Forum Politik“Wer Hausarzt werden will, soll dazu stehen können”

Sie sind die Hausärzte der Zukunft. Was treibt die junge Generation um? Warum fordern sie ein Primärarztsystem? Warum ist Hausarzt sein attraktiv? Das verraten Dr. Hannah Haumann und Dr. Marco Roos von der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADE) im Interview.

Sie sind die Hausärzte der Zukunft. Was treibt die junge Generation um? Warum fordern sie ein Primärarztsystem? Warum ist Hausarzt sein attraktiv? Das verraten Dr. Hannah Haumann und Dr. Marco Roos von der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADE) im Interview.
Serie Nachwuchssicherung©

Jeder redet über die Generation Y, wenige mit ihr. Ticken die jungen Allgemeinmediziner wirklich anders als die älteren?

Dr. Hannah Haumann: Es gibt einen Kulturwandel, es wächst generell eine neue Generation von Ärzten heran. Das hat spezielle Implikationen für die Allgemeinmedizin: Im Vordergrund stehen Arbeiten im Team, Vereinbarkeit von Beruf und Familie/Freizeit, geregelte Arbeitszeiten. In den letzten Jahren habe ich hier eine Aufbruchstimmung gespürt, die diese Veränderungen auch wahrnimmt.

Dr. Marco Roos: Das wird gerne zugespitzt: Liegt das nur daran, dass der Anteil der Ärztinnen zunimmt? Da möchte ich gegensteuern. In der jungen Generation geht es Männern genauso wie Frauen darum, dass sie einen Ausgleich zwischen Arbeit und Privatleben haben. Auch junge männliche Kollegen fühlen sich verantwortlich für ihre Familien. Das frühere Bild vom Arzt als Brötchenverdiener, der von seiner Frau oft in der Praxis unterstützt wurde, hat sich gewandelt hin zu Familien, in denen beide Partner gleichwertige Berufe ausüben und beide verantwortlich für Beruf wie Familie sind. Deswegen muss es zu anderen Arbeitsmodellen kommen. Das heißt nicht, dass es die Einzelpraxis nicht mehr geben wird, aber die Diversität wird zunehmen. Die Mehrheit wird im Team arbeiten oder mehrere Ärzte werden sich in Teilzeit eine Praxis teilen.

Wo stehen wir bei diesen Themen?

Roos: Sowohl das Arbeiten im Team in Zentren mit zwei bis drei Ärzten aber auch anderen Gesundheitsberufen sind der Favorit. Für viele steht dabei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Fokus. Das heißt nicht zwingend nur Teilzeit. Wir brauchen Flexibilität für die einzelnen Lebensphasen. Viele lassen sich die ersten zwei Jahre anstellen – teils in Teilzeit – und springen dann erst in die Selbstständigkeit, meistens in Kooperation.

Haumann: Gerade in der Allgemeinmedizin sind die Wünsche der jungen Ärzte sehr gut zu realisieren. Das ist ein Attraktivitätsmerkmal. Die meisten schätzen es, dass sie sehr flexibel arbeiten können, anders als in der Klinik.

Die Weiterbildung dauert aber oft länger als vorgesehen.

Roos: Die Weiterbildung ist mit fünf Jahren angelegt, im Schnitt dauert sie eher acht. Das liegt sicher daran, dass oft in diese Zeit die Familiengründung fällt. Der Trend geht aber in eine andere Richtung! Seit Einführung der Verbundweiterbildungen verkürzt sich die Zeit – auch für Familien. Wir haben es geschafft, dass kontinuierliche Rotationen die Zeiten von Arbeitsplatzwechsel, Auszeiten oder Arbeitslosigkeit minimieren. Zudem bekommen immer mehr Mediziner Kinder während des Studiums.

Haumann: Das betrifft nicht nur die Allgemeinmedizin – auch bei einer rein stationären Weiterbildung gibt es immer wieder „Lücken“. In der Allgemeinmedizin ist es sehr länderspezifisch, wie viele Rotationen vorgeschrieben sind. Man kann teils auch die ganze ambulante Weiterbildung in einer Praxis absolvieren. Die Karrierewege sind individuell. Generell bietet die ambulante Weiterbildung in der Allgemeinmedizin größere Flexibilität als in der Klinik.

Roos: Das kann ich unterstützen. Wenn ich an die Gründerzeit der JADE zurückdenke, war das ein Grund, warum unser Netzwerk entstanden ist. Die Lücken sind meist nicht in der ambulanten, sondern der stationären Phase entstanden, weil man nicht offen sagen konnte: „Ich will Allgemeinmediziner werden.“ Man musste im Bewerbungsgespräch ein anderes Ziel vorgeben, damit man die Stelle bekam. Mit der Folge, dass die Abteilungen langfristig planten und man so länger brauchte, weil man noch nicht alle Inhalte behandelt hatte. Auch eine Kündigung und der Stellenwechsel waren schwer, weil es sich verbreitete, dass man Allgemeinmediziner werden will. Verbünde tragen jetzt dazu bei, diese Fehlzeiten zu minimieren.

Haumann: Hier hat sich viel verbessert, allein die Transparenz ist heute größer. Jetzt ist von Anfang an klar: „Ich werde Allgemeinmediziner“ – und dazu kann ich stehen. Die Weiterbilder können dann darauf eingehen, dass der angehende Allgemeinmediziner teils andere Inhalte lernen muss als die, die Innere Medizin oder Chirurgie gewählt haben. Dadurch hat die Allgemeinmedizin enorm an Attraktivität gewonnen.

Die JADE vertritt junge Ärzte. Wie werden Sie von der „alt eingesessenen“ Selbstverwaltung gehört?

Roos: Auf verschiedenen Wegen. In den ersten Jahren haben wir die Öffentlichkeit gesucht, um bekannt zu werden. Wir wollen uns aber auch konstruktiv in Gremien einbringen. Einige Mitglieder sind in Kammern und Kassenärztlichen Vereinigungen aktiv. Ein tolles Beispiel gibt es in Bayern mit der KoStA: Hier diskutieren Hausärzteverband, KVB, Kammer, Krankenhausgesellschaft und JADE an einem Tisch.

Haumann: Daneben besteht grundsätzlich Interesse an unserer Stimme – auch bei Verbänden und Fachgesellschaften. Denn natürlich kann die künftige Versorgung nicht ohne die nachkommende Ärztegeneration gestaltet werden. Mit dem Forum Weiterbildung des Deutschen Hausärzteverbandes besteht eine enge Verbindung, da dort auch einige JADE-Mitglieder mitwirken.

Nicht jeder kennt die JADE. Wäre sie eine Person, wie würden Sie ihren Charakter beschreiben?

Roos: Die JADE ist weiblich.

Haumann: Sie ist bunt. Auch Studierende dürfen Mitglied werden. Wir decken also eine große Altersspanne ab. Unsere Mitglieder haben verschiedene Interessen. Manche engagieren sich stärker in der Berufspolitik, andere in der Weiterbildung oder Fragen der Niederlassung. Wir bieten eine große Meinungsvielfalt.

Roos: Wir sind motiviert, die zukünftigen Hausärzte zu sein. Auch wenn wir intern teils heftig diskutieren, für uns ist es keine Frage: Wir nehmen den Auftrag an, die Zukunft der Allgemeinmedizin zu sein und die Bevölkerung in Zukunft hausärztlich zu versorgen.

Haumann: Sie ist offen für alle, die sich interessieren.

Roos: Sie ist auch praktikabel. Oft können wir die Besitzstandswahrung und schwierigen Verhandlungen nicht verstehen, weil es für uns eigentlich nur ein Ziel gibt: Den Beruf des Hausarztes attraktiver zu machen und zu unterstützen, dass wir den Mangel an Hausärzten beheben können.

Welche Themen liegen Ihnen am Herzen?

Haumann: Aktuell die Förderung der ambulanten Weiterbildung, die nun mit dem Versorgungsstärkungsgesetz nochmal aufgestockt wird.

Roos: Die Grundzüge des Gesetzes begrüßen wir. Wir hoffen aber, dass das jetzt auch in den Praxen ankommt und nicht bürokratische Hürden aufgebaut werden. Um die Engpässe bei den Förderstellen zu beheben, muss das Verfahren transparent und einfach sein. Denn nach wie vor ist das der zentrale Punkt, der entscheidet, welche Weiterbildung angehende Ärzte wählen. In den nächsten Jahren wird uns die inhaltliche Entwicklung der Weiterbildung beschäftigen. Hierzu bringen wir uns über die DEGAM in die Formulierung der neuen Musterweiterbildungsordnung ein. Wir wollen aber auch Weiterbilder unterstützen, da einige nicht wissen, was sie uns vermitteln sollen. Zudem bringen wir uns inhaltlich in Verbundweiterbildungen ein.

Haumann: Immer mehr Bedeutung gewinnt der Übergang von der Weiterbildung in die Niederlassung oder Anstellung. Dazu werden wir Vorschläge erarbeiten, wie der Übergang gut gestaltet werden kann.

Roos: Über allem steht, dass auch wir nach außen tragen wollen, dass das Image der Allgemeinmedizin sich verändert. Es ist für viele junge Kollegen attraktiv. Und wir möchten ein jüngeres Bild der Allgemeinmedizin transportieren.

Haumann: Wir wollen zeigen, was wir leisten können und wie wir uns die Allgemeinmedizin der Zukunft vorstellen.

Was bekommen Sie aus dem Netzwerk mit, warum wählen die meisten Allgemeinmedizin?

Roos: 2010 und vor kurzem wieder haben wir unsere Mitglieder befragt. In den Top 3 war beide Male, die Herausforderung und Freude an der Vielseitigkeit des Fachs. Dann die Langzeitbetreuung von Patienten über Jahre hinweg. Und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Was war für Sie ausschlaggebend?

Roos: Ich wollte schon Hausarzt werden, als ich mit dem Studium begonnen habe. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr genau, warum. Vielleicht, weil es anders war als alle anderen (lacht). Während des Studiums kam ich mit vielen interessanten Fächern in Kontakt. Ich fand alles spannend, aber nach vier bis sechs Monaten erschöpfte es sich. Das hat meinen Hang zur Allgemeinmedizin verstärkt. Jetzt am Ende meiner Weiterbildung macht es mir noch mehr Spaß, auch weil ich die Primärmedizin lieben gelernt habe. Der Reiz: Was machen wir ambulant anders als in der Klinik? Was macht uns stark? Wie können wir mit Unsicherheit umgehen? Wie können wir mit einer guten Diagnostik schnell Dinge ausschließen? Das finde ich unglaublich spannend!

Haumann: Mich hat auch vieles interessiert. Es war schnell klar, dass es kein operatives Fach wird. Im PJ hab ich mich erst der Neurologie gewidmet. Den Einstieg habe ich über die Innere Medizin gefunden. Irgendwann merkte ich, ich will nicht in ein Fach gedrängt werden – so die Subspezialisierung der Subspezialisierung. Dann hab ich mich an meine beiden längeren Famulaturen erinnert und meinen Kontakt zu einem Primärarzt in Skandinavien. Ich bin in der Mitte der Weiterbildung und überzeugt von der Allgemeinmedizin. Von der Vielseitigkeit und der Herausforderung, mit einfachen Mitteln viel zu erreichen. Es gefällt mir, nicht nur kranke, sondern auch gesunde Patienten zu beraten und ein Begleiter in gesundheitlichen Fragen für sie zu werden.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was sich verbessern sollte, was wäre das?

Roos: Die Anforderungen in der Weiterbildung sollten sich loslösen vom Abhaken zahl- oder volumenbasierter Prozeduren hin zu einem Verständnis, dass wir als Hausärzte Kompetenzen brauchen. Die Kompetenzen sollten aufgeführt sein und man sollte sie über fünf Jahre hinweg entwickeln können. So würden sich Weiterbildung und späteres Arbeitsfeld vielmehr als momentan gleichen. Das würde mich schon ziemlich glücklich machen (lacht).

Haumann: Ich finde, jedem sollte es möglich sein, an einem Weiterbildungsverbund teilzunehmen. Darüber sollte einem ein Mentor zur Seite stehen, der nicht der Weiterbilder ist. Der Mentor sollte dann die Kompetenzen im Blick haben und prüfen, was kann der Arzt in Weiterbildung schon, wo muss noch mehr gelernt werden? Und ich wünsche mir, dass jeder, der Lust auf Hausarztmedizin hat, von Anfang an dazu stehen kann!

Roos: Und das wäre der letzte Wunsch: Aufgrund unserer Auslandserfahrungen wünschen wir uns für Deutschland ein Primärarztsystem. Die Hausarztverträge sind ein wichtiger erster Schritt. Sie gewährleisten bereits die bessere Vergütung für Hausärzte und den geregelten Erstkontakt. Darüber hinaus geht es im Primärarztsystem aber um ein grundlegend anderes Verständnis von Medizin. Hausärzte sollten die erste Anlaufstelle sein und mit Patienten gemeinsam den Weg durchs Gesundheitssystem steuern. Es sollte kein Konkurrenzkampf zwischen Generalist und Spezialist herrschen um die Frage: Wem gehört der Patient? Vielmehr sollte gemeinsam im interprofessionellen Team unter Koordination des Hausarztes entschieden werden, wie Patienten am besten versorgt werden. Das heißt, nicht höher, schneller, weiter, mehr Technik – sondern auch: was braucht es nicht, auch wenn es möglich wäre! Ob Niederlande, Dänemark oder andere Länder mit Primärarztsystem, die Hausarztmedizin ist dort ein starkes Fach. Und Hausarzt bei Studierenden der beliebteste Beruf. Das liegt einfach am Stellenwert im Gesundheitssystem.

Haumann: Es entsteht ein stärkeres Identifikationsmoment. Wir müssen weg vom Einzelkämpfer hin zu „Es gibt viele, die das auch gut finden“.

JADE

Die JADE ist ein Netzwerk von 1.000 Ärzten in Weiterbildung und Fachärzten für Allgemeinmedizin (bis fünf Jahre nach Facharztprüfung). Sie wurde 2008 gegründet – auch inspiriert durch Erfahrungen mit der Situation junger Allgemeinmediziner in anderen europäischen Ländern. Sie möchte die Weiterbildungs-, Arbeits- und Forschungsbedingungen junger Allgemeinmediziner in Deutschland verbessern. Für die in fast allen Bundesländern bestehenden Regionalgruppen von Ärzten in Weiterbildung und jungen Fachärzten für Allgemeinmedizin stellt sie ein Bindeglied da. Anmeldung für und Teilnahme am Online-Forum: www.jungeallgemeinmedizin.de

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