EvaluationHZV punktet gegenüber der Regelversorgung

In Baden-Württemberg feiert die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) ihren zehnten Geburtstag. Die wissenschaftliche Langzeit-Evaluation belegt: Versicherte im Hausarztprogramm sind besser versorgt, und erstmals zeigen sich sogar Hinweise auf Überlebensvorteile.

In Baden-Württemberg feiert die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) ihren zehnten Geburtstag. Die wissenschaftliche Langzeit-Evaluation belegt: Versicherte im Hausarztprogramm sind besser versorgt, und erstmals zeigen sich sogar Hinweise auf Überlebensvorteile.
Begleiten die HZV seit Tag eins (v. l.): Dr. Norbert Smetak, Dr. Christopher Hermann, Prof. Ferdinand Gerlach, Prof. Joachim Szecsenyi, Dr. Berthold Dietsche. © Jens Schicke

Weniger schwere Komplikationen bei Diabetes-Patienten, weniger Krankenhaustage bei Versicherten mit Koronarer Herzerkrankung (KHK), weniger unkoordinierte Facharztkontakte: Versicherte, die an der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) teilnehmen, werden besser versorgt als jene, die nicht an Hausarztprogrammen teilnehmen. Das zeigt die umfassende Evaluierung über eine Dekade hinweg, deren Ergebnisse Anfang Oktober zum zehnjährigen Bestehen der HZV in Baden-Württemberg vorgestellt wurden.

Verträge bundesweit verankert

Der Vertrag von Hausärzteverband, AOK und Medi Baden-Württemberg gilt als der bundesweite Vorreiter der HZV. An dem Programm im Südwesten nehmen mittlerweile fast 5.000 Haus- und Kinderärzte sowie – in einer regionalen Besonderheit der Facharztvernetzung – 2.500 Fachärzte und Psychotherapeuten teil.

Neben Baden-Württemberg und Bayern sind die Hausarztverträge inzwischen aber auch in den meisten anderen Bundesländern fest verankert. In Nordrhein-Westfalen etwa erwartet man im Verlauf des kommenden Jahres den 1.000.000 Patienten, der sich in die Verträge einschreibt. Bundesweit rechnet der Deutsche Hausärzteverband im Frühjahr 2019 mit fünf Millionen eingeschriebenen Patienten („Der Hausarzt“ 17); 1,6 Millionen Menschen nehmen heute bereits in Baden-Württemberg teil.

Für die Evaluationsteams sei besonders „beeindruckend“ gewesen, dass die Versorgungsvorteile der HZV-Patienten von Jahr zu Jahr deutlich erkennbarer wurden, betonte Prof. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uni Frankfurt, bei der Vorstellung der Evaluationsergebnisse in Berlin.

HZV-Patienten seien insgesamt älter und häufiger von chronischen Krankheiten und Polypharmazie betroffen als Nicht-HZV-Patienten, so Gerlach. So sind auch 60 Prozent der 1,6 Millionen eingeschriebenen Versicherten im „Ländle“ chronisch krank.

Für die Evaluation wurden ähnlich definierte Kontrollgruppen betrachtet. Gerade bei chronisch kranken Patienten zeigten sich im Vergleich bedeutende Vorteile: „Unsere Analysen zeigen sehr deutlich, dass bei HZV-Patienten mit Diabetes mellitus deutlich weniger und zeitlich später schwerwiegende diabetesbedingte Komplikationen auftreten“, erklärte Gerlach.

So hätten die Modellrechnungen für den Beobachtungszeitraum von sechs Jahren (2011-2016) ergeben, dass rund 4.000 schwerwiegende Komplikationen – Amputation, Dialyse, Erblindung, Herzinfarkt und Schlaganfall – in der HZV-Gruppe (119.000 Diabetiker) vermieden wurden (s. Abb. 1).

Bei 89.000 Patienten über 65 Jahre zählten die Forscher zudem rund 5.400 weniger riskante Arzneimittelverordnungen – sogenannte potenziell inadäquate Medikationen (PIM) – pro Jahr.

Ein neues Untersuchungsergebnis, das über bisher beobachtete Versorgungsvorteile hinausgeht: Auch das Sterberisiko ist der Evaluation zufolge geringer als in der Regelversorgung. Im Zeitraum von 2012 bis 2016 seien nach einem statistischen Überlebenszeitmodell 1.700 Todesfälle vermieden worden – allerdings seien in dem Modell nicht alle Einflussfaktoren für das Überleben von Patienten erfasst.

Arzt kann „Hamsterrad“ stoppen

Auch für den Hausarzt selbst ergeben sich durch die Teilnahme an der HZV bedeutende Vorteile, betonte Dr. Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg. Dazu zähle eine leistungsgerechte Honorierung ohne Budgetierung, eine vereinfachte Abrechnung sowie das dadurch mögliche Stoppen des gefühlten „Hamsterrads“ des Praxisalltags, das viele Kollegen spürten.

Darüber hinaus sei die HZV-Teilnahme ein entscheidender Vorteil bei der Nachfolgeplanung: „Praxen mit einem hohen Anteil an HZV-Patienten steigern ihren Wert und sind grundsätzlich attraktiver für den Ärztenachwuchs“, so Dietsche (S. 26f).

Doch nicht nur für Patienten und Hausärzte, auch für das Gesundheitssystem im Ganzen ergeben sich bedeutende Vorteile: Laut den Forschungsergebnissen der Universitäten Frankfurt und Heidelberg entfallen pro Jahr 1,2 Millionen unkoordinierte Facharztkontakte (s. Abb. 2).

„Am Beispiel der unkoordinierten Facharztkontakte zeigt sich die Relevanz der HZV besonders“, bilanzierte Prof. Joachim Szecsenyi, Direktor der Heidelberger Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung. „Während nach dem Wegfall der Praxisgebühr 2013 die Zahl der unkoordinierten Facharztkontakte in der Regelversorgung sprunghaft anstiegen, verringerten sich in der HZV diese unkoordinierten Facharztkontakte im Zeitverlauf.“

Neben anderen Faktoren wie einer verbesserten Arzneimittelversorgung oder vermiedenen Krankenhaustagen – allein bei rund 166.000 Herzpatienten 46.000 Tage weniger pro Jahr – führe die HZV auch aufgrund dieser verhinderten Facharztkontakte zu einer deutlichen Kostensenkung im System: Trotz eines bedeutenden Honorarplus für Hausärzte sowie der deutlichen Investition in die ambulante Versorgung ergeben sich im HZV-System eine Kostenersparnis von 8,2 Prozent gegenüber der Regelversorgung, so Szecsenyi.

Regelversorgung ist teurer

Für Unverständnis sorgte bei den Vertragspartnern bei der Vorstellung der Evaluationsergebnisse daher auch die Tatsache, dass die Gesundheitspolitik die Erfolge der HZV nicht bereits stärker wahrgenommen hat.

„Die Politik hat sich seit Jahren fest in immer mehr Klein-Klein eingerichtet und greift mit Gesetzen und Vorgaben wie jetzt wieder mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) noch tiefer in die Regulierungskiste“, kritisierte Dr. Christopher Hermann, Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg.

Seine Kasse hätte 2017 618 Millionen Euro in die alternative Regelversorgung investiert – „hervorragend angelegtes Geld“, so Hermann. In der Regelversorgung seien im gleichen Zeitraum 50 Millionen Euro mehr ausgegeben worden, bei nachweisbar schlechterer Versorgung der Versicherten.

Für Dr. Norbert Smetak, Vize-Vorsitzender von Medi Baden-Württemberg, sollten sich andere Regionen und Kassen vor allem an den Facharztverträgen nach baden-württembergischen Vorbild orientieren. Dies erübrige auch den unnötigen Vorstoß des TSVG, die Terminservicestellen auszubauen. „Das leben wir heute bereits konkret“, betonte er.

Dabei plädierte er für eine finanzielle gesetzliche Förderung solcher Verträge. Seit einem Jahr laufende Gespräche zwischen Medi und dem Bundesgesundheitsministerium seien bislang jedoch ohne Erfolg geblieben.

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