Digitale Hausärzte-Delegiertenversammlung„Jetzt motivieren anstatt weiter Angst zu schüren“

Die Corona-Pandemie war zentrales Thema der Delegiertenversammlung des Deutschen Hausärzteverbands. In seinem Bericht zur Lage übte Bundesvorsitzender Ulrich Weigeldt harsche Kritik an der aktuellen Politik – und machte dabei vor kaum einem Bereich halt.

Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, bei der digitalen Delegiertenversammlung.

Berlin. In seinem Bericht zur Lage hat Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, massiv die Kommunikation der Politik in der Pandemie kritisiert. „Diese Angstkommunikation, die eine Katastrophe nach der anderen heraufbeschwört, macht auf Dauer entweder krank oder stumpft ab“, sagte Weigeldt am Freitag (16. April) zum Auftakt der digitalen Delegiertenversammlung seines Verbandes.

Man könne einem Marathonläufer, der nicht mehr kann, ja auch nicht zum Beenden der Strecke motivieren, indem man sage: „Wenn du noch langsamer wirst, schaffst du es nie!“, sondern viel eher mit: „Gleich hast du es geschafft, halte durch!“ anspornen. Der Bundesvorsitzende vermisst in diesen Zeiten positive Ziele und Motivation. Stattdessen schürten die Politiker weiter Ängste und Zweifel und das Land stolpere von einem Lockdown in den nächsten.

Prof. Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), pflichtete Weigeldt in seiner Kritik an der Krisenkommunikation bei. Lob hingegen hatte der DEGAM-Chef in einem sich an den Lagebericht anschließenden Redebeitrag an der guten Zusammenarbeit mit dem Hausärzteverband während der Pandemie.

Mehr Anerkennung für MFA gefordert

Hier äußerte Weigeldt auch seinen Dank gegenüber den Berufskolleginnen und -kollegen und forderte erneut einen Corona-Bonus für die Mitarbeitenden in den Hausarztpraxen, wie ihn die Krankenhausangestellten bekommen haben. „Ein bisschen mehr Anerkennung durch Politik und Gesellschaft wäre wünschenswert“, so Weigeldt. Die Dankbarkeit der Patienten sei jedoch überwältigend und gebe ein bestätigendes Gefühl, das über manchen Stress hinwegtröste.

Auch Dipl. Med. Ingrid Dänschel, Mitglied des Bundesvorstands, sieht hier die Notwendigkeit, noch einmal an die Politik heranzutreten: „Was unsere MFA leisten, findet in der Öffentlichkeit aktuell überhaupt keine Wertschätzung“, beobachtet sie.

„Alle zugelassenen Impfstoffe gehören in die Praxis“

Weigeldt lobte die Forscherinnen und Forscher für die rasche Entwicklung der Corona-Impfstoffe. „Dieser Elan wurde bei der Bestellung der Impfstoffe durch die Politik aber nicht fortgeführt“, so der Vorsitzende. Hausärzte könnten jetzt die Gamechanger in der Pandemie werden. Dafür bräuchten diese aber jeden zugelassenen Impfstofftyp in der Praxis.

Die Wichtigkeit einer ausreichenden und vor allem zuverlässigen Impfstofflieferung unterstrichen die rund 120 Delegierten auch in einer Reihe entsprechender Beschlüsse.

Es gebe keinen sachlich nachvollziehbaren Grund, Impfzentren gegenüber den Praxen zu privilegieren, unterstrich Weigeldt einmal mehr. Hausärzte schafften deutlich mehr, sogar mit begrenztem Impfstoff, das habe bereits die erste Woche Impfen in den Hausarztpraxen gezeigt. Vieles könnten die Impfzentren nicht leisten, zum Beispiel immobile Patienten in der eigenen Häuslichkeit zu impfen.

Gerangel um die Kanzlerkandidaten habe etwas „Skurriles“

„Im Herbst sind Bundestagswahlen. Das Gerangel um die Kanzlerkandidaten hat angesichts der Umfragezahlen schon etwas Skurriles. Statt klare Strategien zur Bewältigung der Pandemie vorzulegen, wird eine davon abgehobene Personaldebatte vorgeführt“, kritisierte Weigeldt.

Auch dass bevorzugt persönliche Freunde der Politiker geimpft würden, bezeichnete der Bundesvorsitzende als „ehrenrührig“.

Oliver Funken, Vorsitzender des Hausärzteverbands Nordrhein, sieht aufgrund des aktuellen Medieninteresses an Hausärztinnen und Hausärzten eine große Chance, die Weichen mit der Bundestagswahl entsprechend zu stellen. „Wir werden aktuell gehört“, ergänzte er im Anschluss an die von vielen Landesverbandschefs gelobte Rede von Weigeldt.

„Wo bleibt die Evidenz bei den Maßnahmen?“

Weiter bemängelte Weigeldt, dass hierzulande keine validen repräsentativen Stichproben oder Kohortenstudien durchgeführt würden. Erkenntnisse kämen lediglich aus England, Israel und den USA. „Hier begründeten die Politiker die Rücknahme von Einschränkungen für Geimpfte und Genesene mit der vagen Gefahr von dennoch möglichen Ansteckungen. Indem man immer wieder öffentlich die Impfeffekte anzweifelt, riskiert man den Impferfolg“, ermahnte Weigeldt.

In der anschließenden Aussprache setzte sich Dr. Jürgen de Laporte (LV Baden-Württemberg) in entsprechenden Anträgen und Wortbeiträgen für ein Mehr an Forschung ein. Es könne nicht sein, dass man auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie in vielen Bereichen im Dunklen tappe.

Eine Ausgangssperre scheine für die Politik alles zu sein, beobachtet hingegen Weigeldt. Diese sei jedoch nicht für alle gleich: es mache einen eklatanten Unterschied, ob man in einer Villa mit Garten lebe oder in einer Dreizimmerwohnung in der achten Etage.

„Es gibt nicht die eine Lösung“

„Niemand ist allein im Besitz der Wahrheit, niemand hat aktuell die eine Lösung, auch kein Virologe – die gibt es nicht“, so Weigeldt weiter. Er findet es erschreckend, dass es Gruppen gibt, die immer wieder behaupten, nur ihr Weg führe aus der Pandemie und die alle anderen Vorschläge und Ideen abtun, als kämen sie von Verschwörungstheoretikern. Diskussion und Gegenmeinung müssen für Weigeldt ganz klar möglich sein.

Der Bundesvorsitzende schloss seinen Lagebericht mit der Hoffnung, dass dies die letzte Tagung in digitaler Form sei und man sich zur Herbsttagung im September hoffentlich wieder persönlich sehen könne.

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