Unterversorgung trotz Überstunden „Besorgniserregende Situation“

Eine neue Studie zeichnet ein schlechtes Bild der Hebammenversorgung in Deutschlands bevölkerungsreichstem Land. Die Mehrheit der Hebammen beklagt die Situation. Politik und Mütter sind dagegen relativ zufrieden mit der Versorgung.

Eine neue Studie zeichnet ein schlechtes Bild der Hebammenversorgung in Deutschlands bevölkerungsreichstem Land. Die Mehrheit der Hebammen beklagt die Situation. Politik und Mütter sind dagegen relativ zufrieden mit der Versorgung.
© Thomas Reimerstock.adobe.com

Bochum. Kliniken, die Frauen in den Wehen abweisen müssen und regelmässig Hebammen, die sich gezwungen sehen, Alarm zu schlagen: Eine landesweite Untersuchung zur Hebammenversorgung in NRW zeigt Missstände auf. Prof. Nicola Bauer, Leiterin des Studienbereichs Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, konstatiert angesichts der Ergebnisse eine „besorgniserregenden Situation“.

So berichtete knapp ein Viertel der Hebammen an, ihr Kreißsaal habe aus Personal- oder Platzmangel mangel in den vergangenen vier Wochen vorrübergehend geschlossen werden müssen. Gut 13 Prozent der Mütter gaben an, mit der Betreuung vor der Geburt nicht zufrieden gewesen zu sein. Sie hätten sich eine intensivere Betreuung gewünscht.  Insgesamt bewerteten von zehn Befragten aber annähernd acht die Betreuung als zufriedenstellend.

Gute Betreuung minimiert Risiken – und Folgekosten

Auch bei Schwangeren- und Wochenbettbetreuung offenbart die Befragung Engpässe: Im Schnitt mussten Schwangere vier Hebammen kontaktieren, um eine Betreuung für das Wochenbett sicherzustellen. „Vor allem müssen Schwangere frühzeitig daran denken: Fast jede zweite Hebamme gibt an, für die nächsten sechs Monate ausgebucht zu sein“, sagt Bauer. „Eine Hebamme, die in der Wochenbettzeit nach Hause kommt, ist keineswegs nur ein Wellness-Faktor, sondern eine Kassenleistung.“

Prof. Bauer betonte die hohe Relevanz einer „gut betreuten Geburt“. Sie sei eine wichtige Weichenstellung für die Gesundheit des Kindes und der Mutter, so Bauer. Folgerisiken einer mangelhaften Geburtsbetreuung wie Kaiserschnitte oder traumatisierende Geburtsverläufe könnte die Fürsorgeleistung von Hebammen im Vorfeld minimieren.

Die Situation im Land sei aber eine andere. „Bis zu einer an den Bedürfnissen der Familie orientierten Geburtshilfe ist es noch ein weiter Weg“, kritisiert auch Katharina Desery, Sprecherin der Elterninitiative Mother Hood. Derzeit sorgten übervolle Geburtsstationen und Hebammen, die zu wenig Zeit haben, für enormen Stress, der den Geburtsverlauf hemmen und eine Spirale unnötiger medizinischer Eingriffe in Gang setzen könne, kritisiert Desery.

Keine bedarfsgerechte Versorgung

Die Studie legt außerdem eine sehr hohe Arbeitsbelastung vieler Hebammen in den Kliniken offen, betont Bauer: Mit 43 Prozent gab fast die Hälfte aller im Krankenhaus tätigen Geburtshelferinnen an, in den vergangenen vier Wochen per sogenannter „Gefahrenanzeige“ Alarm über die Zustände geschlagen zu haben. Nur wenige der angestellten Hebammen haben keine Überstunden und jede zweite gibt an, einmal oder mehrmals die Woche angefragt zu werden, ob sie einspringen könne. „Die Hebammen arbeiten, was sie können und können trotzdem nicht den Bedarf erfüllen“, sagt Bauer.

Auch der Hebammenverband NRW kritisiert die Situation: „Die hohe Arbeitsbelastung von Hebammen ist ja nicht kein Privatproblem der Kolleginnen. Das hat konkrete Auswirkungen auf die Frauen und Kinder, wenn kommunikative und psychosoziale Aspekte der Betreuung einfach zu kurz kommen“, betonte Daniela Erdmann, Vizevorsitzende des Berufsverbandes.

Weniger Hebammennachwuchs

Viele erfahrene Kräfte kehrten den Kreißsälen daher den Rücken, weiß Bauer. Die Folge sei sich verstärkender Fachkräftemangel. „Wir müssen darüber nachdenken, wie im Hebammenberuf – auch angesichts von einem Durchschnittsalter von über 40 Jahren – alternsgerechtes Arbeiten möglich ist, etwa mit neuen Schichtmodellen oder einer Rotation zwischen Geburtshilfe und Wochenbettstation“, sagte Bauer.

Bauer kritisiert zudem, dass es kein geordnetes Vorgehen für Frauen gebe, eine Hebamme zu finden. Im Gegenteil: „Häufig wissen Frauen nur von Freundinnen oder anderen informellen Quellen, was ihnen alles zusteht“, sagt Bauer. Das benachteilige Frauen bildungsferner und sozialbenachteiligter Schichten oder Migrantinnen mit mangelnden Deutschkenntnissen.

Gesundheitsminister zeigt sich zufrieden

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) betonte auf Anfrage der Deutschen Presseagentur (dpa) die gute Erreichbarkeit der Geburtskliniken: So hatte die Mütterbefragung gezeigt, dass die Stationen im Durchschnitt binnen 24 Minuten zu erreichen waren.

In Nordrhein-Westfalen liege man damit deutlich unter dem vorgegebenen Richtwert. Handlungsbedarf sieht der Minister dagegen bei der schwierigen Hebammensuche. Er wolle daher die Einrichtung einer digitalen Vermittlungsplattform für Hebammen unterstützen. Um zunehmender Belastung von Hebammen in Kliniken entgegenzuwirken, setzt Laumann unter anderem auf qualifizierten Nachwuchs durch genügend Studienkapazitäten.

Die Hochschule für Gesundheit hat Tausende Mütter und Hebammen zur Teilnahme aufgerufen. Antworten von 1783 Müttern sowie 1924 Hebammen flossen in die Untersuchung ein.

 

Quelle: dpa/lnw

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