Praxis WissenDas wächst doch wieder nach?

Nicht nur Männer, auch bis zu jede dritte Frau leidet im Laufe des Lebens an Haarausfall. Cochrane Deutschland hat verschiedene Therapieansätze unter die Lupe genommen.

Was hilft gegen Haarausfall?

In der Hausarztpraxis treten häufig Beratungsanlässe zum Thema Haarausfall auf. In einem Gespräch klären ­Hausärzte zunächst die individuelle Krankengeschichte, den bisherigen Verlauf und die tatsächliche Menge des Haarverlusts. Dazu gehören Fragen nach ­Zyklusstörungen und Hormonpräparaten. Labortests können bestimmte Vorerkrankungen, Mangelerscheinungen oder auch hormonelle Störungen feststellen. Nicht alle Labor­tests müssen in der hausärztlichen Praxis erfolgen. Sehr häufig lautet das Beratungsergebnis bei weiblichem Haarausfall androgenetische Alopezie (anlagebedingter Haarausfall). Dabei dünnt das Haar überwiegend direkt auf dem Kopf und im vorderen Bereich des Kopfes aus.

Cochrane hat unter Berücksichtigung des Risikos für Bias ­eine Übersichtsarbeit erstellt, welche therapeutische Maßnahmen für den weiblichen Haarausfall auf die Evidenzbasis hin untersucht (van Zuuren EJ, Fedorowicz Z, Schoones J. Interventions for female pattern hair loss. Cochrane Database of Systematic Reviews 2016, Issue 5. Art. No.: CD007628. DOI: 10.1002/14651858.CD007628.pub4). Das Abstract der Übersichtsarbeit von Cochrane, welche die verfügbare Evidenz prüft, stellen wir im Kasten in deutscher Sprache vor.

Cochrane Review: Maßnahmen für weiblichen Haarausfall [2]

Fragestellung: Welche Behandlungen sind wirksam und ungefährlich bei weiblichem Haarausfall (engl. female pattern hair loss, FPHL)?

Hintergrund: Die häufigste Art von Haarausfall bei Frauen ist FPHL, auch bekannt als androgenetische ­Alopezie. Im Gegensatz zu Männern werden Frauen nicht kahl, jedoch dünnt das Haar überwiegend direkt auf dem Kopf und im vorderen Bereich des Kopfes aus. Dies kann zu jeder Zeit im Leben auftreten, von der ­Pubertät bis zum späten Erwachsenenalter. ­Jedoch tritt der Haarausfall häufiger bei Frauen in der Menopause auf.

Die Diagnose wird durch eine sorgfältige Anamnese (einschließlich Familienanamnese) gestellt. Andere Ursachen sollten berücksichtigt werden; daher können eine klinische Untersuchung und Labortests erforderlich sein. FPHL kann das Selbstbewusstsein erheblich beeinflussen. Diese Beeinträchtigung des Selbstvertrauens der Frau kann sich auf ihre Lebensqualität (quality of life, QoL) auswirken, was zu einem Gefühl der Unattraktivität, Scham, Unwohlsein, emotionalem Stress und geringem Selbstwertgefühl führt.

Studienmerkmale: Wir prüften die verfügba-re Evidenz bis zum 7. Juli 2015. 47 Studien mit 5.290 Frauen erfüllten die Einschlusskriterien dieses Cochrane Reviews. Das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen variierte zwischen 27 und 57 Jahren. Bei mehr als der Hälfte der eingeschlossenen Studien bewerteten wir das Risiko für Bias als unklar, bei 16 als hoch und bei nur fünf Studien als niedrig. 26 der 47 Studien erhielten finanzielle Unterstützung, hauptsächlich von pharmazeutischen Unternehmen.

Hauptergebnisse: Dieser Cochrane Review ergab, dass Minoxidil wirksamer ist als Placebo. In sechs Studien war der Anteil der Frauen, die zumindest moderaten Haarnachwuchs aufwiesen in der Minoxidil-­Gruppe, im Vergleich zur Placebo-Gruppe, doppelt so hoch. Dies wurde in sieben Studien durch die Auswertungen der Forscher bestätigt. In acht Studien gab es einen bedeutenden Anstieg der Gesamthaarzahl pro cm² in der Minoxidil-Gruppe im Vergleich zur Placebo-Gruppe. Die Lebensqualität untersuchte nur eine ­Studie. Aus den Daten war nicht klar erkennbar, ob es eine bedeutende Verbesserung gab. Die Zahl der unerwünschten Ereignisse (UE) war in beiden Gruppen ähnlich. Diese waren meist mild, bestehend aus Juckreiz, Hautreizungen, Dermatitis (Hautentzündung) und zusätzlichem Haarwachstum an anderen Stellen als der Kopfhaut. Vier Studien verglichen Minoxidil (zwei Prozent) mit Minoxidil (fünf Prozent), aber keine der Studien zeigte einen Nutzen der höheren Konzentration gegenüber der niedrigeren Konzentration. Die Zahl der UE unterschied sich nicht zwischen den beiden Gruppen. Minoxidil sollte nicht bei schwangeren oder stillenden Frauen verwendet werden.

Drei Studien verglichen Finasterid mit Placebo. Finasterid ist nur bei Männern zur Behandlung von Haarausfall sowie vergrößerter Prostata zugelassen. In einer der drei Studien wurden die Meinungen, sowohl die der Teilnehmer als auch die der Forscher ausgewertet, aber Finasterid zeigte sich nicht als wirksamer gegenüber Placebo. Die Zahl der Haare verbesserte sich nur in der Finasterid-Gruppe einer kleinen Studie mit 12 Teilnehmern, nicht aber in den anderen beiden Studien (219 Teilnehmer). UE wurden nur in einer Studie erwähnt und diese waren in beiden Gruppen ähnlich. Die Forscher dieser Studien untersuchten nicht die Lebensqualität.

Gemäß der Teilnehmer zweier Studien mit 141 Teilnehmern scheint die Laserkammtherapie nicht wirksamer zu sein als Scheintherapie. Dennoch wurde in diesen beiden Studien über eine wesentliche Steigerung des Haarwachstums berichtet. Lebensqualität wurde nicht untersucht und UE wurden nicht pro Interventionsgruppe berichtet, was diese Daten wenig ­nutzbar macht.

Einzelne Studien untersuchten die meisten der anderen Maßnahmen und Vergleiche und wir konnten keine fundierte Schlussfolgerung über die Wirksamkeit und Sicherheit dieser anderen Interventionen ziehen. Obwohl es allgemein anerkannt ist, dass erneuter Haarausfall relativ bald nach dem Absetzen der Behandlung auftritt, berichtete keine der eingeschlossenen Studien etwas über die Nachhaltigkeit der Wirkung der Behandlung, noch über die mögliche Auswirkung von Haarnachwuchs, die sich in der benötigten reduzierten Zeit der Frauen für Haar-Styling und die Verwendung von Perücken zeigt.

Qualität der Evidenz: Wir bewerteten die Qualität der Evidenz für die meisten Endpunkte als moderat oder niedrig. Die niedrigere Qualität der ­Evidenz wurde hauptsächlich verursacht durch das Risiko für Bias in Studien (zum Beispiel ­keine Verblindung) oder eine geringe Stichprobengröße, die zu weniger präzisen Ergebnissen führt.

Fazit für die Hausarztpraxis

Haarausfall bei Frauen ist ein häufiger Beratungsanlass in der Allgemeinarztpraxis. Bis zu ein ­Drittel der Frauen sind im Laufe ihres ­Lebens davon betroffen. Neben ­einer familiären Disposition und bestimmten Medikamenten erfragt der Hausarzt auch Hinweise auf schwere körperliche ­Erkrankungen wie Fieber, Gewichtsverlust sowie Operationen in den letzten drei Monaten. Für den praktisch tätigen Hausarzt ist es eine Hilfe, den betroffenen Frauen mit Minoxidil eine medikamentöse Unterstützung anbieten zu können – wenngleich auch mit geringer Evidenz. Dabei ist Minoxidil nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnungsfähig.

Cochrane und das Risiko für Bias

Ärzte treffen Entscheidungen, basierend auf eigener Erfahrung und dem in Studium oder Ausbildung Gelernten. Darüber hinaus sind Patientenwunsch und der aktuelle wissenschaftliche Standard zu berücksichtigen. Die Evidenzbasierte Medizin (EbM) hat zum Ziel, Behandlungsentscheidungen für den einzelnen Patienten auf der Basis der individuellen Erfahrung des Arztes unter Berücksichtigung der besten verfügbaren Evidenz in Abwägung der Wünsche und Vorstellungen des Patienten zu treffen. Neben einer systematischen Suche nach relevanter Evidenz in der medizinischen ­Literatur ist die Bewertung der systematischen Fehler sowie die Bewertung des Risikos für Bias (Verzerrung) wesentlicher Bestandteil der EbM.

Die methodischen Grundlagen von Studien müssen hinterfragt und verstanden werden, sodass eine Bewertung der Evidenz möglich ist. Um die Evidenzqualität zu bewerten, ist eine Unterscheidung zwischen den einzelnen Primärstudien und der systematischen Übersicht mehrerer Primärstudien zu einer Fragestellung essentiell. Zunächst muss jede einzelne Primärstudie hinsichtlich ihrer forschungsmethodischen Qualität bewertet werden. Das Risk of Bias Tool von Cochrane [1] dient dazu, das Potential für eine systematische Verzerrung in Primärstudien zu prüfen. Das Tool setzt sich aus sieben Domänen zusammen. Dabei wird eine Studie in Hinblick auf Verzerrung beispielsweise durch fehlerhafte Randomisierung oder unzureichende Verblindung hinterfragt. Mit dem Risk of Bias Tool können Einzelstudien kritisch überprüft werden. Um zu bewerten, wie verlässlich die Ergebnisse der systematischen Übersichtsarbeit, also die Gesamtheit der Primärstudien zu einer Fragestellung, sind, müssen andere Bewertungsverfahren herangezogen werden. Als national und international etabliert gilt hier das GRADE-Verfahren, über das wir in einem der nächsten Artikel dieser Serie berichten.

In jedem Fall lohnt sich der Blick auf die Qualität der vorhandenen Evidenz, wenn sich in einer systematischen Übersichtsarbeit die zu untersuchende Intervention als wirksam darstellt. Nur so lässt sich feststellen, wie vertrauenswürdig die Ergebnisse der systematischen Übersichtsarbeit sowie der darauf basierenden Leitlinienempfehlungen wirklich sind.

Interessenkonflikte: Die Autoren haben keine deklariert.

Literatur

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