Hausarzt MedizinAuch bei Erwachsenen an Rotaviren denken!

Rotavirus-Infektionen gehören zu den häufigsten Ursachen von akuten Gastroenteritiden bei Säuglingen und Kleinkindern. Doch mehr als jede 4. Infektion betrifft einen Erwachsenen.

Die meisten Rotavirus (RV)-Infektionen treten zwischen Januar und Juni auf, mit einem Maximum im April/Mai. Mit jeder durchgemachten RV-Infektion verbessert sich der Immunschutz. Daher sind ältere Kinder und Erwachsene vor symptomatischen RV-Infektionen zwar besser geschützt, aber nicht gegen jedes RV immun. Auch bei Erwachsenen kann es zur symptomatischen RV-Infektion kommen, insbesondere in Zusammenhang mit erkrankten Kindern in der Familie (z. B. bei Eltern oder Großeltern), bei geriatrischen oder immungeschwächten Patienten sowie bei Ausbrüchen in Gemeinschaftseinrichtungen.

Bei Säuglingen gibt es häufig schwere Verläufe mit Erbrechen und Durchfall, die ohne symptomatische Behandlung (orale oder intravenöse Rehydrierung) lebensbedrohlich werden können. In Deutschland wurden etwa 50 % der Kinder unter 5 Jahren mit einer gemeldeten RV-Gastroenteritis (RVGE) hospitalisiert. Weltweit sterben jährlich mehr als 400.000 Kinder an RV-Infektionen, vor allem in Ländern ohne ausreichende medizinische Versorgung.

Bei Erwachsenen können RV-Infektionen sehr unterschiedliche Verläufe haben, die von asymptomatisch bis zur schweren RV-Gastroenteritis reichen. Besonders bei Patienten mit einer Immundefizienz sind schwere Verläufe und lang anhaltende symptomatische RV-Infektionen beschrieben worden.

Impfung

Seit 2006 stehen für Säuglinge zwei attenuierte Lebendimpfstoffe zur Verfügung. Dadurch sind in Deutschland die RVGE-Fallzahlen kontinuierlich gesunken. In Ländern mit nationalen Impfprogrammen wie Österreich, wo 2007 ein nationales Impfprogramm eingeführt wurde, wird seit 2008 eine nachhaltige Reduktion der RVGE-Hospitalisierungen um rund 2/3 im Vergleich zu den Jahren 2001 bis 2006 erreicht. Die Daten aus Belgien und Finnland sind vergleichbar.

Seit August 2013 gibt es eine bundesweite Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur RV-Impfung bei Säuglingen im Alter zwischen der 6. und 24. Lebenswoche (Rotarix®) bzw. der 6. und 32. Lebenswoche (RotaTeq®) mit 2 bzw. 3 Impfstoffdosen im Abstand von mindestens 4 Wochen. Nachfolgend ist schon 2014 die Zahl der RV-Gastroenteritiden (32.000 Fälle) um rund 40 % im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2009 bis 2013 zurückge gangen, zwischen 2014 und 2015 um weitere 20%.

Durch die Verwendung von Lebendimpfstoffen wird eine natürliche Infektion simuliert. Der Schutz vor einer RV-Gastroenteritis ist wie bei einer natürlichen RV-Infektion jedoch nicht vollständig, daher sind auch bei Geimpften Infektionen mit überwiegend leichteren Krankheitsverläufen möglich (Durchbruch-Infektion). Die wesentliche Leistung der RV-Impfung ist die Reduzierung schwerer RV-Gastroenteritiden. Darüber hinaus weisen verschiedene Studien darauf hin, dass die RV-Impfung anscheinend auch zur Herdenimmunität beiträgt und daraus ein Nutzen für die Gesamtbevölkerung entsteht.

Diagnostik

Bemerkenswerterweise betreffen mehr als 1/4 aller an das RKI gemeldeten RVGE-Fälle Erwachsene. Die Inzidenz steigt zwar ab einem Alter von 70 Jahren stark an, die meisten gemeldeten RVGE-Fälle bei Erwachsen betreffen jedoch die Altersgruppe zwischen 18 und 69 Jahren. Nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen sollte daher im Rahmen der Differenzialdiagnostik eine mögliche RV-Infektion berücksichtigt werden. RV-Infektionen verlaufen bei Erwachsenen vorwiegend asymptomatisch, können jedoch auch eine RV-Gastroenteritis verursachen.

Bei der Primärdiagnostik von RV-Infektionen werden hauptsächlich RV-Antigen-Nachweise eingesetzt. Zur Abklärung eines kausalen Zusammenhangs zwischen akuter Gastroenteritis und RV-Befund ist im Zweifelsfall (z.B. grenzwertiges Testergebnis) ein quantitativer Genom-Nachweis (RV-qPCR) sinnvoll. Einige Studien stellen einen Zusammenhang zwischen hohem Virustiter und symptomatischem Verlauf fest. Geringe RV-Titer während einer akuten Gastroenteritis sprechen hingegen dafür, andere Erreger als ätiologisches Agens in Betracht zu ziehen. Zur Beantwortung dieser Fragestellung eignet sich eine RV-qPCR, die in Speziallaboren wie z. B. dem Konsiliarlabor für Rotaviren am Robert Koch-Institut verfügbar ist.

Eine Genom-Typisierung von RV ist im Rahmen einer Sekundärdiagnostik bei Ausbrüchen, akuter Gastroenteritis bei RV-geimpften Säuglingen, Impfdurchbrüchen, sowie zur Aufklärung von Infektionsketten relevant. Aufgrund der hohen Variabilität des RV-Genoms und des zoonotischen Potenzials wurden in der Vergangenheit innerhalb von wenigen Jahren neue RV-Antigene in die humane Population eingebracht und weltweit verbreitet. Die kontinuierliche molekulare Diagnostik gerade bei Impf-Durchbrüchen ist daher sehr wichtig, um die Wirksamkeit der Impfstoffe gegen neue RV-Stämme zu überprüfen.

Bei einer akuten Gastroenteritis im Zusammenhang mit einer RV-Impfung kann über spezifische, differenzierende PCR-Verfahren und Sequenzierung geklärt werden, ob es sich bei einem RV-positiven Befund um zirkulierende Wildviren oder um Impfvirus-Stämme handelt, die nach der Lebendimpfung üblicherweise ausgeschieden werden (mehrere Tage bis Wochen). Mit den herkömmlichen Antigen-Nachweisen ist eine Unterscheidung nicht möglich.

Fazit

Die Differenzialdiagnose von akuten Gastroenteritiden sollte auch dann eine RV-Infektion als mögliche Ursache berücksichtigen, wenn es sich um erwachsene Patienten handelt. Es ist wahrscheinlich, dass bei den erfassten Fallzahlen der RV-Gastroenteritiden Erwachsene unterrepräsentiert sind.

Die Impfung ist ein effizientes Mittel gegen schwere RV-Gastroenteritiden. Obwohl Erwachsene nicht geimpft werden, können sie von der Impfung der Säuglinge profitieren (Herdenimmunität). Eine gezielte Primär- und Sekundärdiagnostik zur Klärung von RV-Gastroenteritiden und zur molekularepidemiologischen Überwachung zirkulierender RV-Stämme erscheint für alle Altersgruppen von Vorteil.

Literatur beim Verfasser

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