PruritusJuckreiz als unerwünschte Wirkung auf Arzneimittel

Juckreiz der länger als sechs Wochen anhält, wird als chronischer Pruritus bezeichnet. Er hat meist eine dermatologische, internistische oder auch neurologische Erkrankung zur Ursache. Aber auch Medikamente können zu chronischem Juckreiz führen.

Pruritus ist charakterisiert als eine Empfindung, die den Wunsch zum Kratzen auslöst. Zur Häufigkeit des chronischen Pruritus in der Allgemeinbevölkerung existieren nur wenige valide Daten. Die Punktprävalenz des Juckreizes liegt bei 13,5 Prozent, die Lebenspraxisprävalenz bei 23 Prozent.

Medikamenten-induzierter Pruritus

Prinzipiell kann jedes Medikament Pruritus verursachen und sollte differenzialdia-gnostisch in Betracht gezogen werden. Starker Juckreiz durch Medikamente geht zumeist mit morbilliformen und urtikariellen Hauterscheinungen einher.

Auch ohne primäre Hauterscheinungen können manche Medikamente über verschiedene Mechanismen, auch mit Latenzzeit, Juckreiz auslösen [1]. In einer großen Studie mit 15.438 Patienten von M. Bigby und Kollegen, die Daten aus den Jahren 1975 bis 1982 einschloss, wurde bei 5 Prozent hospitalisierten Patienten Juckreiz als unerwünschte Arzneimittelwirkung ohne sichtbare Hauterscheinungen registriert [2].

Die Pathogenese des Arznei-induzierten Puritus ist unterschiedlich. Pruritus kann in Folge von Hautläsionen oder aber durch andere Mechanismen auftreten. Hier sind beispielhaft Lebererkrankungen durch Arzneimittel, Anreicherung des Arzneistoffes und seiner Metaboliten in der Haut und Phototoxizität zu nennen.

Im Hinblick auf Juckreiz am besten untersucht ist Hydroxyethylstärke (HES), unter dessen Therapie bei nahezu 100 Prozent der Patienten Pruritus auftritt. Auf Grund der abnehmenden Relevanz in der heutigen Praxis wird HES allerdings nicht näher betrachtet [3].

Nachfolgend eine Zusammenfassung der Arzneistoffgruppen, die am häufigsten (signifikant) mit chronischem Pruritus in Verbindung gebracht werden:

Antihypertonika: ACE-Hemmer können bei 1-15 Prozent der Patienten Juckreiz auslösen. Der Mechanismus läuft entweder über eine Erhöhung des Bradykininspiegels oder eine cholestatische Lebererkrankung.

Der zweite Mechanismus ist auch für Kalziumantagonisten beschrieben, die einen Juckreiz eben auch über ihre Nebenwirkung einer Hautschädigung zeigen können. Generell tritt der Juckreiz bei diesen Antihypertonika bei bis zu 2 Prozent der Behandelten auf.

Antidiabetika: Es gibt Fallberichte, dass Metformin Juckreiz auslösen kann. Signifikante Daten gibt es zu Sulfonylharnstoffen, bei denen dokumentiert ist, dass bis zu 5 Prozent der Patienten unter der Therapie an Puritus leiden.

Während bei Biguanidinen Leberschäden als Ursache in Frage kommen, ist der Mechanismus, über den Sulfonylharnstoffe Pruritus auslösen können, unbekannt.

Cholesterinsenker: Statine werden in jüngeren Publikationen nicht mehr als Auslöser von Juckreiz aufgeführt [4]. Vorher ging man von einer Nebenwirkungsrate bis zu 16 Prozent aus [3]. Die Fachinformationen von Fluvastatin und Pravastatin erwähnen Pruritus nicht. Simvastatin zeigt hiernach Juckreiz als seltenes Ereignis (0,01-0,1 Prozent), während es für Atorvastatin, Lovastatin und Rosuvastatin als gelegentlich (0,1-1 Prozent) beschrieben wird. Mechanismen sind nicht bekannt [5].

Antibiotika: Penicilline, vor allen Amoxicillin und Ampicillin, zählen zu den häufigsten Auslösern allergischer Reaktionen und Pruritus. Bis zu 20 Prozent der Patienten können während oder nach der Behandlung einen Juckreiz, auch in Folge einer Cholesterase, entwickeln. Cephalosporine zeigen diese unerwünschte Arzneimittelwirkung nur bis zu 2 Prozent [3].

Auch bei der Kombination von Trimethoprim und Sulfamethoxazol berichten bis zu 10 Prozent der Behandelten über Juckreiz, der meist als Folge einer Leber- oder Hauterkrankung auftritt [2].

Tetracycline, die bei bis zu 2 Prozent der Patienten Juckreiz auslösen, zeigen diese neben einer primären Lebererkrankung auch in Folge von Phototoxizität [4]. Diese wird auch bei Chinolonen beobachtet. Hier berichten bis zu 4 Prozent der Behandelten über Juckreiz [3] Für Metronidazol ist der Mechanismus, der Juckreiz auslösen kann, unbekannt.

Er kann bei bis zu 5 Prozent der Behandelten auftreten. Die Fachinformation stuft diese unerwünschte Wirkung aber nur als gelegentlich ein (0,1-1 Prozent) [6]. Erwähnt sei auch, dass Antimalariamittel, vor allem Chloroquin, Juckreiz in Folge einer gesteigerten Histaminausschüttung auslösen können.

Die Häufigkeit scheint auch genetisch bedingt zu sein und kann bei bis zu 70 Prozent der Behandelten auftreten [3].

Opioide sind in der Therapie von chronischen und akuten starken Schmerzen unersetzlich. Pruritus ist dabei eine häufige Nebenwirkung in der Opioidtherapie. Die Inzidenz hängt jedoch stark von der Applikationsart ab. Vor allem nach intrathekaler und epiduraler Gabe tritt Pruritus als unerwünschte Arzneimittelwirkung auf.

Aber auch 2-10 Prozent der oral therapierten Patienten klagen über die Nebenwirkung. Die Inzidenz steigt dabei mit der Dosis. Charakteristisch ist eine spontane Linderung nach Unterbrechung der Gabe. Somit ist es eine Form des akuten Pruritus. Genaue Mechanismen sind nicht bekannt.

Vieles weist aber darauf hin, dass der Juckreiz durch zentrale µ-Opioid-Rezeptoren vermittelt wird. Die hohe Dichte dieser Rezeptoren im spinalen Trigeminuskern erklärt den typischen Beginn des Reizes im Bereich der Augen und der Nase. Diskutiert wird außerdem eine Beteiligung von Serotonin- und Dopaminrezeptoren sowie Prostaglandinen [7].

Zytokine, Wachstumsfaktoren und monoklonale Antikörper: Vor allem der Kolonie-stimulierende Faktor führt häufig zu chronischem Pruritus. Die Ursache ist dabei gänzlich ungeklärt. Auch Interleukin-2 zeigt eine hohe Inzidenz. Dies ist auf den direkten prurigenen Effekt von IL-2 zurückzuführen [8].

Direkte orale Antikoagulanzien: Es gibt Fallberichte zu Edoxaban, Apixaban, Rivaroxaban und Dabigatran – somit zu allen bisher zugelassenen neuen Gerinnungshemmern. In einigen Fällen wurde eine Besserung nach Absetzen dokumentiert.

Die Meldungen beziehen sich auf Juckreiz bis zu begleitendem Exanthem, bzw. Ekzem. Die Fachinformationen erwähnen die unerwünschte Arzneimittelwirkung für Apixaban und Dabigatran als gelegentliche, für Edoxaban und Rivaroxaban als häufige Störwirkung [9].

Mögliche Interessenkonflikte: Die Autoren haben keine deklariert.

    Literatur

  1. T. Mettang: Pruritus bei nephrologischen und anderen nicht-dermatologischen Erkrankungen, Hessisches Ärzteblatt 7/8 S.473-478, 2018
  2. M. Bigby et. al.: Drug-induced cutaneous reactions. A report from Boston Collaborative Drug Surveillance Program on 15,438 consecutive inpatients, 1975 to 1982, Jama 256(24): 3358-63, 12/1986
  3. A. Reichel, S. Ständer, J.C. Szepietowski: Drug-induced Pruritus. A Review, Acta Dermato-Venereologica 89: 236-244, 2009
  4. K. Maleki, E. Weisshaar: Arzneimittelinduzierter Pruritus, Der Hautarzt, 65:436-442, 05/2014
  5. Fachinformationen zu Simvastatin, Fluvastatin, Pravastatin, Atorvastatin, Lovastatin und Rosuvastatin, Stand 12/2019
  6. Fachinformation zu Metronidazol, Stand 12/2019
  7. A. Ganesh, L.G. Maxwell: Pathophysiologie and Manangement of Opioid-induced Pruritus, Drugs vol. 67, Issue 16: 2323-2333, 11/2007
  8. A. Huang, B.H. Kaffenberger, A. Reich et. al.: Pruritus Associated with Commonly Prescribed Medications in a Tertiary Care Center, Medicines, 6(3), S. 84, 08/2019
  9. W.Becker-Büser et. al.: Juckreiz unter neuen oralen Antikoagulantien, arznei.telegramm, 4/20, S. 31, Berlin, 2020
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