S3-LeitlinieWas man zur Rauchentwöhnung wissen sollte

Neben dem "Dauerbrenner" Zigaretten liegen bei Jüngeren vor allem E-Zigaretten im Trend. Deren Gefahrenpotenzial ist jedoch noch nicht vollständig geklärt. Für den täglichen Umgang mit Rauchern gibt die aktualisierte S3-Leitlinie zur Rauchentwöhnung praxisrelevante Empfehlungen.

Die Zigarettenindustrie erweist sich als sehr findig darin, neue Produkte auf den Markt zu bringen. So sind etwa E-Zigaretten oder Tabakerhitzer vor allem bei jüngeren Menschen beliebt, da sie die Neugier anregen, Spaß machen und zahlreiche Geschmacksvarianten bieten [1].

E-Zigaretten locken Jugendliche mit bis zu 16.000 verschiedenen Aromen. Einmal “angefixt” durch den Konsum von E-Zigaretten, verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit, dass junge Menschen auch zu herkömmlichen Zigaretten greifen [2]. Problematisch ist, dass es für die neuen Produkte in vielen Ländern – darunter Deutschland – keine ausreichenden Vorschriften gibt.

Die WHO fordert daher ein vollständiges Werbeverbot für alle tabakhaltigen Produkte, zudem ein einheitliches Rauchverbot in Gaststätten und im öffentlichen Raum sowie höhere Tabaksteuern [3].

Auch den Ansatz der Industrie, E-Zigaretten als “sicherere” Alternativen zum herkömmlichen Tabak zu bewerben oder als Entwöhnungsprodukte darzustellen, sieht die WHO kritisch. “Solche Aktivitäten haben Auswirkungen auf bewährte Interventionen zur Unterstützung der Tabakentwöhnung, da sie das Potenzial haben, die Verbraucher falsch zu informieren und in die Irre zu führen” [3].

Schlusslicht bei der Tabakkontrolle

“Kein europäisches Land unternimmt weniger, um den Tabakkonsum zu verringern und das Framework Convention on Tobacco Control (FCTC) umzusetzen”, heißt es in der “Strategie für ein tabakfreies Deutschland 2040” [4].

Damit sei Deutschland “eines der Länder mit dem größten Handlungsbedarf in der Tabakkontrolle – zumal es weltweit zu den zehn Ländern mit der größten Anzahl an Rauchenden gehört”.

Hierzulande rauchen im jungen und mittleren Erwachsenenalter (20 – 50-Jährige) ein Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen; unter den Jugendlichen (12 – 17-Jährigen) konsumieren rund sieben Prozent der Jungen und drei Prozent der Mädchen mindestens ein tabakhaltiges Produkt [5].

Die Folgen sind dramatisch: Jährlich sterben allein in Deutschland 127.000Menschen an den Folgen des Rauchens –das entspricht einem Todesfall alle vierMinuten [4].

Nachfragen und motivieren

Für die Beratung zur Rauchentwöhnung gibt die aktuelle S3-Leitlinie einige Schlüsselempfehlungen: Demnach ist der Tabakkonsum oder der Konsum von E-Zigaretten bei allen Patienten regelmäßig zu erfragen [5].

Zur Erreichung des Rauchstopps sollte man eine Kurzberatung anbieten, die weiterführende Hilfsangebote wie etwa eine telefonische Beratung (z.B. BZgA-Telefonberatung zur Rauchentwöhnung: 01805/31 31 31) oder Einzel- bzw. Gruppenbehandlung umfasst.

Eine Tabakabstinenz lässt sich häufig mit verhaltenstherapeutischen Interventionen erreichen. Besteht nur eine geringe Bereitschaft, mit dem Rauchen aufzuhören, kann man eine motivierende Gesprächsführung anbieten.

Auch wenn die Betroffenen ihren Tabakkonsum lediglich reduzieren möchten, sollte man dies mittels Nikotinersatztherapie fördern und/oder eine psychosoziale Unterstützung vermitteln. Von einem Umstieg auf E-Zigaretten zur Reduktion des Zigarettenkonsums rät die Leitlinie explizit ab [5].

Medikamentöse Unterstützung

Für eine Entzugsbehandlung empfiehlt die Leitlinie eine Nikotinersatztherapie mit Nikotinpflaster, Nikotinkaugummi, Nikotininhaler, Nikotinlutschtablette oder Nikotinspray [5].

Reicht ein Präparat nicht aus, ist eine Zweifach-Kombination von Pflaster und Kaugummi, Lutschtablette, Spray oder Inhaler möglich. Nicht geeignet ist die Nikotinersatztherapie für Patienten, die rauchlose Tabakprodukte wie etwa Kautabak konsumieren.

Alternativ zur Nikotinersatztherapie lassen sich Bupropion oder Vareniclin sowie (seit 12/2020) Cytisin als Monotherapie einsetzen. Zur Rückfallprophylaxe sind Nikotinersatz, Vareniclin oder Bupropion geeignet. Parallel zur Tabakentzugsbehandlung sollte man – sofern verfügbar und angemessen – eine unterstützende Beratung anbieten.

Bei Kindern und Jugendlichen empfiehlt die Leitlinie eine Kombination ausaltersgerechter Psychoedukation, Motivationssteigerung (Motivational Enhancement, Selbstwirksamkeit) sowie verhaltenstherapeutischer Interventionen [5].

Auch qualitätsgeprüfte Computer-, Internet- und Smartphone-gestützte Tabakentwöhnungsprogramme sind geeignet. Führen diese Interventionen nicht zum gewünschten Erfolg, können Jugendliche in begründeten Ausnahmefällen und nach gründlicher Nutzen-Risiko-Abwägung Nikotinpflaster als Off-Label-Verschreibung erhalten.

Schädlichkeit der neuen Produkte

Das Aerosol von E-Zigaretten enthält Giftstoffe, die in die Lunge und das Blut aufgenommen werden. “Je nach E-Zigarettentyp und Zusammensetzung des verwendeten Liquids enthalten die elektronischen Verdampfer atemwegsreizende Substanzen wie Propylenglykol, krebserregende Substanzen wie Formaldehyd und teilweise gesundheitsschädigende Metalle wie Blei, Chrom und Nikotin”, verdeutlicht Prof. Wulf Pankow, Berlin [2].

Dem Lungenspezialisten zufolge wirkt sich der Konsum von E-Zigaretten nicht nur negativ auf die Atemwege aus, sondern auch auf das Herz-Kreislauf-System und die Hirnentwicklung von Jugendlichen.

Obwohl man davon ausgeht, dass die Schadstoffbelastung niedriger ist als beim Rauchen, sind die langfristigen gesundheitlichen Folgen bislang unbekannt. Diese Unsicherheit gilt auch für Tabakerhitzer, die ebenfalls Giftstoffe wie Nitrosamine oder Formaldehyd enthalten.

Die Belastung durch manche Schadstoffe im Tabakerhitzer ist höher, andere niedriger als im Tabakrauch. Unklar ist jedoch, ob die geringere Schadstoffbelastung auch mit geringerer Gesundheitsgefährdung einhergeht [4].

Literatur:

  1. Schaller K et al. Oktober 2020 E-Zigaretten und Tabakerhitzer – ein Überblick. Hrsg. Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)
  2. Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. (DGP) am 05.08.2021
  3. WHO report on the global tobacco epidemic 2021: addressing new and emerging products. 27.07.2021, ISBN: 978 92 4 003209 5
  4. Schaller K et al. 2021: Strategie für eintabakfreies Deutschland2040. Hrsg. Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ),Deutsche Krebshilfe und Aktionsbündnis Nichtrauchen
  5. 3-Leitlinie “Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening,Diagnostik und Behandlung”, Stand:01/2021, AWMF-Register Nr. 076-006
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