Praxis WissenFrakturen: Was nutzt Vitamin D?

Osteoporose und in der Folge Frakturen kommen bei älteren Patienten in der Hausarztpraxis sehr oft vor. Kann mit Vitamin D vorgebeugt werden? Ein Cochrane Review liefert dazu eine evidenzbasierte Antwort.

Pille

Das biologische Alter ist nur geringfügig mit dem Alter in Jahren assoziiert. Hinsichtlich der Gesundheit lässt sich nicht der typische alte Mensch charakterisieren. Einige Unterschiede spiegeln genetische Vererbungsmuster wider. Die meisten Unterschiede in der Gesundheit älterer Menschen sind jedoch auf physikalische und soziale Umgebungsfaktoren sowie deren Einfluss auf das Gesundheitsverhalten zurückzuführen. Ältere Personen aus sozialbenachteiligten Milieus leiden unter einer schlechteren Gesundheit und haben geringeren Zugang zu medizinischen Dienstleistungen und notwendigen Pflegemaßnahmen [2].

Hier ist der Hausarzt gefragt, um diese Klientel nicht aus den Augen zu verlieren. Gesundheits- und Sozialfürsorgeausgaben für ältere Menschen müssen nicht nur aus der Kostenperspektive betrachtet werden. Sie stellen auch Investitionen in die Realisierung von Chancen dar, die es älteren Menschen ermöglichen, weiterhin positive Beiträge zu leisten [2].

Cochrane Global Aging [3] wurde im Oktober 2016 gegründet und arbeitet an der Qualität, Verbreitung, Zugänglichkeit und Anwendbarkeit von Cochrane Reviews, welche sich mit der Gesundheit und dem Wohlbefinden von älteren Menschen auseinandersetzen.

Unter http://globalageing.cochrane.org/cochrane-reviews finden sich über 200 Cochrane Reviews zu typischen geriatrischen Themen, unter anderem zu kognitiven Einschränkungen, Inkontinenz, Infektionen im Alter und zur körperlichen Fitness und Aktivität.

Wir stellen einen Cochrane Review aus der Sammlung von Cochrane Global Aging [3] vor: Der Review untersucht die Möglichkeiten der Prävention von Frakturen bei älteren Menschen durch Kalzium und Vitamin D. Eine leicht verständliche Zusammenfassung des Reviews „ Vitamin D und verwandte Vitamin-D-Verbindungen zur Vorbeugung von Frakturen bei Osteoporose bei älteren Menschen“ haben Avenell et al. zusammengestellt [4].

Warum erleiden ältere Menschen Knochenbrüche?

Hüftfrakturen sowie andere Arten von Frakturen treten sehr häufig bei Frauen nach der Menopause und älteren Männern aufgrund von einer altersbedingten Schwächung ihrer Knochen (Osteoporose) auf. Frakturen aufgrund von Osteoporose kommen häufig in der Hüfte, im Handgelenk oder der Wirbelsäule vor und können zu erheblichen Behinderungen oder sogar zum Tod führen. Diejenigen, die den Bruch überleben, leiden unter eingeschränkter Mobilität und benötigen weitreichendere soziale und körperliche Pflege.

Warum könnte Vitamin D helfen?

Um starke Knochen aufzubauen braucht der Körper Vitamin D. Ältere Menschen haben oft verminderte Vitamin-D-Spiegel, weil sie über ihre Ernährung nicht mehr so viel Vitamin D aufnehmen und sie aufgrund mangelnder Sonneneinstrahlung nicht ausreichend Vitamin D selbst bilden. In der Forschung wurde daher angenommen, dass die zusätzliche Einnahme von Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel das Risiko von Frakturen der Hüfte und anderen Knochen reduzieren kann.

Der Cochrane Review hat daher untersucht, wie sich Vitamin D oder Vitamin-D-bezogene Nahrungsergänzung mit oder ohne Kalzium auf Frakturen bei Frauen nach der Menopause und bei älteren Männern auswirkt.

53 Studien analysiert

Die Autoren des Reviews durchsuchten die medizinische Literatur bis Dezember 2012 und identifizierten 53 relevante Studien mit insgesamt 91.791 Teilnehmern. Die Studien berichteten über Frakturen bei postmenopausalen Frauen oder Männern über 65 Jahren aus Gemeinden, Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen. Diese Studien verglichen Vitamin D oder Nahrungsergänzungsmittel – mit oder ohne Kalzium – mit Placebo, keiner Medikamentengabe oder Kalziumgabe allein.

Ergebnisse des Cochrane Reviews

Die Ergebnisse des Reviews weisen zuverlässig darauf hin, dass die Einnahme von Vitamin D allein in der getesteten Form Knochenbrüchen eher nicht vorbeugt. Allerdings zeigte zuverlässige Evidenz, dass die Wahrscheinlichkeit von Hüft- und anderen Frakturen geringfügig sinkt, wenn Studienteilnehmer Vitamin D mit zusätzlichem Kalzium eingenommen haben. Der Review fand kein erhöhtes Risiko für Mortalität durch die Einnahme von Vitamin D und Kalzium.

Obwohl das Risiko von schädlichen Wirkungen (wie zum Beispiel gastrointestinalen Symptomen oder Nierenerkrankungen) durch die Einnahme von Vitamin D und Kalzium gering ist, sollten Patienten mit Nierensteinen, Nierenerkrankungen, hohen Kalziumspiegeln im Blut, Magen-Darm-Erkrankungenoder kardialen Erkrankungen vor der Einnahme der Vitamin-D-Ergänzung (haus)ärztlich beraten werden.

Implikationen für die Praxis

Osteoporose – der graduelle Verlust von Knochenmasse im Alter – ist ein komplexer, chronischer, multifaktorieller Prozess. Die Relevanz der Erkrankung in der Gesundheitsversorgung erklärt sich mit der steigenden Lebenserwartung, vor allem in den Industrieländern. Männer und Frauen sind betroffen, wobei Frauen in der Postmenopause besonders gefährdet sind.

Die alleinige Gabe von Vitamin D scheint in der Frakturprävention bei älteren Menschen nicht wirksam zu sein [4]. Jedoch kann Vitamin D plus Kalzium helfen, Hüft- und andere Frakturen zu verhindern. In der Primärprävention sollte dies soweit möglich über die Ernährung erfolgen.

Eine Substitution im höheren Lebensalter erscheint jedoch sinnvoll, wenn die Aufnahme von Kalzium über die Nahrung und Vitamin D über das Sonnenlicht nicht gegeben sind. Dabei müssen Vorteile gegenüber Risikofaktoren (Nierenerkrankung, gastrointestinale Symptome oder kardiale Erkrankung) abgewogen werden. Vitamin D plus Kalzium ist nicht mit einer erhöhten Mortalität assoziiert.

Fazit

  • Vitamin D ist wichtig, um starke Knochen aufzubauen. Die alleinige Einnahme von Vitamin D reicht laut Cochrane Review wohl nicht aus, um ältere Patienten vor Frakturen zu schützen.
  • Wird Vitamin D mit Kalzium kombiniert, reduziert sich die Wahrscheinlichkeit für Hüft- und andere Frakturen geringfügig.
  • Bevor supplementiert wird, empfiehlt sich eine Beratung besonders für Patienten, die Nierensteine, eine Nieren-, kardiale oder Magen-Darm-Erkrankung sowie einen hohen Kalziumspiegel im Blut haben.

Cochrane-Evidenz

Cochrane hatte in den 80ern in England seine Anfänge und wurde 1993 gegründet. Namensgeber Archibald Cochrane war britischer Arzt und Epidemiologe und verfolgte das Ziel, ärztliche Entscheidungen soweit möglich auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zu Nutzen und Schaden von Therapieverfahren zu gründen. Um Erkenntnis aus solchen Wirksamkeitsstudien zusammenzufassen, eignen sich systematische Reviews.

Systematische Reviews von randomisierten kontrollierten Studien werden als hochrangigste Evidenzquelle angesehen. Diese Serie stellt Cochrane Reviews vor, die für die hausärztliche Tätigkeit von besonderem Interesse sind. Cochrane Reviews können keine direkten Handlungsempfehlungen für die individuelle Situation geben und auch keine Detailfragen klären. Jedoch stellt ein systematischer Review die beste Methode dar, sich den aktuellen Wissensstand anzueignen und sich in der Informationsflut der Primärstudien einen Überblick zu verschaffen.

Cochrane hat zum Ziel, Entscheidungen im Gesundheitssystem zu verbessern, und hat in den vergangenen 20 Jahren dazu beigetragen, die Art und Weise, wie Gesundheitsentscheidungen getroffen werden, zu verändern. Cochrane Reviews stehen jedem zur Verfügung, der daran interessiert ist, gesundheitliche Entscheidungen auf Basis qualitativ hochwertige Informationen zu treffen. Cochrane international ist ein weltweites unabhängiges Netzwerk von Forschern, Fachleuten, Pflegekräften und Patienten, die kontinuierlich für einen internationalen Goldstandard für hochwertige, vertrauenswürdige Informationen arbeiten [1].

Interessenkonflikte: Die Autoren haben keine deklariert.

Literatur

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