Praxis WissenTelemedizin: Hausärzte wollen mitreden

Das Smartphone analysiert die Laborwerte des Patienten, schickt diese an den Hausarzt und trägt diese sogar automatisch in die Patientenakte ein. Wie sieht die Hausarztpraxis der Zukunft aus? Ein Workshop auf dem DEGAM-Kongress hat Antworten zur digitalen Revolution gesucht.

Der Begriff der „digitalen Revolution“ ist aktuell äußerst medienpräsent. Dazugehörige Themen wie die Telemedizin werden in Deutschland allerdings bisher kaum systematisch evaluiert. Dies könnte möglicherweise daran liegen, dass dieses Thema kaum ohne Austausch mit der Industrie bearbeitet werden kann. Ausschreibungen auf europäischer Ebene, zum Beispiel Horizon 2020 (Anm.: ein EU-Programm zur Förderung der Forschung), haben daher in der Vergangenheit versucht, Wissenschaft und Industrie näher zusammen zu bringen.

International ist die Bearbeitung des Themas weiter fortgeschritten. Im April 2016 wurde beispielsweise von der WONCA, der Weltorganisation der Fachgesellschaften für Allgemeinmedizin, als Reaktion auf rund 20 Jahre internationale Erfahrungen ein Papier zu eHealth veröffentlicht [1]. Ein Workshop auf dem diesjährigen DEGAM-Kongress in Frankfurt am Main Ende September hatte zum Ziel, Teilaspekte der digitalen Revolution zu thematisieren, um die Diskussion darüber auch unter deutschen Hausärzten anzustoßen.

Hintergrund der Autoren, sich mit dem Thema zu befassen, bilden gemeinsame Projekte des Instituts für Allgemeinmedizin und des Instituts für Telematik an der Universität zu Lübeck. Die Forschungsprojekte des Instituts für Telematik umfassen verschiedene Aspekte der Vernetzung von Computern. Im Mittelpunkt stehen aktuell Arbeiten, in denen alle Alltagsgegenstände mit Kommunikationsmöglichkeiten ausgestattet werden, um miteinander automatisiert Informationen austauschen zu können („Internet der Dinge“). Anwendungen im medizinischen Bereich sind etwa Sensoren, die bestimmte Körperwerte automatisiert erfassen und an Auswertestationen weitergeben oder auch in Krankenakten eintragen können. Ebenfalls von großem Interesse ist der sichere Einsatz von Videokommunikationssystemen in der ärztlichen Praxis.

Ultraschall per Tablet

Am Institut für Allgemeinmedizin in Lübeck existieren die Forschungsschwerpunkte der Versorgung chronisch kranker Patienten in der Zukunft und der Strategien gegen den Hausärztemangel. Ein Konzept, welches mit beiden Schwerpunkten Berührungspunkte hat, ist das einer sogenannten Primärversorgungspraxis. Eine solche beinhaltet neben der häufig betonten Möglichkeiten, die hausärztliche Tätigkeit in Teilzeit und in einem multiprofessionellen Team auszuüben, auch Aspekte der Standortplanung und Architektur, um sich unter anderem einen Arbeitsplatz attraktiv gestalten zu können. Ein weiteres Element der Primärversorgungspraxis ist die Telemedizin. Diese hat zwar bereits der Sachverständigenrat in seinem Sondergutachten unter „Nutzung moderner Informationstechniken“ gestreift [2], sie wird jedoch noch nicht in ihrer ganzen Ausprägung umgesetzt. Dabei könnte die „digitale Revolution“ ebenfalls die künftige hausärztliche Versorgung erheblich beeinflussen. Einige Bestrebungen muten heute vielleicht noch wie „Science Fiction“ an, beispielsweise die Analyse von Laborwerten mit dem Smartphone, Erhalt von Röntgenbefunden aus entfernten Ländern oder die Nutzung des Tablet als Ultraschallgerät. Sie könnten sich aber in vielerlei Hinsicht auf die Praxis der Zukunft auswirken – bis hin zur Praxisgröße und damit sogar der künftigen Finanzierung.

Einfache Bedienung ist Pflicht

Innerhalb des Workshops wurden zunächst Inputreferate zu aktuellen Entwicklungen in den Bereichen Telemedizin und eHealth gegeben, welche auch Barrieren beinhalteten, diese anzuwenden. Anschließend diskutierten die Teilnehmer – mehrheitlich (Haus-) Ärzte und Medizinische Fachangestellte (MFA) – mögliche Konsequenzen dieser Technologien auf die Hausarztpraxis der Zukunft.

Ein erstes großes Thema waren Fragen der Standardisierungen in Praxisinformationssystemen, etwa: Wie können die Systeme untereinander sicher kommunizieren? Müsste dazu einheitlich dokumentiert werden? Insgesamt wünschten sich die Teilnehmer mehrheitlich, selbst mehr beeinflussen zu können, was ein solches Programm kann.

Sehr deutlich wurde, dass für den Praxisalltag datenschutzrechtlich akzeptierte Versionen von Produkten, mit Funktionen ähnlich Whats App oder Skype, einem bereits existierenden Bedarf in der Hausarztpraxis begegnen würden. Dass die entsprechend qualifizierte MFA auf diesem Weg einen Befund, den Sie während eines Hausbesuchs erhebt, dem Hausarzt zeigen kann und direkt Anweisung bekommt, wie sie weiter verfahren soll, stieß auf großes Interesse. In weiteren Schritten wäre eine Videoverbindung in ein Pflegeheim denkbar. Selbstverständlich müssen für solche Projekte alle ethischen und datenschutzrechtlichen Fragen geklärt sein.

Praxistauglichkeit war ein weiterer, sich durchziehender Wunsch: Die Systeme sollten einfach und möglichst einheitlich zu bedienen sein. Damit die Technik nicht von der Versorgung der Patienten ablenkt, war ein weiterer Gedanke, dass zukünftige Curricula, etwa für Zusatzqualifikationen von MFA oder Fortbildungsveranstaltungen, Elemente der Telemedizin enthalten sollten. Möglicherweise wäre hierfür der an inzwischen 14 Standorten angebotene „Tag der Allgemeinmedizin“ eine geeignete Plattform. Denn dieser wendet sich an das ganze Praxisteam und ermöglicht so interprofessionelles Lernen.

Das zentrale Fazit: Hausärzteteams wollen mitbestimmen, welche Anwendungen sie brauchen. So war das Thema „Schutz vor Überversorgung und Fehlversorgung“ eines, das den Teilnehmern sehr am Herzen lag. Denn genau diese Gefahr bergen möglicherweise Daten des „quantified self“ – etwa Blutdruckwerte, Puls, Sportverhalten und Gewichtsentwicklung – wie sie Smartphone kompatible Produkte generieren können. Dafür sollten klare Positionen erarbeitet werden.

Fazit

  • Telemedizinische Anwendungen werden auch die hausärztliche Versorgung der Zukunft beeinflussen.

  • Viele Hausärzte und ihre Teams wollen selbst mitbestimmen, welche digitalen Anwendungen sie in der Praxis brauchen.

  • Eine erste konkret gewünschte Anwendung wäre die Option einer datenschutzrechtlich einwandfreien Bildübertragung zwischen Smartphone und Praxis.

  • Das Potential, das in Telemedizin steckt, wirft eine Reihe implementierungswissenschaftlicher Fragen dahingehend auf, welche Determinanten den Einsatz von Telemedizin fördern oder hemmen können.

Mitarbeit

Praxisteams, die an aktuell geplanten telemedizinischen Projekten teilnehmen wollen, sind herzlich eingeladen, sich bei Prof. Jost Steinhäuser (jost. steinhaeuser@ uksh.de) zu melden.

Literatur

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