FrüherkennungWas bringt der Check-up?

Seit seiner Einführung im Jahr 1989 litt der Check-up 35 unter seiner schmalspurig auf die Risikofaktoren Cholesterin und Blutzucker im Serum sowie Urinsediment (Harnstreifentest) beschränkten Labordiagnostik. Um sein Image bei den Patienten aufzupolieren, ergänzten viele Ärzte weitere, oft sinnvolle Parameter wie Gamma-GT, Kreatinin oder TSH. Von unterschiedlichen Seiten wurde der Mythos gepflegt, der Anspruch auf eine Gesundheitsuntersuchung bestehe jährlich, obwohl er von Anfang an nur alle zwei – jetzt alle drei – Kalenderjahre bestand bzw. besteht.

Am 1. Juli 2019 hat die Gesundheitsuntersuchung nun ein neues Gesicht bekommen. Die GKV übernimmt eine einmalige Untersuchung zwischen dem 18. und dem 35. Geburtstag und entspricht damit dem Wunsch vieler junger Menschen, die wissen wollen, “ob alles okay ist”. Andererseits wird der Anspruch der GKV-Patienten ab 35 Jahren auf alle drei Jahre reduziert und damit vom alle zwei Jahre möglichen Hautkrebsscreening entkoppelt.

Ein daraus resultierendes Anspruchsdenken der Patienten zurückzudrängen, kostete und kostet uns Hausärzte viel Geduld, Überredungskunst und manche nur “sicherheitshalber” durchgeführte Untersuchungen – was angesichts der Verknappung der Ressource Hausarzt problematisch ist.

Inhalt der neuen Gesundheitsuntersuchung

Wie in der aktuellen Version der Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie vom 19. Juli 2018 nachzulesen ist, umfasst die neue Gesundheitsuntersuchung folgende Leistungen:

  • Erhebung der Eigen-, Familien- und Sozialanamnese, insbesondere Erfassung des Risikoprofils
  • Untersuchung zur Erhebung des vollständigen Status (Ganzkörperstatus)
  • Blutuntersuchung: Lipidprofil (Gesamtcholesterin, LDL- und HDL-Cholesterin, Triglyzeride) und Nüchternplasmaglukose
  • Urinuntersuchung auf Eiweiß, Glukose, Erythrozyten, Leukozyten und Nitrit (Harnstreifentest)
  • Bei Versicherten unter 35 Jahren sind Blut- und Urinuntersuchung nur fakultativ
  • Überprüfung des Impfstatus
  • Beratung des Versicherten über das Ergebnis der durchgeführten Untersuchungen und Erörterung über die möglichen Auswirkungen im Hinblick auf die weitere Lebensgestaltung, Erörterung des individuellen Risikoprofils, Hilfen zum Abbau gesundheitsschädigender Verhaltensweisen, Motivierung zur Nachimpfung in Abhängigkeit vom Impfstatus, Aufklärung über Krebsfrüherkennungsuntersuchungen und über mögliche Risiken auf Grundlage der in der Anamnese erfragten familiären Krebsbelastungen
  • Ggf. Einleitung weiterer Diagnostik und Therapie
  • Dokumentation von Anamnese, Untersuchung und Therapieempfehlungen
  • Ggf. ärztliche Bescheinigung über die Präventionsempfehlung (Vordruck)

Die Gesundheitsuntersuchung umfasst also einen umfangreichen und zeitintensiven Maßnahmenkatalog. Neu ist insbesondere der Check des Impfstatus des Patienten. Ebenfalls neu ist ein Formular “Empfehlung zur verhaltensbezogenen Primärprävention” (Muster 36), mit dem niedergelassene Ärzte Präventionsleistungen empfehlen und Patienten diese Empfehlung bei ihrer Krankenkasse einreichen können. Handlungsfelder sind hier insbesondere Bewegungsgewohnheiten, Ernährung, Stressmanagement und Suchtmittelkonsum.

Der Lohn für die umfangreiche Tätigkeit einer Gesundheitsuntersuchung ist bescheiden: 320 statt bisher 303 Punkte (entsprechend 35,16 Euro) bringt die bekannte EBM-Ziffer 01732. Vergessen Sie nicht, die EBM-Ziffern 32880 Harnstreifentest (0,50 Euro), 32881 Nüchternplasmaglukose (0,25 Euro) und 32882 Lipidprofil (1,00 Euro) ggf. zusätzlich aufzuschreiben.

Cave: Die 32880 bis 32882 berechnet derjenige, der die Leistung erbringt. Harnstreifentests finden oft in der Hausarztpraxis statt, während die Blutanalyse doch eher das Labor vornimmt.

Lipidprofil oder altersadaptierte Risikoberatung?

Neben dem – rational nicht begründbaren – nunmehr dreijährigen Intervall der Gesundheitsuntersuchung hat insbesondere die unsinnige Auffächerung des Lipidstatus die Gemüter der Hausärzte erregt. Die Bestimmung des LDL-Cholesterins wäre als Screeningmethode und zur Risikoabschätzung völlig ausreichend gewesen. Insbesondere für die Gesundheitsberatung der Versicherten unter 35 Jahren, aber auch für chronisch erkrankte und alte Menschen wäre ein altersadaptierter Check-up wesentlich sinnvoller: Bei jungen Erwachsenen läge der Schwerpunkt etwa auf Selbstbild, Ernährung, Sucht- und sexuellen Risiken, bei chronisch Kranken auf Anpassungsstrategien und der Mobilisierung salutogenetischer Ressourcen, bei älteren Patienten auf der Osteoporose- und Sturzprophylaxe. Diese Schwerpunkte können auch nach den Wünschen und Bedürfnissen des Versicherten individualisiert werden.

In Zeiten der Corona-Pandemie …

… fahren die Hausärzte natürlich den Umfang der Routineuntersuchungen, zu denen auch alle Vorsorgeuntersuchungen gehören, deutlich herunter, um Ressourcen zur Bewältigung dieser ungewöhnlichen Herausforderung frei zu bekommen. Man sollte dennoch nicht vergessen, dass die Check-ups der vergangenen Jahre dazu beigetragen haben, chronisch kranke und damit durch das Corona-Virus besonders gefährdete Menschen wie Diabetiker oder Raucher mit COPD zu identifizieren.

Nutzen der Check-up-Untersuchung

Die Mortalität durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen konnte durch Check-up-Untersuchungen nicht gesenkt werden, ebenso wenig die Gesamtsterblichkeit, so das Ergebnis zahlreicher Studien. Leicht erhöhte Cholesterin-, Blutzucker- oder Blutdruckwerte können zu unnötigen medikamentösen Behandlungen führen, die wiederum unerwünschte Arzneimittelwirkungen auslösen. Hat die Gesundheitsuntersuchung dann überhaupt Sinn?

Ich meine dennoch – in einem anderen Sinn – ja. Eine intensivierte individuelle Anamnese, eine eingehende körperliche Untersuchung und eine differenzierte Beratung vertiefen die individuelle Arzt-Patienten-Beziehung meist erheblich. Und darauf lässt sich im weiteren Verlauf in der Regel gut aufbauen.

Literatur beim Verfasser.

Mögliche Interessenskonflikte: Der Autor führt auch Gesundheitsuntersuchungen bei seinen Patienten durch.

Quellen: Krogsboll et al. Cochrane Database Syst Rev 2019(10):CD009009; www.harding-center.mpg.de/de/faktenboxen.

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