oder wenn es nicht bearbeitete Traumata in der Vorgeschichte gibt. Oder wenn Menschen immer wieder wegen Krankschreibung kommen, um sich eine zusätzliche Auszeit zu verschaffen, aber darüber hinaus passiert nichts. Wobei die letzte Gruppe dann oft auch nicht bereit zu einer Therapie ist.

Manchmal brauchen die Patienten relativ lange, bevor sie diesen Schritt gehen. Andere kommen auch selbst und schlagen es vor.

Oft ist es schwierig, einen Platz bei einem Therapeuten zu bekommen. Ist Coaching eine gute Alternative?

Psychotherapie und Coaching gehen ineinander über. Letzteres muss allerdings selbst bezahlt werden und das ist für manche Patienten eine Hürde. Für mich war das einer der Gründe, eine Coachinggruppe zu gründen – das ist für den Einzelnen nicht so teuer. Eine Gruppe hat zudem den Vorteil, dass die Menschen sehen, dass sie nicht alleine mit ihrem Problem sind. Sie können sich auch von den Veränderungen anderer inspirieren lassen.

Wie finden Betroffene eine Coachinggruppe?

Bisher wird Coaching eher als Einzelarbeit angeboten. Wir erwähnen die Gruppe auf unserer Internetseite, ich spreche Patienten darauf an und habe Kollegen meinen Flyer geschickt. Hausärzte können sich informieren, welche Angebote es in der Nähe gibt, oder auch mal Coachs ansprechen, ob sie Gruppen zu diesem Thema anbieten.

Veränderung fällt meist schwer. Sicher ist es für Sie als Hausärztin oft frustrierend, wenn Patienten es nicht schaffen, ihre berufliche Situation zu bessern. Können Sie auch über Erfolgserlebnisse berichten?

Zum Beispiel gibt es Patienten, die sich irgendwann aus Mobbingsituationen lösen. Das dauert oft lange. Eine meiner Patientinnen fühlte sich von ihrer neuen Chefin persönlich angegriffen. Plötzlich war ihre Arbeit – eine Bürotätigkeit – nicht mehr gut genug, die Farbe ihrer Fingernägel war nicht in Ordnung, sie wurde ständig kritisiert.

Sie war immer öfter in meiner Praxis, fühlte sich krank, litt unter Infekten und Kopfschmerzen. Sie wollte aber ihren Platz nicht räumen, weil sie das als unfair empfand – sie machte ja nach wie vor gute Arbeit. Und irgendwann hat sie dann doch die Abteilung gewechselt. Und ich werde nie vergessen, wie sie dann strahlend vor mir saß und erzählte, wie ihr neuer Chef sie wertschätzt.

Bei Mobbing ist sehr oft ein Wechsel notwendig. Es gibt aber auch Patienten, die es schaffen, am bestehenden Arbeitsplatz zufriedener zu werden. Eine Teilnehmerin unser Coachingruppe arbeitet in einer Behörde. Sie fühlte sich dort wie ein “Fußabstreifer” – jeder wollte etwas von ihr, sie konnte nicht in Ruhe arbeiten. Sie hat dann Körbe für diverse Anliegen angeschafft und ein “Bitte nicht stören-Gesicht” aufgesetzt, wenn jemand ins Zimmer kam.

Nach wenigen Wochen fühlte sie sich ganz anders gewürdigt. Sie hatte es geschafft, Grenzen zu setzen. Und auch für sich selbst zu erkennen: “Das ist nur die Arbeit, ich muss hier nicht alles retten und jederzeit für alle da sein.”

Vielen Dank für das Gespräch.

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