Unterschiede in der hausärztlichen VersorgungStadt, Land, Arzt

Behandlungsanlässe, Patientenzahlen – aber auch Verdienst und Praxisführung: Für Hausärzte ergeben sich je nach Ort der Niederlassung mitunter völlig unterschiedliche Herausforderungen. Ein Vergleich.

Behandlungsanlässe, Patientenzahlen – aber auch Verdienst und Praxisführung: Für Hausärzte ergeben sich je nach Ort der Niederlassung mitunter völlig unterschiedliche Herausforderungen. Ein Vergleich.
Die Versorgung in Städten wie Berlin stellt Hausärzte vor andere Herausforderungen als auf dem Land.© Getty Images/iStockphoto

Sitzt ihr ein Patient gegenüber, muss Dr. Jana Husemann nicht selten Überzeugungsarbeit leisten. „Unsere Patienten haben oft mehrere Ansprechpartner, kommen also auch mit der Meinung von Heilpraktikern oder Facharztkollegen zu uns“, erzählt die Hamburger Hausärztin. „Uns kostet es dann viel Zeit, sie von den Vorteilen eines Hausarztes als fester Ansprechpartner zu überzeugen.“ Die gute Versorgungssituation in der Stadt wird damit zur Herausforderung für ihr hausärztliches Handeln.

Nur 150 Kilometer weiter östlich sieht das ganz anders aus: Manja Dannenberg, gemeinsam mit Stefan Zutz in einer Landarztpraxis in Mecklenburg-Vorpommern niedergelassen, ist erste Ansprechpartnerin „für alles – und alle Altersgruppen“. Von Säuglingen bis ins hohe Alter betreue sie oft mehrere Generationen einer Familie. „Dadurch sind sehr intensive Beziehungen möglich“, erklärt Dannenberg. „Außerdem macht es vieles bei der Anamnese einfacher.“

Keine Frage: Ob sich Hausärzte in der Stadt oder auf dem Land niederlassen, beeinflusst ihr Handeln – und nicht zuletzt ihr Selbstverständnis – immens. Das zeigt auch eine qualitative Befragung von 63 Hausärzten durch das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE): Demnach sehen sich städtische Hausärzte selbst eher als „medizinische Dienstleister“, Landärzte vielmehr als medizinische Weggefährten. Auch charakterisieren sie sich deutlich häufiger als „Familienmediziner“ als Stadtkollegen [1].

Ärztehopping als größte Hürde

Dass langfristige persönliche Beziehungen in der Stadt mitunter schwer aufzubauen sind, bringen wohl die Versorgungsstrukturen mit sich. Hausärzte sind auch – oder gerade – in der Stadt gefordert, den Gesamtblick zu bewahren. „Das wird in der Stadt aber erschwert durch eine hohe Fluktuation, bedingt durch Ärztehopping, zahlreiche Fachärzte vor der Tür sowie häufige Umzüge der Patienten“, erklärt Dr. Sabine Gehrke-Beck von der Charité Berlin.

Vergangenes Jahr hat sie mit der Deutschen Stiftung für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DESAM) erstmals Studenten in einer Summerschool für die Herausforderungen der städtischen Hausarztmedizin sensibilisiert. „Aufgrund der häufig sozialen Komponente sind Hausärzte als Vernetzer zu anderen Angeboten, etwa der Stadt, des Bezirks oder Jugendamts, gefragt“, weiß Gehrke-Beck. „Aber der Überblick über die Angebote ist in der Stadt aufgrund der Fülle erschwert.“ Kommen Patienten aus anderen Stadtteilen, kennt der Hausarzt zudem die spezifischen Angebote in der Nähe des Wohnorts des Patienten nicht. Stadtärztin Husemann rät ihren Hamburger Patienten daher gezielt, sich einen Hausarzt im eigenen Kiez zu suchen.

114 Patienten mehr pro Quartal

Eine weitere UKE-Befragung unter insgesamt 65 norddeutschen Hausärzten und 145 Patienten zeigt, wie Hausärzte diese unterschiedlichen Versorgungsstrukturen wahrnehmen [2]. Während auch die Stadtärzte hierin deutlich von einer hohen Versorgungsdichte berichtet haben, die in einer starken Konkurrenz untereinander und häufig den Hausarzt wechselnden Patienten münde, gestalten sich die Gegebenheiten auf dem Land anders: Der Mangel an Hausärzten führe hier zu einer erhöhten Arbeitslast, klagten die in ländlichen Gebieten Tätigen in erster Linie.

Tatsächlich behandelt ein Landarzt im Schnitt 114 Patienten mehr im Quartal als ein Hausarzt in der Stadt, belegen Zahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) [3]. Dafür bleiben ihm im Jahr aber durchschnittlich 25.300 Euro mehr Einkommen. „Die Niederlassung auf dem Land muss für Hausärzte kein finanzieller Nachteil sein“, kommentiert Zi-Chef Dr. Dominik von Stillfried. Der Brutto-Jahresüberschuss vor Steuern und Abgaben lag 2015 für Landärzte laut Zi bei durchschnittlich 177.900 Euro und damit 16,6 Prozent höher als bei Kollegen in der Stadt. Analysiert wurden die Daten von 4.072 Praxen.

Andere Fachgebiete werden mitversorgt

Die hohe Arbeitslast speist sich wohl auch aus der Tatsache, dass Hausärzte gerade in ländlichen Gebieten teils die Versorgung anderer Fachrichtungen mit abdecken – allen voran der Pädiatrie („Der Hausarzt“14/19) sowie der Psychiatrie und Psychosomatik, berichtet Landärztin Dannenberg, die Kleinkinder und Säuglinge bereits ab der U2 zu ihren Patienten zählt. Ein Grund: Die Entfernung zu Facharztkollegen ist oft weit. „Wir machen keine U-Vorsorgen“, sagt hingegen Husemann für ihre Hamburger Praxis, wo die jüngsten Patienten sechs Jahre alt seien. „Der Pädiater ist um die Ecke. Wir haben damit zu wenige Fälle und könnten die nötige Qualität nicht leisten.“

Auch die Beratungsanlässe unterscheiden sich zumindest in Teilen. Drogenkonsum, Wohnungslosigkeit und sexuell übertragbare Infektionen spielen in der Stadt Erfahrungsberichten zufolge eine größere Rolle als auf dem Land, wo sich der Drogenkonsum eher auf Alkoholproblematiken beschränkt und Wohnunglosigkeit selten bis nie Thema ist.

„Stadt“ ist nicht gleich „Stadt“

Aber auch „Stadt“ ist nicht gleich „Stadt“: „In gut situierten Gegenden treten Patienten mit anderen Wünschen, etwa Osteopathie oder TCM, an Hausärzte heran“, erzählt Husemann, woraus sich eine weitere Herausforderung ergebe. Aufgrund dieser Patientenbedürfnisse seien in Städten viele Hausarztsitze besetzt, die dann aber keine volle hausärztliche Grundversorgung leisten, sondern sich beispielsweise auf Diabetologie oder Homöopathie konzentrieren, beobachtet Husemann. „Auf dem Papier existiert also keine Unterversorgung, aber die hausärztliche Arbeit bleibt an weniger Hausarzt-Köpfen hängen.“

Dass sich Patientenbedürfnisse unterscheiden, zeigt sich auch bei den Schlagworten Entfernung und Erreichbarkeit. Während es für viele Patienten auf dem Land üblich ist, längere Fahrtwege hinzunehmen, sei das in der Großstadt anders, erzählt Dr. Julia Born, die in einer großen Berliner Gemeinschaftspraxis angestellt arbeitet. „Meine Patienten schauen morgens auf dem Weg zur Arbeit in die Praxis, bitten um ein Rezept und holen es nach der Arbeit wieder ab.“ Der Großteil ihrer Patienten wohne im gleichen Viertel, nicht selten sei eine Apotheke in Laufnähe.

Diese Wettbewerbssituation spiegele sich auch in der Praxisorganisation und -führung wieder, weiß Born. „MFA sind unser höchstes Gut“, erklärt die Berlinerin. In der Großstadt sei die Konkurrenz durch Kliniken enorm, hier müssten Praxen bewusst gute Arbeitsbedingungen schaffen, um MFA zu halten. In ländlichen Regionen passiert das oft automatisch: In vielen Landarztpraxen sind die Mitarbeiterinnen, nicht selten qualifiziert zur Versorgungsassistenz in der Hausarztpraxis (VERAH®), unverzichtbar im Alltag. Die Delegation nicht-ärztlicher Leistungen entlastet Ärzte und macht die Anstellung attraktiver.

Natur versus „Alles ist möglich“

Dabei unterscheidet sich nicht nur der Arbeitsalltag, sondern auch das Privatleben je nach Wirkungsort. Viele Landärzte schätzen die Ruhe und Natur, die sie umgeben. Plus: Mieten und Grundstückspreise auf dem Land sind niedriger. Gleichwohl gibt es Herausforderungen: Kinderbetreuung, Einkaufsmöglichkeiten, Internetanbindung. Dass der Partner in abgelegenen Landstrichen keine Anstellung findet, ist für viele ein K.o.-Kriterium: Dem „Umfeld für die Familie“ hat in einer Studie der Uni Hannover jeder dritte Hausarzt die höchste Priorität bei der Standortwahl beigemessen [4].

Die Großstadt andererseits besticht durch eine Fülle an Möglichkeiten: Klinische oder ambulante Tätigkeit, Niederlassung oder Anstellung, Forschung und Lehre sind Optionen. Auch der Partner kann – ganz gleich, in welcher Branche – von dieser Fülle profitieren. Gleichzeitig sind Kitas, Schulen, Supermärkte und Freizeitmöglichkeiten jederzeit in greifbarer Nähe. Und: Der Alltag in der Stadt bietet Anonymität. Denn auch wenn die 24-Stunden-Bereitschaft auch auf dem Land der Vergangenheit angehört, werden Landärzte beim Brötchenkauf am Wochenende doch erkannt.

Hochindividuelle Entscheidung

Spätestens bei dieser Überlegung wird deutlich: Ob sich Hausärzte in der Stadt oder auf dem Land wohler fühlen, ist vor allem eine individuelle Abwägung. Künftig könnten dabei auch Mischformen verstärkt zu beobachten sein: Bis zu 50 Minuten pro Strecke würden junge Hausärzte täglich aus der Stadt hin in ländliche Regionen pendeln, zeigt eine Studie der Medizinischen Fakultät der Uni Leipzig [5]. Damit wäre die Frage nach Stadt oder Land für Ärzte kein „entweder – oder“ mehr.

Quellen

  1. DOI: 10.1186/s12875-017-0637-x
  2. hausarzt.link/VJYMM
  3. DOI: 10.1093/fampra/cmx083
  4. hausarzt.link/qGNdJ
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