DGPPN KongressPsyche ist der neue Rücken

Ein Blick in die Hausarztpraxis zeigt: Psychische Störungen sind auf dem Vormarsch, wobei die Pandemie eine wichtige Rolle spielt. Nach aktuellen Daten sind sie mittlerweile der häufigste Grund für eine Krankschreibung, noch vor den Rückenschmerzen. Die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V., beleuchtete die Ursachen dieser Entwicklung. (Dr. med. Peter Stiefelhagen)

Ärztlich assistierter Suizid

Der Umgang mit schwer beziehungsweise unheilbar Kranken und Sterbenden ist für jeden Hausarzt eine besondere Herausforderung. Doch gerade in der letzten Lebensphase geht es darum, Unnötiges zu vermeiden und durch eine Symptomkontrolle das Leiden zu erleichtern, um so ein Sterben in Würde zu ermöglichen.

Dabei wird der Hausarzt auch in zunehmendem Maß mit dem Wunsch nach einem assistierten Suizid (AS) konfrontiert. Doch der AS ist ethisch ein heikles Thema.

Sterbewünsche sind nicht primär Suizidwünsche. Sterbewünsche haben einen Grund, eine Bedeutung und eine Funktion. Sterbewünsche zu erfassen, braucht Zeit und einen Erzählraum.

Sterbewünsche sind oftmals nicht Ausdruck einer depressiven Episode und bedeuten auch oft nicht den Wunsch nach einem beschleunigten Sterben. Sie sollten nicht als Ausdruck ärztlichen Versagens, sondern als Vertrauensbeweis interpretiert werden.

Doch aus einem Sterbewunsch kann sich ein Suizidwunsch entwickeln. Der Entschluss zum assistierten Suizid ist meist der Endpunkt eines längeren Entscheidungsprozesses. Ein solcher durchläuft verschiedene Phasen:

  • Phase des theoretischen Nachdenkens, wobei der AS als mögliche Option erwogen wird
  • Phase des Suchens nach einem Konsens mit Exploration der Haltung von Familienmitgliedern, mit dem Ziel der Akzeptanz
  • Regelung der juristischen Voraussetzungen
  • Eigentliche Organisation des AS.

Ein AS sollte nicht angeboten und muss auch nicht geleistet werden. Auch sollte die Prävention immer an erster Stelle stehen. Doch Patienten erwarten, dass sich Ärzte auf ein Gespräch über Sterbe- und Suizidwünsche einlassen.

Sollte ein Arzt diesen Weg aus ethischen Gründen nicht mitgehen können, sollte er den Patienten an einen Kollegen überweisen. Man kann den Patienten auch auf die Möglichkeit des Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit hinweisen.

Unabdingbare Voraussetzung für den AS ist die Beurteilung der Urteilsfähigkeit. Eine solche Beurteilung ist nicht Ausdruck der Unterstützung oder gar Teil der Durchführung eines AS. Sehr behutsam sollte man mit dem Wunsch nach “Altersfreitod” und Suizidwünschen bei einer frisch diagnostizierten Demenz umgehen (Georg Marckmann, München).

Vorrang der Palliativmedizin

Die Möglichkeiten der Palliativmedizin werden noch zu wenig genutzt. Dies gilt insbesondere für Nicht-Tumor-Patienten mit chronischen Erkrankungen. Am schlechtesten palliativmedizinisch versorgt sind COPD-Patienten.

Bei vielen Ärzten besteht eine psychologische Hemmschwelle, mit ihren Patienten über das nahe Ende zu sprechen. Doch das ist notwendig, auch um den Patienten unnötige und belastende Prozeduren zu ersparen.

Palliativsituationen werden zu spät als solche wahrgenommen, niemand spricht darüber und wenn darüber gesprochen wird, werden Patienten und Ange-hörige oftmals vor den Kopf gestoßen.

Doch warum sind Gespräche über Sterben und Tod für den Arzt so schwierig? Das hat mehrere Gründe:

  • Wir schützen uns vor etwas, was uns Angst macht.
  • Es fehlen uns die Fachkenntnisse über die Reaktionen von Patienten.
  • Es fällt uns schwer, eine Niederlage zu akzeptieren.
  • Es fehlt uns an Ausbildung, Praxis und Vorbildern.
  • Wir haben schlechte Erfahrungen gemacht.
  • Es ist nicht jedermanns Sache, sich mit gefühlsmäßigen Reaktionen auseinanderzusetzen.
  • Wir möchten selbst nicht sterben.

Palliativpatienten sollten frühzeitig identifiziert werden. Ziel muss es sein, Tumor- und Nicht-Tumorpatienten gleichermaßen den Zugang zur palliativmedizinischen Versorgung zu ermöglichen.

Dazu gehören Prognose-Gespräche ebenso wie eine kontinuierliche Vorausplanung. Dadurch müssen beim Patienten das Verständnis für seine Erkrankung, seine Prognose und die Therapieoptionen verbessert werden.

Außerdem bieten solche Gespräche eine Gelegenheit, sich über seine Werte und seinen Willen ein Bild zu verschaffen. Die Behandlungs- und Versorgungswünsche müssen geklärt und auch dokumentiert sein und alle Beteiligten müssen Zugang dazu haben (Katharina Domschke, Freiburg, Thomas Pollmächer, Ingolstadt).

COVID-19

Obwohl die pandemische Situation vor dem Hintergrund der Kontaktbeschränkungen durch den Einsatz digitaler Hilfsmittel gut aufgefangen werden konnte, so hat die andauernde Situation viele Menschen an ihre Belastungsgrenzen gebracht.

Angst vor Ansteckung, Existenzsorgen und soziale Isolation haben viele Menschen verunsichert Die Pandemie hat insbesondere Menschen mit einer bestehenden psychischen Erkrankung sehr hart getroffen und das Risiko für eine Verschlechterung des Krankheitsverlaufs erhöht (Steffi G. Riedel-Heller, Leipzig).

Digitalisierung

E-Mental-Health-Apps, digitale Phänotypisierung, Big Data, KI oder Robotik: Die digitale Transformation ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit und verändert auch den medizinischen Versorgungsalltag.

Die Pandemie hat gerade auch im Bereich der sprechenden Medizin zu einem enormen Digitalisierungsschub geführt. So hat die Videobehandlung an Bedeutung gewonnen. Mehrere empirische Studien konnten zeigen, dass das klinische Ergebnis von Psychotherapie im Videoformat vergleichbar ist mit dem im Präsenzformat.

Und doch können evidenzbasierte Online-Angebote die face-to-face-Behandlung nicht ersetzen. Bei weniger schwerwiegenden Symptomen oder für Menschen mit großer Hemmschwelle stellen sie jedoch eine wertvolle Hilfe und eine gute Ergänzung dar (Peter Zwanzger, Wasserburg am Inn).

Klima und Psyche

Die Klimakrise ist eine nie dagewesene Bedrohung für die menschliche Gesundheit, auch für die Psyche. Überschwemmungen, Stürme, Hitzewellen, Luftverschmutzung und die Zerstörung der Biodiversität hinterlassen nicht nur in der Umwelt Spuren, sondern belasten auch die Psyche.

Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und eine gesteigerte Suizidalität können Folgen drastischer Umweltveränderungen sein. Im Rahmen von Hitzewellen besteht beispielsweise ein direkter Zusammenhang zwischen der Temperatursteigerung und der Zahl psychiatrischer Notfälle und Suizide.

Die Folgen des Klimawandels versetzen viele Menschen in Angst und führen zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und das Risiko für psychische Störungen wird größer. Betroffen sind vor allem Menschen, die sozial benachteiligt sind, in ungünstigen Wohnverhältnissen leben oder keinen guten Zugang zu Grünflächen haben (Mazda Adli, Berlin).

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