Praxis WissenMedikationsplan in Papier „besser als nichts“

Ab Oktober sollen Patienten einen Medikationsplan erhalten. Um den Wildwuchs bei Arzneimitteln einzudämmen, ist das auch dringend nötig, sagt ein Experte. Doch eines kann auch der Medikationsplan nicht ersetzen: Den Hausarzt, der dem Patienten die Therapie erklärt.

Tuben, Pillen, Sprays und Zäpfchen. Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzte-schaft (AkdÄ), projiziert ein Foto an die Wand, das manchem Hausarzt bekannt vorkommen dürfte: Es zeigt die Menge der Medikamente, die eine Patientin zur „Brown-Bag-Analyse“ abgegeben hatte. Für die Masse an Arzneien dürfte nur eine braune Tasche nicht gereicht haben. Kein Wunder, dass viele Patienten an ihren Medikamenten nicht genesen, sondern erkranken. Nach Angaben Ludwigs sind etwa drei bis fünf Prozent der nicht geplanten, internistischen Krankenhausaufnahmen verursacht durch Medikationsfehler.

Der lang geplante Medikationsplan soll unter anderem solche Probleme verhindern helfen, so Ludwig. Nach Jahren der Planung soll er nun im Oktober 2016 endlich verfügbar sein – wenn auch vorläufig nur in Papier-Form: Alle Patientinnen und Patienten, die drei oder mehr Medikamente verschrieben bekommen haben, dürfen den Plan beanspruchen. Er ist für die Hand der Patienten gedacht, die ihn zu ihrem Hausarzt und zum Apotheker mitnehmen können. Ab 2019 soll er über die elektronische Gesundheitskarte auch digital verfügbar sein.

Umstritten war im Zuge der Planung, wer den Medikationsplan führen soll. Nun hat man sich geeinigt: „Die Verantwortung, den Plan aktuell zu führen, trägt natürlich der Arzt, der den Patienten am häufigsten sieht. Und das ist meist der Hausarzt“, sagte Ludwig. „Deshalb sollten auch die Klinikärzte die Medikation nur bei medizinischer Notwendigkeit verändern. Wenn sie den Plan ändern, dann sollten sie diese Änderungen auch gegenüber dem Hausarzt begründen. Leider funktioniert das derzeit noch nicht immer.“ Die Apotheker sollen die OTC-Präparate in den Medikationsplan einfügen.

Paradoxerweise ist es das neue E-Health-Gesetz, das den papierenen Plan in die Praxis heben soll. Allerdings zeigt das Papier bereits die Struktur des späteren elektronischen Pendants: Wirkstoff, Handelsname, Stärke, Form, Dosierung, Grund für die Medikation und Hinweise.

Elektronischer Plan dringend nötig

Für Ludwig ist diese vorläufige Lösung „besser als nichts“. Allerdings brauche es dringend die elektronische Form, um die Probleme bei der Medikation wirklich zu beheben, sagt er, der auch Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie, Tumorimmunologie und Palliativmedizin am Helios Klinikum Berlin-Buch ist. „Darum wäre die digitale Form des Planes, die auch mit den verschiedenen Softwares bei Ärzten, Kliniken und Apothekern vereinbar wären, die deutlich bessere Lösung“, sagt Ludwig. „Zum Beispiel, um Wechselwirkungen zu erkennen. Leider sind wir da noch nicht.“

Der Medikationsplan sei indessen dringend nötig. Nach Ludwigs Angaben sind etwa 20 Prozent der Medikamente für Senioren „potentiell inadäquat“. Das heißt, ein Fünftel aller alten Patienten nehmen Wirkstoffe ein, die ihnen möglicherweise schaden. Tatsächlich konsumieren mehr als 40 Prozent aller Patienten ab 65 Jahren gleichzeitig und andauernd fünf oder mehr Medikamente. Bei geriatrischen Patienten ist die Menge im Schnitt auf zehn Arzneimittel gleichzeitig angewachsen.

In 2010 schluckten mehr als ein Viertel der Deutschen durchschnittlich 3,6 Tagesdosen als Dauertherapie, referiert Ludwig. Kein Wunder also, dass Ärzte, Apotheker und Pflegende den Überblick über den Arzneimittelkonsum ihrer Patienten verlieren können, und die Patienten erst recht.

Vielfältige Ursachen

Die Gründe für die Misere sind vielfältig: So leiden Patienten häufig unter vielen Krankheiten gleichzeitig und werden von vielen verschiedenen Ärzten nach verschiedenen Leitlinien und mit unterschiedlichen Therapiezielen zugleich behandelt – und mit Arzneimitteln versorgt. „Viele Leitlinien sind nur auf ein Krankheitsbild ausgerichtet und berücksichtigen nicht, dass etwa ein Hochdruck-Patient auch Diabetes haben kann“, sagt Ludwig. „So werden mitunter sieben oder acht Medikamente verschrieben, ohne die Wechselwirkungen zu berücksichtigen.“

Er berichtet von einer viel zitierten Publikation zu einer 79-jährigen amerikanischen Patientin, unter anderem mit Diabetes und Osteoporose, für die die leitliniengerechte Therapie ihrer Leiden täglich zwölf verschiedene Medikamente bedeutete, 19 Tabletten am Tag an fünf verschiedenen Einnahmezeitpunkten. Klar, dass hier Medikationsfehler drohen, unvollständige Informationen oder Missverständnisse zur Einnahme der Arzneien.

Außerdem straucheln viele Patienten an der Schwelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung, weil dort häufig Informationsdefizite auftreten, so Ludwig. Dass mancher Arzt die Therapieziele zu strikt verfolgt, etwa beim Zielwert des HbA1C oder des Blutdrucks, verstärkt die Multimedikation vor allem bei älteren Patenten noch einmal.

Aus allen diesen Gründen „ist der Medikationsplan die conditio sine qua non und die vorliegende Papierlösung immer noch deutlich besser als gar keine“, betont Ludwig. Allerdings sei die elektronische Form des Plans dringend nötig. „Schade, dass wir da noch nicht sind. Das ist auch für die Patientensicherheit schade – das muss man sagen. So lange das alles nicht geht, sind die Anwendungsmöglichkeiten des Medikationsplans begrenzt und seine Funktionalität deutlich eingeschränkt.“

Prof. Walter E. Haefeli, Ärztlicher Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie des Uniklinikums Heidelberg, hat unterdessen Fakten geschaffen. In seinem Hause hat er ein System installiert, das die sonst starren Warnmeldungen der Medikationssoftwares nur dann zulässt, wenn sie auch gebraucht werden. „Denn viele dieser Warnhinweise bringen nichts, weil die Ärzte oft schon von sich aus richtig gehandelt haben“, sagt Haefeli. „Wenn dann die Warnhinweise erscheinen, die der Arzt schon längst beachtet hat, wird er am Schluss gar keine Hinweise mehr lesen. Wir haben durchgespielt, dass man 80 Prozent aller Warnungen vermeiden kann, wenn man die Datenbank so aufgebaut hat, dass sie auch die Dosierung eines Medikaments berücksichtigt, die Laborwerte kennt und auch das Schema der Verabreichung.“

„Es geht um Kommunikation“

Zum Nulltarif funktioniert das auch in Heidelberg nicht. „Wir beschäftigen 20 Spezialisten, die die Ergebnisse der neuesten Studien in das System einpflegen.“ Das System läuft auch in anderen Krankenhäusern. Deutschlandweit werden 15 Prozent aller Patienten über diese Software mit Medikamenten versorgt. Indessen hat der ambulante Sektor (noch) nichts von dem Verfahren.

„Eigentlich müsste man endlich die Schnittstellen zwischen den Sektoren öffnen, damit auch unter anderem die Hausärzte von der Software profitieren. Das wird auch im Aktionsplan des Bundesgesundheitsministeriums zur Therapiesicherung gefordert“, sagt Haefeli. Eines allerdings kann weder der beste Medikationsplan noch die ausgefeilteste Software: dem Patienten die Medikation erklären. Oder, wie Prof. Wolf-Dieter Ludwig sagt: „Am Schluss geht es um Kommunikation.“ Auch davon wird der Erfolg des Medikationsplanes abhängen.

Quelle: „Auf dem Weg zum Medikationsplan 2.0“ beim Jahreskongress des Bundesverbandes Managed Care, Berlin, 19.1.16

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