Das innere Kind verstehenWenn das Trauma wieder hochkommt

Der Hausarzt ist in der Regel die erste Anlaufstelle, wenn Menschen gesundheitliche Probleme haben. Bei traumatisch bedingten Depressionen gilt es, das innere Kind zu verstehen. Was können Sie als Hausarzt tun?

Nachdenklich: Junge Patientin beim Gespräch

Hausärzte sind Vertraute, bei denen Menschen den Mut haben, sich zu offenbaren. Das sieht dann meist so aus, dass die Patienten über ihre Schlafstörungen, ihr Herzklopfen, ihre Erschöpfung und Antriebslosigkeit berichten, die ihnen zusätzlich heftige Angst bereiten.

Leistungsverweigerung, Versagensängste, Panikzustände sind häufige Symptome. Die Patienten kennen sich so nicht. Vor allem aber wollen sie eine Antwort darauf, warum sie plötzlich nichts mehr zustande bringen. Wichtig ist, den Patienten die neurobiologischen Hintergründe einfach zu erklären, etwa so:

“Wir wissen zwar noch nicht genau, warum, aber es muss bei Ihnen zurzeit oder schon seit Längerem einen großen inneren oder äußeren Stresszustand geben, etwas, was Ihre Seele mächtig überfordert hat. Ihr emotionales Gehirn, das limbische System, befindet sich im Hochalarm. Dadurch sind vier Neurotransmitter, nämlich Dopamin, körpereigene Opioide, Oxytocin und Serotonin in den Keller gegangen. Sie sorgen normalerweise für eine gute Leistungsbereitschaft, für Frustrationstoleranz, Freundschaftsgefühle sich selbst und anderen Menschen gegenüber sowie gute Laune. Wir müssen nun schauen, wie wir Ihnen schnell helfen können.”

Erste Orientierung

Als Hausarzt sollten Sie deshalb Orientierungsfragen stellen (Tabelle 1). Die Fragen geben darüber Aufschluss, welches Ausmaß dieser Zustand hat und ob ein dringender Handlungsbedarf wie Klinikeinweisung oder Krankschreibung besteht.

Auch ist es immer sehr aufschlussreich, nach den Auslösern zu fahnden, an die sich die Patienten erst einmal nicht erinnern: “Wann hat das alles angefangen? Was ist passiert, bevor es angefangen hat?” Oft berichten die Patienten von einem Auslöser, zum Beispiel dem Tod eines Onkels oder einer Kränkung am Arbeitsplatz, aus der sich so eine heftige Reaktion zunächst einmal nicht erklären lässt.

Erst im zweiten Schritt, wenn Sie genauer fragen, wer der Onkel war und was genau so sehr gekränkt hat, kommt oft ein traumatisches Ereignis aus früheren Zeiten ans Licht. Im limbischen System entsteht ein hochakuter Alarmzustand mit Angst, Panik und infolgedessen einer schweren Erschöpfung.

Das aktuelle Geschehen fördert einen Ich-Zustand (Egostate), ein Originalgefühl aus dem traumatischen Ereignis oder ein traumatisches “Dauerrauschen” wie ständige Kränkungen von Seiten der Eltern zutage, das vorher völlig vom Bewusstsein abgespalten war.

Traumatische Erfahrungen erfragen

Manche Menschen leiden chronisch unter Flashbacks. Es ist quasi “normal”, dass sie ständig durch geringe Auslöser (Trigger) an Erfahrungen in ihrem Leben erinnert werden, die sie seelisch nicht bewältigen konnten. Das sind zum Beispiel Gewalt, Zustände von Todesangst bei Unfällen oder chronische seelische Verletzungen.

Es ist wichtig, traumabedingte Depressionen orientierend abzufragen, denn im Unterschied zu einer rein durch chronische Überlastung entstandenen Depression hat man es hier mit mehreren Persönlichkeitszuständen zu tun: Vor Ihnen sitzt zum Beispiel ein wohlsortierter Erwachsener, aber eigentlich spricht zu Ihnen gerade ein Kind oder eine Person, die mit der jetzigen Realität wenig zu tun hat. Wer etwas geübt ist und gewohnt ist, danach zu fragen, kann sehr schnell traumatische Vorerfahrungen abfragen. Warum ist das so wichtig?

Nach meiner Erfahrung sind die meisten rezidivierenden Depressionen traumatischer Natur. Die Patienten erholen sich zwar immer wieder von ihrem seelischen Stress, doch ein Teil ihrer Persönlichkeit bleibt im Traumagefühl “hängen”. Oft halten sie sich auch für “verrückt”, dass sie immer wieder in dieses irrationale Gefühl hineinfallen und es nicht steuern zu können.

Ein Beispiel: Eine Patientin, deren Onkel gestorben war, fiel in eine tiefe Depression, da dieser Onkel sie an den Tod ihrer Mutter erinnerte, die sie als 7-jährige Waise zurückließ. Das Ereignis war so schlimm, dass sie als Mädchen für einige Monate verstummte. Man konnte das damals nicht verstehen und dachte: “Das verwächst sich wieder”.

Das tat es auch, aber nicht die seelische Wunde, die bei der Patientin jedes Mal ein tiefes Verlassenheitsgefühl auslöste, das sie sich nicht erklären konnte. Sie wurde später eine sehr leistungsstarke Erwachsene, die ohne Mühe über ihre Grenzen gehen konnte – ein typisches Phänomen bei Traumatisierten.

Sie sind so sehr an das Verdrängen von unterschwelligem, abgespaltenem Stress gewöhnt, dass sie erst einmal viel belastbarer wirken. Der Schein trügt, da diese Stärke nur eine Notlösung ist und jederzeit einbrechen kann. Durch ein einschneidendes Ereignis, das den inneren Stresszustand auf die Spitze treibt, kann eine depressive Krise ausbrechen. Damit besteht die Chance, das traumatische Geschehen zu heilen.

Das innere Kind heilen

Wenn Sie als Hausarzt diese Zusammenhänge verstehen, können Sie den Betreffenden in wenigen Worten erklären, warum das so ist. Indem Sie dieses Empfinden empathisch verstehen und verständlich machen können, kann der Patient es auch Schritt für Schritt verstehen.

Ganz pragmatisch können Sie solchen Patienten den Vorschlag machen, ein heilendes Bild zu finden für den damaligen Kind- oder Traumazustand. Denn obwohl Sie es in der Realität mit einem erwachsenen Menschen zu tun haben, sitzt vor Ihnen (auch) ein Kind mit realen kindlichen Gefühlen. Es nützt deshalb nichts, sich nur an die Vernunft desjenigen zu wenden, der weiß, dass die Realität gerade eine andere ist.

Vielmehr muss man das Kind mit ins Boot holen, indem man Verständnis für diese heftige Gefühlsladung zeigt und demjenigen Hoffnung macht, dass er, sie, das überwinden kann. Das Gehirn braucht quasi ein neues inneres Bild: Statt Verlassenheit zu erleben, muss im Gehirn ein inneres Bild von Trost, Unterstützung und Hilfe kreiert werden, um das Traumaerleben zu überschreiben. Nicht umsonst lieben wir Märchen und Filme mit gutem Ausgang.

Zusätzliche Maßnahmen

Zusätzlich kann man den Patienten heilsame Maßnahmen wie Salzbäder mit 1 kg Meersalz oder warme Fußbäder am Abend empfehlen, die ein wohliges Gefühl auslösen, denn Ich-Zustände mit Traumaerfahrung stecken immer im Körpererleben. Es muss also an der Schnittstelle zwischen Psyche und Körper ein positives Erleben kreiert werden, das allmählich den Alarm im limbischen System wieder abstellt.

Sobald im limbischen System Ruhe einkehrt, ist das Bewusstsein in der Lage, Traumamaterial seelisch zu “verdauen”. Die Kommunikation zwischen Gefühl und Verstand funktioniert wieder und die Betroffenen kommen aus der “Dissoziation” heraus.

Bei schlimmen Übererregungszuständen hilft das Beklopfen der Thymusdrüse, Augenbewegungen in der Horizontalen, ohne den Kopf mitzubewegen. Etwas dynamischer hilft das Erden, indem man bewusst die Fußsohlen spürt, leichte Bewegung wie Schwingen mit den Armen und bewusstes Gehen.

Dankbare Patienten

Indem Sie als Hausarzt die oben beschriebenen kleinen Strategien vormachen bzw. mitmachen, tun Sie gleich selbst etwas für Ihre innere Balance, und: Die Patienten sind oft überaus dankbar, wenn sie endlich verstehen, warum es ihnen immer wieder so geht und warum eine oft jahrelange Psychotherapie nicht geholfen hat.

Noch einmal: Wenn dem traumatisierten Anteil nicht wirklich “zugehört” wird, ist das so, als ob Sie von einem Säugling verlangen, er solle schon Abitur machen. Da wird geblockt und weiter dissoziiert – bis endlich jemand versteht.

Dieses Phänomen begegnet mir ständig in der Begleitung von Menschen in Krisen. Diese sind meist so überrascht, oft auch beglückt, dass sie sich und ihre heftige Reaktionsweise endlich einordnen können. “Warum hat mir das noch nie jemand erklärt. Ist doch logisch, dass ich da immer wieder reinrutsche,” höre ich vielfach.

Die Betroffenen leiden oft zunächst nur unter einem chronischen Übererregungszustand, der dann zu einer schweren Depression ausarten kann, wenn der traumatische Hintergrund wieder nicht verstanden wird.

Fazit

Auch wenn Sie in der hausärztlichen Betreuung nicht die Möglichkeit zu einer intensiven therapeutischen Begleitung haben, können Sie vielen Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung einen unschätzbaren Dienst erweisen, nämlich den, sich selbst zu verstehen und gezielt Hilfe zu suchen.

Literatur

  1. Gapp-Bauss S. Depression und Burn-out überwinden. VAK-Verlag 2015

Mögliche Interessenkonflikte: Die Autorin hat keine deklariert.

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