Erste genmanipulierte Babys?Einsatz der Genschere sorgt für internationalen Ärger

Der chinesische Forscher He Jiankui hat nach eigenen Angaben das Genom zweier Kinder manipuliert. Aus dem Deutschen Ethikrat kommt harsche Kritik an den „Menschenversuchen“, die chinesische Regierung verbietet weitere Forschungsaktivitäten. He verteidigt sein Vorgehen unterdessen.

Peking. Nach der angeblichen Geburt der weltweit ersten genmanipulierten Babys hat die chinesische Regierung dem Forscher He Jiankui und seinen Mitarbeitern weitere Forschungsaktivitäten untersagt. Die von He berichteten Versuche seien „äußerst abscheulicher Natur“ und verletzten chinesische Gesetze und die wissenschaftliche Ethik, sagte der stellvertretende Wissenschaftsminister Xu Nanping der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua am Donnerstag (29. November). Zuvor hatten sich schon die Nationale Gesundheitsbehörde und die Chinesische Gesellschaft für Wissenschaft und Technologie (CAST) von He distanziert. Auch eine Gruppe internationaler Genomforscher kritisierte He harsch: Von einem „Super-GAU“ für die Wissenschaft spricht der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Prof. Peter Dabrock. Die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates (EGE), Prof. Christiane Woopen, fordert ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft. „Die Büchse der Pandora wurde geöffnet“, warnten mehr als 120 chinesische Wissenschaftler.

Anlass für diesen internationalen Aufschrei ist eine Videobotschaft des Forschers He Jiankui aus der südchinesischen Stadt Shenzhen. Er hatte die Geburt der ersten genmanipulierten Babys verkündet:  Mit der Genschere Crispr/Cas9 inaktivierte er eigenen Angaben zufolge in den Embryonen das Gen für den Zellrezeptor CCR5. Der ist das wichtigste, aber nicht das einzige Einfallstor für das HI-Virus in Zellen des Körpers. Der Eingriff solle die Kinder später vor einer möglichen Infektion mit dem Aids-Erreger schützen, argumentiert He auf YouTube.

Die staatliche Zeitung „China Daily“ berichtete am Dienstag (27. November), der Wissenschaftler habe für seine Versuche in Shenzhen keine Genehmigung bei den Behörden eingeholt. Die städtische Kommission für Familienplanung und Gesundheit sei nicht informiert worden, obwohl sie zunächst das Projekt hätte ethisch bewerten müssen.

Vieles ist sonderbar an Hes Vorgehen – sofern es überhaupt stimmt. Etwa, dass er die Nachricht nicht in einem Fachjournal oder auf einem Kongress vorstellt, sondern per Internet der Welt verkündet. Oder auch, dass er seiner Uni kontroverse Schritte – das Einpflanzen manipulierter Embryonen, die Schwangerschaft und die Geburt der Zwillinge – offenbar verheimlicht hat. Die Hochschule äußerte sich „zutiefst schockiert“ und distanzierte sich von He.

Ethikrat-Chef kritisiert „unverantwortliche Menschenversuche“

Doch unabhängig von der finalen Prüfung der Tatsachen hat He eine scharfe Diskussion um den Einsatz der „Genschere“ entfacht. „Bei den Experimenten handelt es sich um unverantwortliche Menschenversuche“, betonte Prof. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, unmittelbar nach Hes Mitteilung. Derzeit seien solche Ansätze aufs Schärfste zu kritisieren. Die Grundlagenforschung zur Genschere Crispr/Cas sei weit entfernt vom Einsatz beim Menschen. „Die chinesischen Forscher haben Menschenrechte verletzt und der Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft schweren Schaden zugefügt“, sagte auch Prof. Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrates (EGE). „Das sollte die internationale Gemeinschaft nicht dulden.“

In vielen Ländern – aber nicht in China – ist die Genomeditierung von Keimzellen an Menschen verboten. Aus gutem Grund: Crispr/Cas9 wird seit 2012 eingesetzt und hat Forschungslabore weltweit im Sturm erobert. Aber: Die Folgen von Crispr/Cas9-Eingriffen sind noch weitgehend unbekannt. Lulu und Nana könnten gravierende Nachteile davontragen – und an ihre Nachkommen vererben.

Die Genomeditierung mit Crispr/Cas9 ist zwar einfach, aber nicht sehr präzise, das System macht Fehler“, sagt Joachim Hauber vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg. Man könne nicht ausschließen, dass die Genschere auch an anderen Stellen ins Genom eingreife. Zudem könne die Zelle beim Verbinden der abgeschnittenen DNA-Enden Fehler machen. Dies könne sich erst nach Jahren zeigen. „Die beiden Kinder können diese Veränderungen an ihre Nachkommen weitergeben“, mahnt Hauber. „Ein solches Vorgehen verurteile ich aufs Schärfste.“

Zumal der von He angeführte Nutzen – bei einem Kind ein Teilschutz vor HIV – äußerst fragwürdig ist. „Die Inaktivierung des CCR5-Rezeptors hat eine Feigenblatt-Funktion“, sagt Hauber. „Das bringt den Kindern keinen Vorteil.“ Stattdessen drohten sogar Nachteile: Studien deuten darauf hin, dass etwa eine West-Nil-Virus-Infektion bei Menschen ohne CCR5-Rezeptor deutlich schwerer verläuft.

FDP-Bundestagsfraktion plädiert für bio-ethische Standards

Auch hierzulande wird der Einsatz der „Genschere“ aktuell noch diskutiert, auch in der Politik. Das „neue, technisch elegante Genmanipulationswerkzeug“ CRISPR/Cas ermögliche es, viel zielgenauer und einfacher als zuvor beliebige Partien des Erbguts zu verändern, schreibt die FDP-Bundestagsfraktion aktuell in einem Antrag. Die Fraktion unterstreicht den Willen, offen sowie ideologiefrei an diese Technologien in der Humangenetik heranzugehen. Dennoch seien spezialisierte bio-ethische Standards für solche Verfahren wichtig, um sensiblen Fragen rund um Veränderungen des Erbguts am Menschen gerecht werden zu können.

Zwei der drei Crispr/Cas9-Entdecker kritisieren He angesichts dieser noch ungeklärten Fragen scharf. Jennifer Doudna von der University of California in Berkeley spricht von einer dringenden Notwendigkeit, den Einsatz bei Embryonen zu beschränken. Feng Zhang vom Massachusetts Institute of Technology fordert sogar ein Moratorium für das Einpflanzen genomeditierter Embryonen, weil der mögliche Nutzen die Risiken bei weitem nicht rechtfertige.

Auch von chinesischen Forschern kam massive Kritik: „Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden“, hieß es in einem am Montag (26. November) veröffentlichten Schreiben, das 122 Forscher unterzeichneten. Die Versuche seien ein „schwerer Schlag für die weltweite Reputation der chinesischen Wissenschaft“. Die chinesische Regierung hat daraufhin eine „unverzügliche Untersuchung“ angeordnet. Die Nationale Gesundheitskommission teilte in Peking mit, man prüfe, ob der Fall mit den Gesetzen zum verantwortlichen Umgang mit der Gesundheit der Menschen übereinstimme.

Marketingtrick für internationale Aufmerksamkeit?

He behandelte nach eigenen Angaben sieben Ehepaare mit unerfülltem Kinderwunsch. Dabei manipulierte er mit der Genschere Crispr/Cas9 insgesamt 16 Embryonen, 11 davon wurden sechs Frauen eingepflanzt. Letztlich gab es – nach bisheriger Kenntnis – eine Geburt. Allerdings sind wohl nur bei einem der Kinder beide Genkopien für den CCR5-Rezeptor inaktiviert.

Angesichts der scharfen weltweiten Kritik hat He selbst seine Arbeit verteidigt. Die Wissenschaft müsse mehr tun, um Menschen mit Krankheiten zu helfen, sagte He am Mittwoch (28. November) auf einem Genomforscher-Kongress in Hongkong, bei dem er sich den Fragen aufgebrachter internationaler Experten stellte. Ein Verdacht, der angesichts seines Redebeitrags dort auch diskutiert wurde: dass es sich bei der YouTube-Ankündigung lediglich um einen Marketingtrick handelte, um sich internationales Aufsehen zu sichern.

Zudem teilte He auf dem Kongress in Hongkong mit, dass eine weitere Frau mit einem von ihm manipulierten Embryo im Frühstadium schwanger sei.

Mit Material von dpa

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