SERIE Arzneimittel-CoachWarum Sie bei Ibuprofen an Ivan Klasnic denken sollten

Ein Ibuprofen-Rezept ist schnell mal ausgestellt. Doch jüngst kamen Patientengruppen hinzu, bei denen der Wirkstoff mit Vorsicht eingesetzt werden sollte.

Wirkung

Ibuprofen, ein “älterer” nicht-steroidaler Entzündungshemmer aus der Gruppe der Propionsäurederivate, hemmt sowohl die Zyklooxygenase-1 (COX-1, unter anderem wichtig für den Schutz der Magenschleimhaut) als auch die von Entzündungsprozessen induzierte COX-2. Die schmerzlindernde, fiebersenkende und entzündungshemmende Wirkung beruht wahrscheinlich in erster Linie auf der COX-2-Hemmung.

Pharmakokinetik: Substrat von CYP2C9, UGT2B7

Indikationen

Ibuprofen ist vor allem zur Behandlung von Schmerzen indiziert, die vom Bewegungsapparat ausgehen. Es ist ähnlich wirksam wie z.B. Diclofenac oder Naproxen und gilt als Referenzsubstanz, wenn andere Schmerzmittel geprüft werden. Sowohl bei Arthrosen wie bei rheumatoider Arthritis reduziert es Schmerzen und verbessert die Funktionsfähigkeit der Gelenke. Bei anderen rheumatischen Erkrankungen wie Spondylitis ankylosans (M. Bechterew), juveniler idiopathischer Arthritis, akuten Gichtanfällen und periartikulären Problemen ist Ibuprofen ebenfalls erfolgreich eingesetzt worden. Wie für andere nicht-steroidale Entzündungshemmer fehlen indessen Daten, wonach Gelenkleiden mehr als nur symptomatisch beeinflusst würden.

Ibuprofen hat sich auch als allgemeines Schmerzmittel bewährt und kann z.B. nach Zahnextraktionen, bei Kopfschmerzen (auch bei Migräne), posttraumatischen Schmerzen, Dysmenorrhoe und zur Fieberbehandlung eingesetzt werden. Nach kleineren operativen Eingriffen hat es sich als ebenso wirksam erwiesen wie Opioide.

Wie andere Antirheumatika kann Ibuprofen auch lokal (als Creme) angewendet werden, wobei durchschnittlich etwa drei bis vier Personen behandelt werden müssen, damit eine Personen von der Applikation profitiert (d.h. “Number Needed to Treat” = 3-4).

Unerwünschte Wirkungen

Ibuprofen verursacht bei bis zu 10% der Behandelten gastrointestinale Beschwerden (Oberbauchbeschwerden, Brechreiz/Erbrechen, Durchfall, Verstopfung). Nach klinischer Erfahrung gehört Ibuprofen aber zu den besser verträglichen COX-Hemmern. Bedrohliche gastrointestinale Reaktionen wie blutende Magenulzera, Perforationen, intestinale Obstruktion sind selten, jedoch häufiger als unter selektiven COX-2-Hemmern.

Ein Blutdruckanstieg und eine Verschlechterung der Nieren- und Myokardfunktion sind möglich. Die kardiovaskulären und renalen Auswirkungen sind besonders bei vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu berücksichtigen. Unter hohen Ibuprofen-Dosen ist zudem das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen erhöht.

Viele andere, überwiegend seltene Nebenwirkungen sind bekannt: Kopfschmerzen, Schwindel, Hautreaktionen, Hepatotoxizität, Pankreatitis, hämatologische Komplikationen, Visus- oder Gehörstörungen, aseptische Meningitis, generalisierte allergische Reaktionen, Pseudotumor cerebri.

Kontraindikationen: Aktives peptisches Ulkus. Anamnese eines Antirheumatika-induzierten Ulkus (außer mit einem Protonenpumpenhemmer zusammen). Aspirin-Intoleranz.

Interaktionen: Acetylsalicylsäure als Plättchenhemmer soll am besten 2 h vor Ibuprofen gegeben werden, um die COX-1-Hemmung sicherzustellen.

Ibuprofen kann die Wirkung von Antihypertensiva beeinträchtigen und die Lithium- und Methotrexat-Toxizität verstärken. Vorsicht bei der Verabreichung anderer Mittel mit nephrotoxischem Potential! In Kombination mit gerinnungshemmenden Mitteln und selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern ist das Risiko gastrointestinaler Blutungen erhöht.

Es sind keine schwerwiegenden Konsequenzen in Kombination mit CYP2C9-Hemmern oder -Induktoren bekannt.

Risikogruppen

Schwangere Frauen: Embryotoxische Auswirkungen unwahrscheinlich; kann während der Schwangerschaft gegeben werden. Im dritten Trimester nicht-steroidale Entzündungshemmer vermeiden!

Stillende Mütter: In niedrigen Dosen erlaubt. Nur geringe Mengen in der Muttermilch nachweisbar.

Kinder: Einzeldosis: 5 mg/kg. Max. Tagesdosis: 20-40 mg/kg. Bei Säuglingen unter 6 Monaten vermeiden (Verträglichkeit nicht gesichert).

Alte Menschen: Bei älteren Personen eindeutig erhöhte Risiken (gastrointestinale und renale Probleme). Vorsichtig dosieren!

Niereninsuffizienz: Nur kurzfristig verabreichen. Bei einer Kreatininclearance unter 30 ml/min wird von der Anwendung abgeraten.

Leberinsuffizienz: Mit Vorsicht anwenden; bei schwerer Leberinsuffizienz vermeiden.

Hinweise

Die S-Form von Ibuprofen (Dexibuprofen) hat in etwas kleineren Dosen etwa dieselbe Wirkung wie Ibuprofen, ist aber weniger dokumentiert.

Vor einer längeren Behandlung mit Antirheumatika soll eine Infektion mit Helicobacter pylori ausgeschlossen bzw. behandelt werden.

Wenn Personen über 65 oder mit erhöhtem Ulkusrisiko ein Antirheumatikum benötigen, muss die gleichzeitige Gabe eines Protonenpumpenhemmers erwogen werden.

Alternativen: Je nach individueller Verträglichkeit stehen bei Schmerzproblemen alle anderen nichtsteroidalen Entzündungshemmer zur Auswahl. Auch Paracetamol eignet sich allenfalls als gut verträgliche Alternative.

Erhältlichkeit: Teilweise ohne Rezept erhältlich.

Filmtabletten zu 200, 400 und 600 mg, Dragees zu 200 und 400 mg, Kapseln zu 400 mg, Granulat (600 mg/Beutel), Retardtabletten zu 800 mg; Suspension zu 20 und zu 40 mg/ml. Als Arginin-, Lysin- oder Natrium-Salz: Filmtabletten zu 200, 400 und 500 mg; Granulat (200, 400 und 600 mg pro Beutel); Suppositorien zu 500 mg. Zur lokalen Anwendung: Creme (50 mg/g).

Originalbeitrag: Gysling E, 100 wichtige Medikamente. Infomed Verlag, 2020.

Kommentar des Autors

von Dr. med. Etzel Gysling, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin

Kommentar: Ibuprofen hat die Rolle übernommen, die früher der Acetylsalicylsäure zukam: ein entzündungshemmendes Schmerzmittel, das bei verschiedenen Schmerzen im Alltag und bei Fieber breite Verwendung findet. In den meisten Fällen sind die damit verbundenen (insbesondere gastrointestinalen) Risiken akzeptabel. Relativ neu ist die Erkenntnis, dass sich Ibuprofen für Personen mit einer Herz- oder Kreislauf-Erkrankung weniger eignet. Besonders bei älteren Leuten ist deshalb Vorsicht angezeigt.

Das sagt der Hausarzt

von Ruben Bernau, Facharzt für Allgemeinmedizin

„Schreiben Sie bitte meine Ibu auf, Doktor?“ Lässt mich immer an Ivan Klasnic* denken! Ibuprofen wird wie Smarties verordnet. Wir Hausärzte haben viel Erfahrung mit den NSAR, im Alltag rutscht uns ein Ibu-Rezept aber oft zu schnell durch. Haben wir an die Wechselwirkungen und Kontraindikationen gedacht? Meine Software bietet den Wechselwirkungscheck mit einem Klick. Relevante Vorerkrankungen und die Nierenfunktion lassen sich schnell nachschlagen. Die Verordnungshistorie ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Informationen! Denn Klasnic wurde durch zu viel und zu lange Ibu nierenkrank und musste mehrfach transplantiert werden. Das verstehen meine Patienten schnell, denn Klasnic ist hier gut bekannt. Oft verordne ich Ibu als kleinstes Übel, denn die Alternativen sind ebenso schwierig. Deshalb genau hinsehen, an Ivan Klasnic denken und möglichst kleine Schachteln mit wenig Wirkstoff verordnen. Keine Dauerrezepte!

*Ivan Klasnic: Ex-Werder-Bremen-Fußballprofi, dreifach nierentransplantiert.

BUCHTIPP

  • Etzel Gysling (Hrsg.)
  • 100 wichtige Medikamente
  • Eine pharma-kritik-Publikation
  • Infomed-Verlag, 2020
  • ISBN 978-3-95-206247-0
  • Preis: 58 Euro
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