Burn-out und DepressionHohe Belastung macht Ärzte weniger krank

Viele Ärzte leiden unter den Bedingungen ihres Berufs, meint eine Umfrage. Patienten und Mitarbeiter würden in Mitleidenschaft gezogen. Dabei profitieren Ärzte im Gegensatz zu vielen anderen Berufen von positiven Arbeitsbedingungen.

Viele Ärzte leiden unter den Bedingungen ihres Berufs, meint eine Umfrage. Patienten und Mitarbeiter würden in Mitleidenschaft gezogen. Dabei profitieren Ärzte im Gegensatz zu vielen anderen Berufen von positiven Arbeitsbedingungen.
Viele Ärzte fühlen sich von ihrem Beruf erschöpft, zeigt eine Umfrage.© Photographee.eu stock.adobe.com

Rund die Hälfte der deutschen Ärzte fühlt sich körperlich, mental und emotional erschöpft. Burn-out diagnostiziert rund jeder achte Arzt bei sich, unter Depressionen leidet etwa jeder Vierte. Besonders belastend wirkt nach Aussage der Ärzte die hohe Wochenarbeitszeit, die Bewältigung der alltäglichen Administration, die Gewinnorientierung sowie mangelnde Honorierung der Arbeit. Zu diesen Befunden kommt eine Studie des medizinischen Informationsdienstes „Medscape“.

Die Hälfte der Ärzte ist symptomfrei

Demnach berichteten 24 Prozent der 600 Umfrageteilnehmer sie litten unter Depressionen und 12 Prozent stellten bei sich Burn-out-Symptome fest. Immerhin neun Prozent gaben an, sowohl unter Burn-out als auch unter Depressionen zu leiden. Allerdings schränkte die große Mehrheit (94 Prozent) ein, ihre Symptome seien nicht „klinisch manifest“. Mit 56 Prozent nannte knapp mehr als die Hälfte der befragten Ärzte keinerlei Symptome der Krankheiten an sich wahrzunehmen.

Fast die Hälfte der Ärzte (48 Prozent) machen den Job für die Symptome verantwortlich. Gefragt nach den Ursachen nannten jeweils knapp 50 Prozent die Belastung durch Verwaltungsaufgaben und zu hohes Arbeitspensum. Mehr als ein Drittel der Ärzte mit Krankheitssymptomen klagte über mangelnde Anerkennung des sozialen Umfelds, rund ein Viertel über unzureichende Vergütung.

Patienten und Mitarbeiter als Blitzableiter

Depressive Stimmungen lassen die Ärzte in erster Linie an Mitarbeitern aus (46 Prozent), sagen sie. Aber auch Patienten bekommen ihren Teil ab. So gab ein Viertel der Ärzte an, sie seien unfreundlich zu Patienten, weniger engagiert (23 Prozent) oder machten unnötige Fehler (13 Prozent).

Invalide Methodik…

Valide sind die Ergebnisse der Umfrage allerdings nicht: Sie stützen sich einerseits allein auf die introspektive Einschätzung seitens der Ärzte. Andererseits lässt sie aus, die Krankheitsbilder in einem theoretischen Fundament abzustützen. So leiteten die Autoren aus Angaben, dass sich Ärzte „down“ oder „traurig“ fühlen, schlicht eine Depression ab. Burn-out verbanden sie mit Angaben wie „gereizt sein“, „schlecht schlafen“, „sich erschöpft fühlen“ oder „Zynismus im Job“. Für sich allein genommen bietet die Studie daher wenig valide Einsichten.

aber indikative Ergebnisse

Erhellender werden die Innenansichten der Ärzte, wenn sie im Kontext einer repräsentativen Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) betrachtet werden. So kam die Baua in ihrer 2018 durchgeführten Studie „Arbeits- und individuumsbezogene Determinanten für die Vulnerabilität gegenüber Burn-out und Depressionen“, an der 4.058 Berufstätige teilgenommen haben, zu Befunden, die die subjektive Wahrnehmung der Ärzte erklären kann.

Die Studie untersuchte den Zusammenhang von psycho-sozialen (hohe quantitative und kognitive Anforderungen) und arbeitsplatzbezogenen (Entscheidungsspielraum, Führungsqualität, Entwicklungs- und Einflussmöglichkeiten, Rollenklarheit, kollegiale Unterstützung) Faktoren auf die Entwicklung von Depression und Burn-out.

Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Burn-out ebenso wie Depressions-Symptome signifikant mit einem subjektiv als hoch eingeschätzten Arbeitspensum korrelieren. Im Hinblick auf Burn-out seien die quantitativen Anforderungen der mit Abstand stärkste Prädiktor, so Prof. Peter Martus, Co-Autor der Studie und Leiter des Universitätsklinikums Tübingen. Das gelte etwas vermindert auch für kognitive Anforderungen.

Positiv wirke dagegen ein großer Einfluss am Arbeitsplatz, Arbeitsplatzsicherheit sowie die Wahrnehmung der eigenen Selbstwirksamkeit, so Martus. Alle drei Faktoren übten ebenso protektiven Einfluss aus, wie eine hohe Aussicht auf Entwicklung und die Unterstützung durch Mitarbeiter und Kollegen.

Protektive Faktoren federn negative Effekte ab

Die Ergebnisse der „Medscape“-Umfrage legen den Schluss nahe, dass die Bedingungen des Arztberufes viele Ärzte krank machen. Unbestreitbar tragen Ärzte viel Verantwortung. Patienten können nicht einfach in die Ablage verschoben werden, das Arbeitsaufkommen in deutschen Praxen ist daher konstant hoch. Zugleich verlangt die komplexe Regulierung des Gesundheitswesens, dass Ärzte viele Ziele und Aufgaben zugleich inkludieren müssen: Zu ärztlichen Entscheidungen bei Diagnose und Behandlung kommen Fragen zu Recht und Abrechnung sowie Praxisorganisation und Mitarbeiterführung. Der Arbeitsaufwand liegt daher ebenfalls auf hohem Niveau. Dass knapp jeder siebte Befragte Burn-out-Syndrome an sich wahrnimmt, ist unter dieser Prämisse leicht verständlich. Weniger klar wird, warum sie trotzdem die Intensität der Symptome als „schwach“ einschätzen.

Eine Erklärung dafür ist nach den Befunden der Baua-Studie, dass Ärzte im Allgemeinen einen hohen Grad an Selbstwirksamkeit besitzen, die medizinischen Effekte ihres Wirkens sind gut sichtbar. Sie erhalten meist direktes (positives) Feedback von ihren Patienten. Gleichzeitig haben sie – im Idealfall – Kollegen und/oder Mitarbeiter, die sie unterstützen und verfügen über eine durch die Bedarfsplanung abgesicherte Marktstellung. Ihr Arbeitsplatz ist daher – auch dank der stetigen Nachfrage nach medizinischen Leistungen – gut abgesichert. Dass nur knapp sechs Prozent „Medscape“-Befragten die Auswirkungen von Burn-out und Depression als drastisch wahrnehmen, kann sich also aus den vielen protektiv wirkenden Faktoren erklären, die der Berufsstand Arzt mit sich bringt.

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